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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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So ist es. Ist es so?

Crossing Europe 2022 in Linz
von Kurt Hofmann

Auch in der ersten Saison des neuen Intendantinnenduos Sabine Gebetsroither und Katharina Riedler war auf altbekannte Qualitäten Verlass: Weitab der Feelgoodmarke Eurofilm setzten (vorwiegend) junge Filmemacher:innen beim Festival des Europäischen Films abermals neue Akzente abseits des Mainstream.

Un Monde, Belgien 2021, Regie: Laura Wandel
Einer muss das Opfer sein: Nach diesem Motto haben sich Absolvent:innen einer belgischen Grundschule entschlossen, den elfjährigen Neuankömmling Abel auszugrenzen, zum Paria zu erklären. Immer in der Gruppe und stets ohne Anlass fallen sie über den schmächtigen Jungen her und quälen ihn. Dessen siebenjährige Schwester Nora will ihm helfen, doch Abel beschwört sie, weder dem alleinerziehenden Vater noch den Lehrer:innen davon zu erzählen. Als sich Nora schließlich doch dem Vater anvertraut, wird für Abel, den «Verräter», alles nur noch schlimmer. Seinen minderjährigen Peinigern gehen die Einfälle, Abel zu erniedrigen, nicht aus. Schließlich vermeint er, die «Lösung» gefunden zu haben: Er schließt sich einer Clique an, die einen noch hilfloseren, unbedarften Jungen ins Visier genommen hat.
Un Monde befasst sich mit einer nicht zu leugnenden Alltäglichkeit an Schulen: dem Mobbing – wie einer buchstäblich zu Müll erklärt wird (seine Peiniger:innen stecken Abel in die Mülltonne) und zum Spielball sadistischer Kindheitsfantasien wird, deren Wurzel freilich im Oben und Unten, in der Ellbogengesellschaft der Erwachsenen liegt, denen man in einem System der Egoismen die Solidarität ausgetrieben hat.
Un Monde zeigt einen Teufelskreis des sich täglich potenzierenden Wahnsinns. Wie hilflose, aber auch desinteressierte Lehrer:innen abwinken, wenn sie außerhalb der schulischen Routine Interesse zeigen, Gespräche führen müssten. Warum mitfühlende Pädagog:innen kapitulieren, wenn ihnen vermittelt wird, dass Interventionen zu aufwendig und daher nicht vorgesehen sind. Die Schule, zeigt Laura Wandel, ist zur Ausbildungsstätte einer rücksichtslosen Gesellschaft verkommen, in der es ein Miteinander nur noch gegen Schwächere gibt.

La Ligne, Schweiz/Frankreich/Belgien 2022, Regie: Ursula Meier
Eine Attacke: Margaret hat ihre Mutter geschlagen und die Einrichtung der familiären Wohnung zertrümmert. Christina, erfolgreiche Pianistin und Matriarchin einer vieltöchtrigen Familie, sieht ihre Karriere zerstört, als sie erfährt, dass die Attacke ihrer ältesten Tochter einen Teil ihrer Hörfähigkeit zerstört hat. Sie erteilt Margaret Hausverbot, berechnet die Anzahl der Meter, von denen aus sich diese ihr nicht nähern darf, zieht eine Grenzlinie, lässt sie vielmehr durch ihre halbwüchsige jüngste Tochter, das Küken der Familie, mit Farbe markieren.
Doch die Verhältnisse, die sind nicht so: Margaret ist zwar ungebärdig (insbesondere, wenn sie provoziert wird), aber im Gegensatz zu ihrer rücksichtslosen, nur sich selbst liebenden Mutter, mitfühlend.
Hinter der Linie, von Müllhalden, von Dächern aus, beobachtet Margaret das Haus ihrer Familie, in dem die gemeinsame Weihnachtsfeier vorbereitet wird. Auf einer freien Fläche nahe der Straße unterrichtet Margaret ihre jüngste Schwester, die sich einem Chor angeschlossen hat, in Gesang. Eine Rückkehr in die Familie scheint ihr ausgeschlossen und miteinander reden schwierig, da es an Vokabeln einer gemeinsamen Sprache fehlt, in der man sich verständigen könnte.
La Ligne widmet sich den sichtbaren wie unsichtbaren «Linien» zwischen den Generationen, kurz, der «Familien-Bande» (Karl Kraus). Der Konflikt scheint unlösbar, auch wenn alle darunter leiden. Dass die in dieser Konstellation naheliegenden Klischees in La Ligne vermieden werden, dafür sorgt Valeria Bruni Tedeschi als herrlich überdrehte Christina, die abweichende Argumente ebenso wie eine unpassende Realität mit souveräner Geste wegwischen kann. Sie lebt in ihrem eigenen Universum und erwartet von ihrer Familie lediglich, deren fehlerhafte Existenz ihrer idealen Welt anzupassen – ein bescheidener Wunsch.

Freizeit oder: Das Gegenteil von Nichtstun, Deutschland 2021, Regie: Caroline Pitzen
«Die Welt ist aus den Fugen», bemerkt der Dänenprinz Hamlet, der in Wittenberg studiert hat. Das stimmt heute noch und es gab Zeiten, in denen an Deutschlands Universitäten, auch an den Schulen, mehr über den Zustand der Welt diskutiert wurde (exklusive der aktuellen Kriegsdiskussionen). Aber es gibt sie noch, die Zweifler:innen am Zustand der Gesellschaft, an der «Alternativlosigkeit» der neoliberalen Vorgänge, an den undemokratischen Strukturen in den Ausbildungsstätten, die mehr Partizipation verhindern. Caroline Pitzen hat sie für ihren Film Freizeit oder: Das Gegenteil von Nichtstun aufgestöbert und zum (Miteinander-)
Reden gebracht.
Antikapitalistische Jugend im Aufbruch?: So ist es. Ist es so? Denn bei Pitzens Film handelt es sich um eine Dokufiction. Wohin die Reise geht in Freizeit, das ist gescriptet, einem Casting der in Frage kommenden Widerständigen folgt die Aufteilung in nach Eignung verteilte Gruppen. Danach aber: Improvisation, Pläneschmieden. Freizeit in Berlin: Sie treffen einander in der Straße, in Wohnungen, Parks, am See… (die Dreharbeiten fanden in vorpandemischen Zeiten statt).
Verfehlte Stadtplanung, Sexismus, mangelnde Mitsprache – Ursachen und Folgewirkungen: alles kommt zur Sprache, wird heftig diskutiert. Sie lesen (auf Anregung der Regisseurin) Ronald M. Schernikau, einen, der immer zwischen allen Stühlen saß. Oder sehen gemeinsam Kuhle Wampe, nach Brechts Drehbuch entstanden, die Geschichte einer revolutionären Freizeitkolonie. Die Welt ist aus den Fugen, und die wachen, aufmüpfigen Protagonist:innen in Caroline Pfitzens Diskursfilm wissen das auch.


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