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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 06/2022 |

Was wirklich zählt: Gutes Leben ohne Wachstum

Soziale Gleichheit und Existenzsicherheit sind für das «Glücksempfinden» viel wichtiger
von Paul Michel

Seit Jahrzehnten erzählt man uns, wir bräuchten Wachstum, um die Lebensbedingungen der Menschen zu verbessern. Dabei wird immer offenkundiger, dass das auf die Produktion von immer mehr Konsumartikeln fokussierte, kapitalistische System den Planeten zugrunde richtet und unser aller Leben bedroht.

Entgegen dem, was uns die Propheten der Konsumgesellschaft glauben machen wollen, ist Tatsache: Ab einem bestimmten Punkt, der in den einkommensstarken Ländern längst überschritten ist, trägt ein größeres Bruttoinlandsprodukt (BIP) wenig bis gar nichts zum menschlichen Wohlergehen bei.

Während der neoliberalen Phase sind die Einkommen in den kapitalistischen Wachstumsgesellschaften Europas oder Nordamerikas astronomisch gestiegen, doch Nutznießerin war vor allem eine kleine reiche Elite. Demgegenüber stagnierten oder sanken gar die Einkommen der Armen und Durchschnittsverdiener:innen. Entsprechend unterschiedlich profitierten die gegensätzlichen Pole der Gesellschaft vom Wachstum. Es mag zwar zutreffen, dass in den westlichen Industriegesellschaften auch die Mehrheit der Menschen sich heute mehr Waren kaufen kann, als vor vier Jahrzehnten – aber zu einem hohen Preis.

Das Kernproblem: Einkommensgefälle
Gesellschaften mit einem großen Gefälle zwischen arm und reich sind geprägt von einem extremen Arbeitsdruck und gnadenlosen Wettbewerb am Arbeitsplatz. Wer in dieser Tretmühle nicht mithalten kann, fällt durch ein stark durchlöchertes soziales Netz direkt in die Armut. Die Betroffenen leiden nicht nur unter ihrer schlimmen sozialen Lage, sondern werden zusätzlich deswegen als «Loser» stigmatisiert. Jene, die in der kapitalistischen Ellenbogengesellschaften noch nicht durchs Rost gefallen sind, stehen unter starkem Druck.
Bezeichnenderweise spielt gerade in Gesellschaften mit starker Polarisierung zwischen arm und reich (Status-)Konsum eine besonders große Rolle. Die Leute stehen unter dem Druck, durch das Vorzeigen teurer Statussymbole der Außenwelt ständig vorzuführen, dass sie Gewinnertypen sind. Der permanente Zwang zu derartigen Statuswettkämpfen ist ein ständiger Faktor der Verunsicherung, der negative Auswirkungen auf das Selbstwertgefühl, die sozialen Beziehungen und die psychische Gesundheit hat.

Die Folgen von Ungleichheit
In neoliberalen «Musterländern» wie den USA kommt erschwerend hinzu, dass die Menschen zusätzlich unter dem ständigen Druck stehen, möglichst hohe individuelle Einkommen zu erarbeiten, weil der Zugang zu elementaren Gütern wie Gesundheitsversorgung und Bildung infolge der Privatisierung sündhaft teuer ist. Krankheit bedeutet für die Betroffenen häufig Verschuldung bis über beide Ohren. Würden die USA zu einem öffentlichen Gesundheits- und Bildungssystem übergehen, könnten die Menschen für einen Bruchteil der aktuellen Kosten in den Genuss der Dienstleistungen kommen, die sie für ein gutes Leben brauchen.
Die britischen Epidemiolog:innen Kate Pickett und Richard Wilkinson kommen in ihrem Buch Gleichheit ist Glück zu einem alarmierenden Ergebnis: Die Rate der physisch und psychisch Kranken, der Drogenabhängigen, der Analphabeten, der Schulaussteiger, der Inhaftierten, der Übergewichtigen und die Höhe der Säuglingssterblichkeit – all das steht in direktem Zusammenhang mit der Ungleichheit der Gesellschaft.
Hickel schreibt deshalb: «Ungleichheit schafft ein Gefühl von Unfairness, sie untergräbt Vertrauen, Zusammenhalt und Solidarität in der Gesellschaft. Sie steht im Zusammenhang mit schlechter Gesundheit, höheren Kriminalitätsraten und geringer sozialer Mobilität. Menschen, die in ungleichen Gesellschaften leben sind tendenziell frustrierter, ängstlicher, unsicherer und unzufriedener mit ihrem Leben. Sie weisen höhere Depressions- und Suchtraten auf.»
In den USA waren in den 1950er Jahren die Werte für Zufriedenheit am höchsten, als das BIP pro Kopf 1500 Dollar betrug. Seither haben sich die durchschnittlichen Realeinkommen in den USA vervielfacht. Die bei sozialwissenschaftlichen Untersuchungen gemessenen Werte für Zufriedenheit sind aber nicht gestiegen, im letzten Jahrzehnt sogar gesunken.
Ähnliches gilt für Großbritannien, wo das BIP zwar erheblich gestiegen, der Unterschied zwischen arm und reich aber erheblich größer geworden ist. Eine Studie von 2006 ergab, dass gegenüber 1957 der Anteil der Menschen, die sagen dass sie «sehr glücklich» sind, von 52 Prozent auf 36 Prozent gesunken ist – obwohl das BIP mittlerweile dreimal höher ist.
Das kommt nicht von ungefähr: Im Kapitalismus ist das Ziel des Wirtschaftens nicht, die tatsächlichen Bedürfnisse zu erfüllen und das Leben der Menschen zu verbessern. Investiert wird, um für die wohlhabenden Investoren, also die reiche Minderheit, ansehnliche Renditen zu erwirtschaften.

Was zählt und was nicht?
Wenn es nicht das Einkommen ist, das für das Wohlbefinden der Menschen bestimmend ist, was ist es dann?
Jason Hickel verweist auf Studien des Sozialwissenschaftlers Adam Okulicz-Kosaryn. Dieser stellte fest: Länder, die über stabile Wohlfahrtssysteme bei Gesundheitsfürsorge, Arbeitslosenversicherung, Pensionen, bezahltem Urlaub und bezahlten Krankheitstagen, bezahlbarem Wohnraum, Tagespflege und solide Mindestlöhne verfügen, weisen die höchsten Werte bei menschlichem Glück auf. Wenn die Menschen in einer fürsorgenden Gesellschaft leben, in der jeder gleichen Zugang zu gesellschaftlichen Gütern hat, muss sich niemand mehr den Kopf darüber zerbrechen, wie er für seine täglichen Bedürfnisse aufkommt. Anstatt unter einem ständigen Konkurrenzdruck mit den Nachbarn zu stehen, können sie Bindungen gesellschaftlicher Solidarität aufbauen.
Auch andere sozialwissenschaftliche Studien zeigen: Ein Netzwerk von verlässlichen Freundschaften, guten Beziehungen und die Einbettung in ein gutes soziales Umfeld sind wichtige Faktoren für das seelisches Wohlbefinden. Wir wissen: Verringerung der Ungleichheit wirkt sich positiv auf das Leben der Menschen aus. Sie reduziert die Angst, die durch Wettbewerb und Konsumdruck entsteht, und ermöglicht Kulturen der Gegenseitigkeit, Kooperation und Solidarität.
Hickel folgert daraus: Wir brauchen kein weiteres Wachstum, um das Leben der Menschen zu verbessern. Indem wir weniger arbeiten, weniger kaufen und produzieren und stattdessen öffentliche Dienstleistungen wie allgemeine Gesundheitsfürsorge, sanitäre Maßnahmen, Bildung und gutes Wohnen ausbauen, können wir die Lebensqualität für die große Mehrheit der Menschen spürbar verbessern – und die Klimakrise bekämpfen.


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