Schließen

Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

Bert Brecht hielt nicht viel vom Recht auf geistiges Eigentum. Wir auch nicht. Wir stellen die SoZ kostenlos ins Netz, damit möglichst viele Menschen das darin enthaltene Wissen nutzen und weiterverbreiten. Das heißt jedoch nicht, dass dies nicht Arbeit sei, die honoriert werden muss, weil Menschen davon leben.

Hier können Sie jetzt Spenden

Sie befinden sich hier: Home > 2022 > 07 > Der-laute-fruehling

Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 07/2022 |

Der laute Frühling

Ein Dokumentarfilm über Klima und Arbeitswelt von Johanna Schellhagen
von Moritz Binzer

­Der laute Frühling, Deutschland 2022, Dokumentarfilm, 62 Min., Regie: Johanna Schellhagen
Kinostart: 4.8.2022. Es werden lokale Gruppen gesucht, die eine Filmvorführung in einem Kino oder sozialen Zentrum organisieren möchten.

Pünktlich zum Sommer ist der Klimabewegungsfilm Der laute Frühling fertiggestellt. Darin wird erläutert, warum der Kapitalismus zwangsläufig in den Klimakollaps führt und weshalb auch eine grüne Variante daran nichts ändern wird. Die Filmemacherin, die auch Sprecherin im Film ist, blickt auf jahrelangen Videoaktivismus in der Arbeiter:innenbewegung zurück. Sie hat verschiedene Aufstände global begleitet und bietet die Erfahrungen dieser Bewegungen und Revolten als Inspirationsquelle an. Die im Film Interviewten erteilen dem grünen Kapitalismus eine deutliche Abfuhr.
Der Film attestiert aber auch der Klimabewegung eine gewisse Ratlosigkeit, was die strategische Ausrichtung anbelangt. Er zeigt sowohl die Massenmobilisierungen und Schulstreiks von Fridays for Future (FFF) als auch Aktionen zivilen Ungehorsams und verschiedene direkte Aktionen linker Akteur:innen. Beides hat der Klimakrise große öffentliche Aufmerksamkeit beschert, hier und da kann die Bewegung auch kleinere lokale Erfolge verbuchen, nichtsdestotrotz steigen die CO2-Emissionen weltweit weiter an und am Kurs der kapitalistischen Klimazerstörung hat sich nichts grundlegend verändert. Während der Corona-Pandemie hat sich Reflexions- und Suchprozess in der Bewegung verstärkt.

Der Hebel: die Arbeitswelt
An dieser Stelle versucht der Film einzuhaken. Die Filmemacherinnen sind der Meinung, dass die Klimabewegung die Arbeitswelt als Hebel für Veränderung in ihre strategischen Überlegungen einbeziehen muss. Hier sehen sie die wichtigste Schwachstelle des Kapitalismus und plädieren dafür, mit Arbeiter:innen ins Gespräch und zu gemeinsamem Handeln zu kommen, um eine echte Streikmacht zu entwickeln.
Ein gutes Beispiel hierfür stellt die Zusammenarbeit von FFF-Aktivist:innen mit Beschäftigten des Öffentlichen Personennahverkehrs dar. Das Engagement der Fridays wurde von vielen willkommen geheißen und es kam zu einer fruchtbaren Zusammenarbeit. Im Film wird allerdings nicht weiter besprochen, was die gemeinsame Grundlage sein könnte, wenn es um Arbeiter:innen in den fossilen Industrien geht, z.B. in der Autoindustrie.
Verschiedene Zyklen von Aufständen werden mit spektakulären und schnell aufeinanderfolgenden Bildern vorgestellt. Der Film schlägt dabei den Bogen vom Aufstand in Argentinien 2001, dokumentiert dann die Welle von Aufständen in den arabischen Länder ab 2010 und findet sich in den jüngsten Auseinandersetzung in Chile, Hongkong, dem Libanon, Frankreich (und vielen weiteren) wieder. Keiner dieser Aufstände wird im Film ausführlicher porträtiert, stattdessen werden ein Zusammenschnitt von Aufnahmen und Informationen präsentiert.
Darauffolgend wird eine horizontal organisierte Stadtgesellschaft am Tag nach dem Aufstand gezeichnet. Der Auslöser bleibt unbekannt. Die künstlerischen Comic-Sequenzen hat das Zoff-Kollektiv beigesteuert. Viele Sequenzen sind dabei sichtlich inspiriert von postrevolutionären Erfahrungen rund um den Globus. Die Zuschauer:innen könnten sich z.B. an die Fabrikbesetzungen in Argentinien (während der bereits erwähnten Revolte) erinnert fühlen oder an den kommunalen Weiterbetrieb von Radio- und Fernsehsendern im Jahr 2006 während der «Kommune von Oaxaca» in Mexiko. Dass sich diese Erfahrung ausgerechnet in Berlin und dazu noch im Jahr 2024 ereignet, wird wohl viele irritieren.
Aber wer kann von sich behaupten, die massenhafte Erhebung der Gelbwesten oder der Indignados in Spanien vorhergesagt zu haben? Ein spannendes Gedankenspiel ist es allemal, und wie es bei Utopien oft der Fall ist, fällt die Darstellung auch hier ohne erkennbare Konflikte aus.
Doch wie könnte sich so eine Situation verstetigen? Was sind nächste Schritte und wie geht es weiter, wenn die Menschen grundlegende Veränderungen bewirken wollen? Die Filmemacherinnen verorten einige Antworten in der Sphäre der Arbeit und lassen organisierte Arbeiter:innen, z.B. von Amazon in Polen, zu Wort kommen. Spannend hierfür sind sicher auch die Erfahrungen der Angry Workers, die in West-London leben und sich dort in Arbeitskämpfe einbringen. Sie kommen ebenfalls zu Wort.

Wer mehr über ihre Ansätze erfahren möchte, sollte sich den dissens-podcast #173 (dissenspodcast.de) anhören.


Drucken | Artikellink per Mail | PDF Version

Kommentar zu diesem Artikel hinterlassen

Folgende HTML-Tags sind erlaubt:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>



Spenden

Die SoZ steht online kostenlos zur Verfügung. Dahinter stehen dennoch Arbeit und Kosten. Wir bitten daher vor allem unsere regelmäßigen Leserinnen und Leser um eine Spende auf das Konto: Verein für solidarische Perspektiven, Postbank Köln, IBAN: DE07 3701 0050 0006 0395 04, BIC: PBNKDEFF


Schnupperausgabe

Ich möchte die SoZ mal in der Hand halten und bestelle eine kostenlose Probeausgabe oder ein Probeabo.


Kommentare als RSS Feed abonnieren