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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 07/2022 |

documenta fifteen – ‹Gemeinsam abhängen›

Im Zentrum der diesjährigen Ausstellung steht das gemeinschaftliche Leben in der Stadt
von Violetta Bock

Die fünfzehnte documenta vom 18.Juni bis 25.September stellt das gemeinschaftliche Leben ins Zentrum. An vielen Orten finden sich daher Nongkrongs (ein indonesisches Wort für «gemeinsam abhängen»), an denen man entspannt chillen kann.

Alle fünf Jahre verwandelt sich das kleine Kassel, von dem viele nur den ICE-Bahnhof kennen, zum Anziehungsort internationaler Kunstgänger:innen, die beiden letzten Male kamen knapp eine Million Besucher:innen. Die documenta gilt als die weltweit bedeutendste Ausstellung für zeitgenössische Kunst. Sie findet alle fünf Jahre für hundert Tage in Kassel statt. Jede trägt den Anspruch in sich, die politischste ihrer Art zu sein, und oft ist sie von Skandalen und Auseinandersetzungen begleitet. Auch in diesem Jahr. Schon am vierten Tag wurde das erste Werk wegen Vorwurf des Antisemitismus abgehängt. Ich fange bewusst nicht damit an.
Die erste documenta fand auf Initiative von Arnold Bode 1955 anlässlich der Bundesgartenschau statt. Sie hatte den Anspruch, moderne Kunst, die den Deutschen während der Nazizeit als «entartete Kunst» nicht zugänglich war, zu dokumentieren und zugänglich zu machen. Der antifaschistische Gründungsmythos wird erst seit ein paar Jahren hinterfragt, seitdem Belege über die NS-Vergangenheit so mancher Gründungsmitglieder gefunden wurden. Sie haben auch eine Aufarbeitung der Geschichte der documenta angestoßen.
Jede documenta hat eine neue künstlerische Leitung, die durch eine Findungskommission ausgewählt wird. Die Ausstellungen verteilen sich mit je einem neuen Motto über die ganze Stadt; neben den klassischen Museumsorten gibt es immer auch Außenkunstwerke und neue Orte in der Stadt, die von der documenta kreativ erschlossen werden – diesmal der Kasseler Osten.
Ein Kunstwerk verbleibt immer dauerhaft in der Stadt. So etwa die 7000 Eichen von Joseph Beuys, die er bei der documenta 7 zu pflanzen begann. Unter dem Titel «Stadtverwaldung anstatt Stadtverwaltung» ging es schon damals um nachhaltige urbane Stadtgestaltung. Von der letzten documenta 2017 ist der Obelisk von Olu Oguibe geblieben, auf dem in goldenen Lettern und verschiedenen Sprachen steht: «Ich war ein Fremdling und du hast mich beherbergt.» Auch darüber wurde kontrovers und lebhaft diskutiert, vor allem – passend zum Thema – über den Standort.
Was von dieser documenta bleibt – die derzeit alles überlagernde Diskussion um Antisemitismus oder die von den Kuratoren anvisierte Frage nach dem gemeinschaftlichen Zusammenleben mit Perspektiven aus dem globalen Süden –, das wird sich zeigen.

Kollektive um die Reisscheune
Die Kuratoren sind diesmal Ruangrupa, ein Kollektiv aus Jakarta in Indonesien, die die Stadt mit ihrem vielfarbigen Auftritt in einen lebendigen und leichten Ort verwandeln. Schon die Auswahl eines mehrköpfigen Teams statt eines einzelnen Kurators ist eine Neuerung und stieß so manche der oft abgehobenen Kunstwelt vor den Kopf. Die erste Künstlerliste, auch hier mehrere Kollektive, veröffentlichten sie in der Obdachlosenzeitung Asphalt.
Die Ausstellung steht unter dem Motto lumbung, ein indonesischer Begriff für eine gemeinschaftlich genutzte Reisscheune. In indonesischen ländlichen Gemeinschaften wird die überschüssige Ernte in solchen Scheunen gelagert und nach gemeinsam definierten Kriterien verteilt. Themen der Ausstellungen und die Auswahl der eingeladenen Künst­ler:innen verkörpern diese Idee von Gemeinschaftlichkeit, geteilten Ressourcen und gerechten Verteilung. Ruangrupa will einladen dies gemeinsam zu praktizieren.
Schon im Vorfeld ging es – wegen Corona vor allem im digitalen Raum – um den Austausch unter den Kollektiven und Institutionen, um die documenta gemeinschaftlich auf der Basis gemeinsam erarbeiteter Werte (Humor, Großzügigkeit, Neugier, Genügsamkeit, Unabhängigkeit, lokale Verankerung, Transparenz und Regeneration) zu verwirklichen, statt isolierte individuelle Ausstellungsorte zu etablieren.
Wie viele Ausstellungen davor, versucht auch diese noch mehr aus der Stadt selbst zu schöpfen und nicht als Ufo zu landen, das nach hundert Tagen mit enormem Aufwand die Stadt wieder verlässt. Schon in den Monaten vor dem offiziellen Beginn wurde etwa in einem Stadtteilzentrum ein Teppich gemeinsam gewebt.
Es gibt keine strikte Trennung zwischen Kunstschaffenden und passiv Besuchenden. Im Fridericianum ist ein großer Saal für Kinder reserviert, ein anderer Raum wurde zur Werkstatt, in dem jeder aus alten, nicht mehr gebrauchten Schulstühlen neue Sitzkreationen mit Säge und Kabelbindern bauen kann. Wie an anderen Orten soll Nachhaltigkeit durch Wiederverwertung verwirklicht werden, sollen Orte bespielt werden, die langfristig und über die documenta hinaus Akteure stärken, Standorte beleben und Ansätzen zum Durchbruch verhelfen.
Es gibt eine umfassende Nachhaltigkeitsstrategie, vom Verbot von Inlandsflügen für die Künstler:innen über Food Trucks aus der Region bis zum Ausstellungskatalog aus Ökopapier.

Antisemitismus
Doch es geht dabei nicht nur um eine naive Vorstellung vom schönen idyllischen Zusammenleben, sondern ebenso um die Anklage der historischen und jetzigen globalen Herrschaftsstrukturen. Mehrere Archive wie The Black Archives, Asia Art Archive und Archives des luttes des femmes en Algérie verknüpfen Protest und Gemeinschaft und dokumentieren emanzipatorische Kämpfe. Viele Werke thematisieren die anhaltende Unterdrückung etwa von Indigenen und LGBTQI, den Widerstand gegen koloniale Machtstrukturen, die imperialistische Zerstörung des Planeten durch Konzerne.
Einige Kollektive laden nicht nur Besuchende ein, Teil ihrer Praxis zu werden, sie sind selbst Teil von Kämpfen an ihren Orten. So etwa Taring Padi, ein weiteres Kollektiv aus Indonesien, das inzwischen die bekannteste Gruppe der documenta sein dürfte. Und damit kommen wir zur Debatte um Antisemitismus.
Schon im Vorfeld hatte es in den Feuilletons Auseinandersetzungen gegeben, weil «Antideutsche», die die Solidarität vieler Künst­ler:innen mit dem Kampf der Palästinen­ser:innen, die Kritik an der Politik Israels und die Unterstützung der BDS-Kampagne nicht ertragen, Antisemitismusvorwürfe lancierten. Steinmeier überlegte, gar nicht zur Eröffnung zu kommen, wo er dann doch eine unsägliche Rede hielt. Dennoch kam es zu rassistischen Schmierereien und einige Künstler:innen wurden verunglimpft.
Als am Tag nach der Eröffnung auf dem Banner People’s Justice, das sich mit der indonesischen Militärdiktatur befasst, unter den vielen Motiven und Karikaturen eine auftauchte, die einen stilisierten Juden mit spitzen Zähnen als Sinnbild für das Kapital zeigte, wurde das Banner zuerst abgedeckt, dann auf politischen Beschluss des Aufsichtsrats abgebaut.
Ruangrupa schreibt in der jüngsten Stellungnahme dazu: «Tatsache ist, dass wir es versäumt haben, die Darstellung, die klassische antisemitische Stereotype transportiert, in der Arbeit zu erkennen. Das war unser Fehler. Im Austausch mit Taring Padi unterstützen wir die Entscheidung, die Arbeit abzunehmen … Wir möchten aber gleichzeitig darauf hinweisen, dass viele der Angriffe gegen uns nicht in ehrlicher Absicht erfolgt sind.»
Taring Padi hat eine eigene Stellungnahme veröffentlicht, in der das Kollektiv deutlich macht, dass es sich gegen jede Form der Unterdrückung wendet. Es beschreibt auch, in welcher Situation das Banner gegen Militarismus und staatliche Gewalt entstanden ist. Die im Vorfeld versäumte Debatte auf Augenhöhe soll nun nachgeholt werden. Dabei wird es auch darum gehen müssen, ob das Abhängen nicht ein Angriff auf die Kunstfreiheit ist.
Bilder von Taring Padi können weiterhin im sehenswerten Hallenbad Ost betrachtet werden. Weitere antisemitische Motive sind dort nicht zu finden. Es hoffen also nun viele, dass sich endlich ein Klima des offenen Austauschs einstellt.

Alles lumbung?
Die documenta bietet auf jeden Fall viele spannende Orte. Wer sich darauf einlässt, ist begeistert von dem Kontakt auf Augenhöhe. Leider ist sie nicht auf Anhieb so zugänglich, wie sie es vielleicht gerne wäre. Die Eintrittspreise sind noch einmal gestiegen (Tages­ticket 27 Euro, ermäßigt 19 Euro), auch wenn es Solitickets gibt, mit denen man ohne Nachweis auch ein Freiticket erhalten kann.
Ein Besuch lohnt auf jeden Fall, nicht zuletzt wegen der zahlreichen Begleitveranstaltungen. Denn die internationale Aufmerksamkeit wird von lokalen und bundesweiten Gruppen genutzt. Während der gesamten documenta gibt es parallel das Zukunftsdorf22, das einen Fokus auf Gemeinwohlökonomie legt; vom 1. bis 10.Juli organisieren Fridays for Future ein Camp für Klimagerechtigkeit; und vom 30.August bis zum 4.September lädt «Rheinmetall Entwaffnen» zum Camp ein – Kassel ist Produktionsstandort mehrerer Rüstungsfirmen wie Kraus Maffei Wegmann und Rheinmetall.


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