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Pandemie und Klimakrise

Eine kopernikanische Wende ist eingeleitet, meint der Wissenschaftssoziologe Bruno Latour
von Gerhard Klas

Nach der Pandemie gibt es kein Zurück mehr zum alten Leben, meint der französische Philosoph und Wissenschaftssoziologe Bruno Latour in seinem neuesten Buch, das er vor dem Ausbruch des Krieges in der Ukraine geschrieben hat. Die Klimakrise wird die Menschheit zu einem neuen Naturverständnis zwingen, zu mehr «Erdverbundenheit», wie der postmoderne Theoretiker formuliert. Eine Zäsur, die er mit der kopernikanischen Wende vergleicht.

«Was ist mit uns geschehen?», fragten sich viele Menschen, die im März 2020 wegen des Coronavirus in den Lockdown mussten. Vieles, was selbstverständlich war, wurde in Frage gestellt. Schlagartig wurde klar, wie verwundbar die Menschheit ist und von wie vielen Faktoren unser Wohlergehen abhängt. Die Pandemie sei nur ein Vorspiel für das, was uns durch die Klimakrise erwartet, meint Bruno Latour.
«Ich fühle mich wie Wäsche in einer Wäschetrommel», beschreibt er im letzten Kapitel sein Gefühl als denkender Mensch, der sich wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht verschließt. Wäsche, die «bei hoher Temperatur mit wahnsinniger Geschwindigkeit geschleudert wird». Nach einem Parforceritt durch Philosophie, Geschichte, Politologie, Theologie und Feminismus erklärt der Wissenschaftssoziologe, dass alles wieder völlig neu zu erfinden sei: das Recht, die Politik, die Künste, die Architektur, die Städte.
Was passiert, wenn sich alles verändert, wenn alte Gewissheiten keine Gültigkeit mehr haben? Das sind seine Ausgangsüberlegungen – inspiriert durch den Lockdown mit seinen Freiheitseinschränkungen, der uns die Abhängigkeiten von Umwelt und Mitmenschen spüren ließ. Für Latour, der sich seit vielen Jahren mit den Folgen der Klimakrise und ihrer gesellschaftlichen Rezeption beschäftigt, ist der Lockdown nur ein Vorspiel. Er ist davon überzeugt, dass das Ende der Welt, wie sie die fortschrittsgläubigen Anhänger der Moderne kennen, eingeläutet sei. Er geht sogar so weit zu behaupten, der Lockdown komme einer überfälligen Befreiung aus der Zwangsjacke ökonomischer Gesetze gleich. Was Latour dabei nicht benennt und seine These als zu optimistisch erscheinen läßt: Die Pandemie und ihre staatlichen Verordnungen haben den ohnehin Reichen in den vergangenen zwei Jahren ein nie gekanntes Füllhorn beschert, überall auf der Welt. Die Gesetzmäßigkeiten des Kapitalismus mit seinem Wachstumsfetisch laufen also wie geschmiert, Pandemie hin oder her.

Die Antimodernen
Scharfe Kritik übt Latour an der Ökonomie als Wissenschaft. Während ihre Apologeten sie als Königsdisziplin und Naturgesetz betrachten, ihre quantitative Forschung gerne über die der qualitativen Ansätze anderer Gesellschaftswissenschaften stellen, ist sie für den Wissenschaftssoziologen eine Art Gehirnwäsche. Er verbindet sie mit der Zurichtung des Individuums auf einen radikalen Egoismus. Ein Individuum, das davon überzeugt ist, nichts und niemandem etwas schuldig zu sein; das andere Menschen als «Fremde» und andere Lebensformen als «Ressource» betrachtet.
Pandemie und Klimakrise kommen hier einer Grenzerfahrung gleich. Die Grenzen des Individualismus werden in dem Maße deutlich, wie sich die Abhängigkeit von dieser Erde ins Bewusstsein brennt.
Es droht eine Entwicklung, die große Gefahren birgt und die Latour in seinem Buch nicht verschweigt: der Rückzug der reaktionären Antimodernen in die Vergangenheit. Sie wollen zurück zur Nation, kennen nur ihresgleichen und forcieren letztendlich den Krieg aller gegen alle.
Typisch für Latour – wie auch schon in seinen älteren Schriften, etwa dem Terrestrischen Manifest, das zum 200.Geburtstag von Karl Marx erschien, oder in Kampf um Gaia wenige Jahre zuvor: Er liebt es, neue Begrifflichkeiten einzuführen. In seinem neuen Buch sind es die Gegensatzpaare der «Erdverbundenen» und der «Extraterrestrischen». Es ist das «planetarische Bewusstsein», das er für die bedeutendste Zäsur seit der kopernikanischen Wende hält. Und es sind die «geosozialen Klassen», die «Ausbesserer» und die «Abzocker». Letztere sind diejenigen, die aus der Materie den höchstmöglichen Profit ziehen wollen – kurzum die Erde zerstören, um sich dann woanders hin abzusetzen. Es sind die Extraterrestrischen, die auf einen anderen Planeten ausreisen wollen, die Latour als Feinde des neuen «planetarischen Bewusstseins» definiert: Elon Musk und Jeff Bezos mit ihren Raumschiffen.
Wer nicht bereit ist, die Endlichkeit der Ressourcen zu akzeptieren, kann der Katastrophe wohl nicht anders entfliehen als diese beiden Multimilliardäre. Für Latour geht es jedoch darum, sich auf andere Weise am selben Platz zu verorten, darum, die Erde als zusammenhängendes Geflecht zu begreifen, als «Gaia», in dem und mit dem der Mensch interagiert, möglichst ohne es zu zerstören. Fest steht: Bruno Latour hat wieder ein spannendes, in Teilen provokatives Gedankenkonstrukt entwickelt, das viele Gewissheiten des gesellschaftlichen Mainstreams erschüttert.

Bruno Latour: Wo bin ich? Lektionen aus dem Lockdown. Berlin: Suhrkamp, 2022. 199 S., 16 Euro


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