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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 09/2022 |

9-Euro-Ticket

›Der einzige Strohhalm, den wir haben‹
Gespräch mit Lukas Meyer

Ein breites Bündnis von Jugend­organisationen fordert von der Bundesregierung die Fortsetzung des 9-Euro-Tickets bis mindestens Ende des Jahres. Langfristig soll der ÖPNV bundesweit kostenlos gestaltet werden. Diese Maßnahmen sollen mit massiven Investitionen in den Ausbau der Infrastruktur und den Aufbau von mehr Personal einhergehen.

»Eine Rückkehr zu den alten Ticketpreisen ab September wäre in der jetzigen Krisensituation ein Desaster«, so Wendelin Haag, Bundesvorsitzender der Naturfreundejugend Deutschlands. »Mobilität ist ein Grundrecht und gerade für junge Menschen eine wichtige Voraussetzung für Selbstbestimmung und gesellschaftliche Teilhabe. Verkehrsminister Wissing kann jetzt zeigen, dass ihm die Freiheit junger Menschen ein Anliegen ist. Denn diese Freiheit ist durch hohe Energiepreise und die Klimakrise massiv bedroht. Ein entgeltfreier öffentlicher Personennahverkehr wäre die richtige Maßnahme zum Einstieg in die Mobilitätswende.«
Für die Finanzierung der Maßnahmen fordern die Jugendorganisationen von Umweltverbänden, Gewerkschaften, mehrerer Parteien und der Klimabewegung die Nutzung von Geldern aus umweltschädlichen Subventionen, deren Streichung bereits im Koalitionsvertrag verankert ist.
Derzeit ist der Verkehrssektor für 20 Prozent aller Treibhausgasemissionen in Deutschland verantwortlich. In den letzten Jahrzehnten wurden die Klimaziele im Verkehr dauerhaft verfehlt. Hinzu kommen Flächenversiegelung, Ressourcenverbrauch, Luft- und Lärmverschmutzung. Um das Pariser Klimaabkommen einzuhalten, ist eine sozial und ökologisch ausgestaltete Mobilitätswende entscheidend.
Im Bündnis engagieren sich u.a. Naturfreundejugend, DGB-Jugend, EVG-Jugend, Naturschutzjugend, BUNDjugend, Linksjugend Solid, ­Fridays for Future, Grüne Jugend…
www.naturfreunde-berlin.de/9-euro-ticket-erhalten?page=2

Lukas Mayer ist 25 Jahre alt, arbeitet bei der Deutschen Bahn als regionaler Jugendkoordinator für Hessen und ­Baden-Württemberg und ist ehrenamtlich bei der Eisenbahn-Verkehrsgewerkschaft (EVG) im Bundesvorstand der EVG-Jugend aktiv. Diese hat sich dem Bündnis für eine Verkehrswende angeschlossen.

Hast du persönliche Erfahrungen mit dem 9-Euro-Ticket?

Ich habe selbst kein Auto, erledige alles mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Klar habe ich dann auch das 9-Euro-Ticket genutzt. Ich habe viele Leute erlebt, die begeistert waren, weil sie einen Ausflug machen konnten. Aber ich habe selbst auch mehrere Termine verpasst, weil die Züge so überfüllt waren, dass ich nicht mehr einsteigen konnte.

Deine Gewerkschaft ist gegen die Fortführung des 9-Euro-Tickets. Die EVG-Jugend hat sich aber einem Bündnis angeschlossen, das eine Verlängerung bis zum Ende des Jahres fordert.

Als EVG-Jugend vertreten wir natürlich auch Beschäftigte, für die das 9-Euro-Ticket unter den aktuellen Umständen eine harte Belastungsprobe darstellt. Die wollen wir auch mitnehmen. Deswegen machen wir auch auf die Mängel aufmerksam, sei es Infrastruktur oder Personalausstattung. Heute müssen die Kolleg:innen in Einzelschichten mit 200 bis 300 Leuten klarkommen: Tickets kontrollieren, Maskenverweigerer ermahnen, auf dem Bahnsteig die Ankunft und Abfahrt des Zuges koordinieren und für die Sicherheit der Passagiere sorgen, Aggressionen wegen Verspätung usw. abfangen. Die Belastungsgrenze ist längst erreicht, eigentlich bräuchten wir insgesamt 100000 nachhaltige Jobs, Service- und Fahrzeugwartung und -produktion eingeschlossen. Denn wir haben auch zu wenig Züge.

Wie haben die Kolleg:innen denn auf die Forderungen des Jugendbündnis reagiert?

Auch vor Corona und dem 9-Euro-Ticket mussten Kolleg:innen regelmäßig Doppelschichten machen oder hatten mehrere 6-Tage-Wochen am Stück. Ist eine Person ausgefallen, hat das eine Kettenreaktion verursacht. Die Belastung der Kolleg:innen, die das aufgefangen haben, führte wiederum zu vermehrten Krankmeldungen.
Das Kalkül der Arbeitgeber im ÖPNV, die Personalkosten möglichst gering zu halten und damit Aufträge aus öffentlichen Ausschreibungen zu gewinnen, geht hier nach hinten los. Dieses System ist völlig auf Kante gestrickt. Ein kleiner Störfaktor, dann kollabiert es. Besonders augenfällig ist das im S-Bahn-Betrieb der Ballungszentren. Sogar hier begrüßen viele Kolleg:innen, mit denen ich geredet habe, grundsätzlich die Idee von einem günstigen (manchmal sogar von einem kostenlosen) Nahverkehr. Letztendlich würden ja auch viele Streitereien und Stress wegen des sog. »Schwarzfahrens« wegfallen. Aber angesichts der ganzen Mängel würde das im Moment Kolleg:innen kaum befürworten.

Was ist eure Motivation, bei der Kampagne für eine Verlängerung des 9-Euro-Tickets mitzumachen?

Wir haben von Anfang an gesagt, OK, die Rahmenbedingungen sind zwar denkbar schlecht. Aber es ist vielleicht der einzige kleine Strohhalm, den wir haben, um wirklich eine Verkehrswende einzuleiten. Deswegen haben wir das Jugendbündnis mit angestoßen. Wir wollen den Umweltgruppen signalisieren: Auch wir wollen die Verkehrswende. Wir sind aber auch auf eure Unterstützung angewiesen bei den enormen Problemlagen, die wir haben, ganz besonders beim Personal.
Da war von Anfang an das Verständnis da, dass wir soziale und ökologische Aspekte nicht gegeneinander ausspielen dürfen. Wenn wir uns jetzt als Gewerkschafter:innen nicht an der Debatte beteiligen, fällt das nur auf uns zurück. Mit der Zivilgesellschaft im Rücken, also so lange die Debatte um das 9-Euro-Ticket geführt wird, können wir jetzt Druck für eine Verkehrswende aufbauen. Diese Chance ist vielleicht in drei Monaten schon wieder vorbei.

Haben Verkehrsministerium oder Bahn schon auf die Forderungen reagiert?

DB Fernverkehr will 4000 Beschäftigte im Service einstellen. Das halte ich allerdings für Symbolpolitik, weil es das eigentliche Problem nicht löst und keine dauerhaften Arbeitsverhältnisse schafft. Wir haben die Themen mit dem Arbeitgeber besprochen, aber er will nicht wirklich auf unsere Forderungen eingehen und über umfangreichere und unbefristete Neueinstellungen sprechen. Dass es sich hier um ein Zukunftsthema handelt, dieses Verständnis ist nicht besonders ausgeprägt. Schon seit Jahren weisen wir den Arbeitgeber auf die niedrigen Ausbildungszahlen hin. Dass nicht auf uns gehört wurde, rächt sich nun.

Es sind ja verschiedene Modelle im Gespräch, vom 69 Euro Ticket des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV), über ein 365-Euro-Ticket und ihr mit der Forderung nach dem Nulltarif. Habt ihr ein konkretes Modell?

Die EVG hat vor ein paar Jahren die Forderung nach einem Nulltarif beschlossen. Damals war der Plan: zuerst Ausbau und Weiterentwicklung des Systems und dann Einführung des Nulltarifs. Wir sind heute jedoch an einem neuen Punkt, der Stufenplan ist überholt. Jetzt spricht sich die EVG für das 365-Euro-Ticket als Zwischenstufe aus. Der Vorteil: Es wäre eine auf langfristige Nutzung angelegte Lösung. Wer sich dieses Ticket kauft, will nicht nur einen Ausflug machen, sondern will wirklich umsteigen, setzt dauerhaft auf den öffentlichen Verkehr. Als EVG-Jugend geht es uns im Moment vor allem darum, den Druck aufzubauen, dass überhaupt irgendetwas getan wird. Deswegen 9 Euro bis Jahresende und dann Nulltarif.
Ein höherer Preis als 9 Euro würde die ohnehin große finanzielle Belastung vieler Menschen nochmal erhöhen. Wir werden uns an Protesten dagegen beteiligen. Da sehe ich auf jeden Fall auf unserer Seite Potenzial: Wahrscheinlich können wir mehr Kräfte mobilisieren als in den letzten Jahren.

Die nächste Tarifrunde steht an. Wird euch die Klimabewegung unterstützen?

Das schätze ich so ein. Fridays for Future haben ja schon Tarifverhandlung bei Ver.di begleitet. Wir, die EVG, werden uns auch im Herbst mit ihnen austauschen und auf ihre Unterstützung bei den Tarifverhandlungen setzen. Denn wenn wir gute Ergebnisse erzielen, dann kommen die Leute auch zu uns, wollen bei uns arbeiten. Das wäre eine wichtige Voraussetzung für eine Verkehrs- und Klimawende.


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