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Atomare Kakophonie

Warum AKWs die Energiefrage nicht lösen können
von Klaus Meier

Seit Wochen trommeln Union und FDP, unterstützt von den Medien des Springer-Konzerns, dafür, dass die drei Atomkraftwerke Emsland, Neckarwestheim-2 und Isar-2 über den gesetzlichen Abschalttermin Ende 2022 hinaus am Netz bleiben sollen. Besonders laut ist CSU-Chef Söder, der keinerlei Sicherheitsprobleme sieht. Sein Hauptargument ist ein Gutachten vom TÜV Süd, das die bayerische Landesregierung selbst eingeholt hatte.

Das Gutachten des TÜV behauptet: »Aus sicherheitstechnischer Sicht« bestehen »keine Bedenken«, das Kraftwerk Isar 2 bei Landshut über den 31.Dezember 2022 weiterlaufen zu lassen. Das Problem dabei: Die verpflichtende große periodische Sicherheitsüberprüfung, die alle zehn Jahre nach dem neuesten wissenschaftlichen Kenntnisstand stattfinden muss, gab es zuletzt 2009. Sie ist überfällig, denn sie hat zuletzt vor 13 Jahren nach alten Standards stattgefunden. Neuere Erkenntnisse, bspw. aus der Reaktorkatastrophe von Fukushima, konnten darin noch gar nicht berücksichtigt werden. In der Zwischenzeit können Schäden am Reaktor, etwa durch Verschleiß, Korrosion oder Versprödung von Stahlbauteilen eingetreten sein. Schließlich sind alle Materialien des Reaktors einer erheblichen thermischen und nuklearen Belastung ausgesetzt.
Alles unwichtig, findet der TÜV in seiner mal gerade sieben DIN-A4-Seiten dünnen Expertise. Die Sicherheitsüberprüfung könne man im laufenden Betrieb nachholen. Die Anfangs- und Enddaten des TÜV-Gutachtens zeigen übrigens, dass es in nur sieben Tagen zusammengeschrieben wurde. Die Hamburger Kanzlei Günther bewertet die TÜV-Expertise aus rechtlicher Sicht denn auch als »schlampig argumentierende Auftragsarbeit«.
Doch wie glaubwürdig ist eine Expertise des TÜV Süd überhaupt? Gegen den Konzern läuft immerhin eine millionenschwere Klage von 1200 Opfern eines Dammbruchs in Südbrasilien, bei dem 270 Menschen ums Leben kamen und eine ganze Landschaft mit giftigem Bergwerksschlamm verseucht wurde. Der TÜV hatte vier Monate vor dem Unglück ein Gutachten verfasst, in dem er die Sicherheit des Rückhaltedamms garantierte. Jetzt verkündet dasselbe Unternehmen, dass man alte AKWs ohne vorherige Sicherheitsüberprüfung weiterlaufen lassen könne.

Lindner: In Energiefragen krass inkompetent
Zu den AKW-Freunden gehört auch Finanzminister Lindner. Er erklärte gegenüber Bild am Sonntag, dass man »die sicheren und klimafreundlichen Kernkraftwerke« bis 2024 weiter nutzen sollte. Er erklärte weiter: »Es muss in jedem Fall eine Stromlücke verhindert werden und zugleich darf Gas nicht mehr für die Energieproduktion eingesetzt« werden. Lindners Äußerungen zeigten, dass er mit den Fragestellungen einer sicheren Energieversorgung keinesfalls vertraut ist.
Ein Sprecher des Wirtschaftsministeriums musste dem unwissenden Finanzminister Nachhilfe geben: Gas sei in Spitzenzeiten nötig, um die Stromnachfrage zu jeder Zeit decken zu können. Die träge reagierenden Atomkraftwerke kann man jedoch bestenfalls für die Strom-Grundlast einsetzen. Um die geht es aber gar nicht, denn die ist für die Versorgung unkritisch. Problematisch sind dagegen vorübergehende Stromspitzen, z.B. wenn morgens um 7 Uhr viele Verbraucher gleichzeitig Kaffee kochen. Dafür braucht man dann schnell reagierende Gaskraftwerke oder Speicher. Im Gegensatz zu AKWs haben sie sehr kurze Reaktionszeiten. Sie können die Strommenge im Netz z.B. für eine Stunde schnell hoch und dann wieder runter fahren.
Was der Bundesfinanzminister mit seinem Vorpreschen fürs Abstellen aller Gaskraftwerke auch nicht verstanden hat: Viele Gaskraftwerke werden für die Kraft-Wärme-Kopplung genutzt. Sie produzieren Strom, geben aber gleichzeitig Wärme in Fernwärmenetze ab. Die Gaskraftwerke haben damit auch eine systemrelevante Aufgabe und dürfen aus diesem Grund ihren Versorgungsbetrieb nicht einfach einstellen. Würde man Lindner die Heizkraftwerke einfach abschalten lassen, dann würden im nächsten Winter Millionen Menschen vor ihren kalten Heizungen sitzen und frieren.

Alte AKWs wieder anschalten?
CSU-Chef Söder geht noch weiter und fordert, dass zusätzlich auch die drei 2021 abgeschalteten AKWs wieder in Betrieb genommen werden sollten. Der CSU-Chef beruft sich dabei auf den Präsidenten des TÜV Süd, Bühler. Der hatte gegenüber der Bild-Zeitung behauptet, die Atomkraftwerke Brokdorf, Grohnde und Gundremmingen C seien »sicherheitstechnisch dazu in der Lage, weiter betrieben zu werden«. Es müssten dazu lediglich »einige Prüfungen und Sicherheitschecks« durchgeführt werden.
Bei allen drei AKWs ist aber bereits der Rückbau eingeleitet worden. Die Reaktorkerne wurden entladen, in Gundremmingen sind bereits die Stromgeneratoren demontiert. In Grohnde wurde darüber hinaus bereits der Primärkreislauf dekontaminiert, in Brokdorf wird das vorbereitet. Die Dekontamination wird mit aggressiven Chemikalien durchgeführt, um radioaktive Beläge aus den Röhren und Leitungen des Primärkreislaufes zu entfernen. Diese Chemikalien können aber nach Angaben der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) eine Gefahr für einen sicheren Reaktorbetrieb sein.
Generell würde eine Wiederinbetriebnahme bedeuten, dass alle Systeme wiederhergestellt und geprüft werden müssten, ob sie auch einen Leistungsbetrieb aushalten. Der Atomexperte Michael Sailer erklärte dazu, ein solcher Reaktor sei nicht mehr brauchbar. »Außerdem sind die Anlagen seit Anfang des Jahres stillgelegt und zum Beispiel seither nicht mehr darauf kontrolliert worden, ob die Sicherheitssysteme in Ordnung sind, die man nur bei laufendem Betrieb braucht.«

Grüne haben Stresstest nicht bestanden
Der Widerstand der Grünen gegen diese rechte Atomkampagne kann nur als butterweich und kläglich bezeichnet werden. Habeck widerspricht überhaupt nicht offen, sondern redet nur von einem mehrwöchigen »Stresstest«, den man zur Bewertung der Versorgungssicherheit ergebnisoffen durchführen würde. Doch zwischenzeitlich stimmte die Grüne Fraktion in Münchens Stadtparlament gemeinsam mit den Sozialdemokraten dafür, dass das Atomkraftwerk Isar-2 bis Mitte 2023 weiterlaufen solle. Habecks »Stresstest« wurde gar nicht erst abgewartet. Die Süddeutsche Zeitung berichtete, die Münchener Abstimmung sei sogar von führenden Köpfen der Berliner Grünen gemanagt worden.
Die Grünen geben vor, sie wollten nur einen »Streckbetrieb« für Isar-2, bei dem keine neuen Brennstäbe in den Reaktor eingesetzt würden. Vielmehr würden die vorhandenen Brennstäbe – bei kontinuierlich sinkender Leistung – noch bis zu drei Monate über ihre ursprünglich geplante Lebensdauer hinaus genutzt werden. Die AKW-Betreiber geben aber an, dass ein Streckbetrieb unpraktikabel sei. Die Vorruhestandsverträge mit den Belegschaften seien längst abgeschlossen. Die Weichen für den Rückbau seien gestellt, im Januar würden Spezialisten mit den Arbeiten beginnen. Bei einem Streckbetrieb gerate der gesamte Zeitplan für den Jahre dauernden Rückbau aus dem Takt. Im Zweifelsfall setzen die Betreiber lieber gleich auf eine mehrjährige Verlängerung des Atombetriebs. De facto öffnen die Grünen mit ihren Zugeständnissen dafür die Tür.

Ein Blick nach Frankreich
Ein Blick über die Grenze auf die Atomkraftwerke in Frankreich wirkt ernüchternd. Das Land hat zwar reichlich Kernkraftwerke, aber eine Sicherheit der Energieversorgung ist damit noch lange nicht gegeben. Anfang August waren von 56 vorhandenen französischen Atommeilern 29, also über die Hälfte, im Stillstand. Die verfügbare Stromleistung entsprach nicht einmal einem Drittel des möglichen Wertes. Große und mittelgroße französische Städte beginnen sogar schon unter Stromausfällen zu leiden.
Was sind die Ursachen für diese Ausfälle? Bei einem Teil des Kraftwerkparks wurden kritische Schweißnähte und Haarrisse an den Sicherheitskomponenten entdeckt. Sie sind eine Folge der jahrelangen Belastung der Bauteile durch hohe Temperaturen und der Bombardierung mit radioaktiven Strahlen. Wegen dieses Sicherheitsproblems musste eine ganze Reihe von Reaktoren stillgelegt werden.
Andere französische Atomkraftwerke wurden ein Opfer der extremen Hitzewellen. Die Anlagen benötigen für ihren Betrieb große Mengen Kühlwasser, das aus den französischen Flüssen entnommen wird. Wegen der Dürreperiode ist aber der Wasserstand der Flüsse stark gesunken und die Flusstemperatur ist bereits überhöht. Würden die Kraftwerke jetzt noch ihr warmes Abwasser einleiten, würde es zu einem massenhaften Sterben von Kleinorganismen und des Fischbestands kommen.
Der Linkspolitiker Jean-Luc Mélenchon brachte im Sender France Bleu die Situation auf den Punkt: »Es stellt sich heraus, dass die Kernkraft nicht funktioniert, wenn es heiß ist.«
Ein wichtiger Grund gegen AKWs auch in Deutschland. Doch Frankreichs Probleme mit seinen Atomkraftwerken wird hierzulande umgekehrt genutzt, um längere Laufzeiten zu legitimieren. So erklärt Franziska Brantner, grüne Staatssekretärin im Wirtschaftsministerium von Habeck, man müsse »berücksichtigen, in welcher schwierigen Lage Frankreich gerade ist, weil eben dort sehr, sehr viele Atomkraftwerke nicht laufen«. »Das werden wir bei uns miteinbeziehen, damit wir im Zweifel auch solidarisch sein können.« Unter »Solidarität« versteht Brandler offensichtlich längere Laufzeiten für Atomkraftwerke.

Der Autor arbeitet mit im Netzwerk Ökosozialismus.


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