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Kahlschlag bei Benz

In Mannheim sollen hunderte Stellen in der Omnibusfertigung gestrichen werden
von Mina Gogel

Die Geschäftsführung der Daimler Truck AG ging vor den Sommerferien mit einem »Einsparprogramm« an die Öffentlichkeit: Mindestens 1000 Arbeitsplätze in Mannheim und 600 weitere in Neu-Ulm sollen vernichtet werden.

Die Unternehmensstrategie der Daimler Truck AG folgt dabei der »Diktatur der Zahlen«. Sie ist orientiert an ständiger Kostensenkung und Gewinnoptimierung für die Investoren. Dies führt auch zur Zerschlagung und zum Umbau von relativ stabilen Konzernen. Die Daimler Truck AG konnte im Jahr 2021 große Gewinnsteigerungen einfahren mit einem EBIT (Ergebnis vor Zinsen und Steuern) von 2,552 Mrd. Euro. Trotzdem stellt sie ihren Standort beim Busbau in Mannheim in Frage. Als größter und weltweit führender Omnibushersteller ist die Daimler Truck AG in Mannheim-Waldhof mit 8500 Beschäftigten tätig.
5000 Beschäftigte arbeiten im Motorenbau. Betroffen von den neuen Plänen zum Stellenabbau ist aber vor allem die EvoBus Gmbh, die zu 100 Prozent eine Tochter von der Daimler Truck AG ist. 3500 Menschen sind dort in der Fertigung von Rohkarosserien für Busse angestellt. 100 Mio. Euro sollen jährlich eingespart werden. Ein Kahlschlagprogramm, das den radikalen Umbau der EvoBus-Produktion im Europa vorsieht. Insbesondere der Stadtbus-Rohbau in Mannheim ist bis 2030 davon betroffen. Die Produktion soll nach Holysov in Tschechien verlagert werden – verbunden mit einer Verringerung der Lohnkosten und der Deckelung der Montagekapazität des Standorts in Mannheim.
Betriebsrat und Gewerkschaften haben Widerstand angekündigt. So wurde Bruno Buschbauer, der BR-Vorsitzende, mit den Worten zitiert: »Die Auseinandersetzung hat begonnen. Wir werden mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln für unseren Standort kämpfen. EvoBus ist der einzige Bushersteller, der noch in Deutschland fertigt … Wir sind harte Zeiten gewohnt. Wenn es drauf ankommt, steht der ganze Standort, Motorenbau und Busbau, zusammen.« Auch der 1.Bevollmächtigte der IG Metall Mannheim, Thomas Hahl, spricht von einer »Überlebensfrage für den Industriestandort Mannheim«.
Die Reaktion der Belegschaft war vielsagend: Bei der Information für die Beschäftigten am 29.Juni gab es ein Pfeifkonzert für die Geschäftsleitung, im Anschluss verließen alle Anwesenden das Werk. Die Spätschicht erschien nicht zur Arbeit. Bei der Betriebsversammlung am 14.Juli zeichnete sich in der aufgeheizten Stimmung eine klare Kampfbereitschaft der Kolleg:innen ab.
Die ISO Rhein-Neckar lud daher am 22.Juli zu einem Infoabend zum Thema »Kahlschlag beim Benz: ›Transformation‹ zur weiteren Profitsteigerung«. Der Referent hob die Notwendigkeit eines koordinierten Kampfes über alle Betriebsgrenzen hinweg hervor. Alle Branchen des Gesamtkonzerns müssten in den Widerstand einbezogen werden, damit eine gemeinsame Gegenbewegung zustande kommt, die auf die Geschäftsleitung Druck ausüben kann. Dabei haben Arbeit und Ausbildung vor Profitinteressen zu stehen. Es sei die Einhaltung des Grundgesetzes einzufordern, wo es in Art.14 GG heißt: »Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich zum Wohle der Allgemeinheit dienen.« Dies schließt das Verbot von Entlassungen und sozialen Schutzschirm für die Beschäftigten mit ein.
Eine elementare gesellschaftliche Frage ist damit berührt, die im Aufbau einer Solidaritätsbewegung gipfelt. Die Diskussion des Abends drehte sich um die Frage, wie nun Solidarität zu organisieren ist.
Gerade der Busrohbau ist Teil einer sozial-ökologischen Transformation und sollte mit dem Ausbau des ÖPNV verbunden werden, statt in Deutschland den letzten Standort dafür abzubauen. Bei diesem Kampf gibt es also klare Anknüpfungspunkte für die Klimagerechtigkeitsbewegung, aber auch weitere Bündnispartner:innen. Der Standort ist für die gesamte Region wichtig, für die IGM in Mannheim ist zugleich das Benzwerk in Mannheim das Rückgrat mit hohem Organisationsgrad. Bisher gab es daher Gespräche mit Politik, zahlreiche Solidaritätsbotschaften, selbst von Arbeiter:innen aus Brasilien bis hin zu Bannern von Fans im Fußballstadion.


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