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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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POLNISCHE PRESSESCHAU 180, 01.09.2022

Seit März schwammen tote Fische in die Oder onet.pl 26.08.2022

Krystyna Sowa, stellvertretende Vorsitzende des Stadtrats von Gliwice und Leiterin des Siedlungsrats des Ortsteils Labedy, hat seit März erfolglos mehrere Institutionen auf die sukzessive Vergiftung des Gliwice-Kanals, eines Nebenflusses der Oder, aufmerksam gemacht. „Es war, als würde man mit dem Kopf gegen eine Wand rennen“, erzählt sie Onet.

Unter anderem leiten zwei staatliche Unternehmen Zaklady Mechaniczne „Bumar-Labedy“ (eine Panzerfabrik) und Spolka Restrukturyzacji Kopaln (Gesellschaft zur Restrukturierung der Zechen) ihre Abwässer in den Gliwice-Kanal und den Fluss Klodnica ein, die in die Oder fließen. In diesem Abwasser wurde bei einer Kontrolle festgestellt, dass die zulässigen Grenzwerte u.a. für Stickstoff, Chloride, Sulfate, Eisen, Kalium und Natrium überschritten wurden.

„Es war schmutzig, es roch übel, tote Fische schwammen auf der Wasseroberfläche“, erzählt Krystyna Sowa gegenüber Onet

In dem Schreiben an die Stadträtin Sowa gibt das WIOS in Kattowitz ein anderes Datum für den Beginn der Inspektion in den Zak?ady Mechaniczne „Bumar-Labedy“ an als im Schriftverkehr mit Onet

Wody Polskie und die Woiwodschaftsinspektion für Umweltschutz haben bisher nichts unternommen, um die fortschreitende Verschlechterung des Kanals zu verhindern. Dies geht nicht nur aus den Antworten auf die Fragen der Stadträtin hervor, sondern auch aus der Korrespondenz dieser Institutionen mit Onet

Kann die seit März andauernde Degradierung des Gleiwitzer Kanals mit der aktuellen Katastrophe an der Oder in Verbindung gebracht werden? Bisher hat noch niemand eine klare Antwort auf diese Frage gegeben

Tage, an denen von den einzelnen Orten bekannt wurde, dass dort tote Fische in der Oder gesichtet wurden lt. einer Karte:

Lipki 26.07.; — Olawa 30.07.;— Glogow 05.08.;— Brody 09.08.;— Krosno Odrzanskie 09.08.;— Slubice (Poln. Seite von Frankfurt/Oder) 10.08.;— Kostrzyn nad Odra 10.08.;— Szczecin 12.08

Bei der vergifteten Oder geht es nicht nur um tote Fische. Diese Katastrophe wird uns alle treffen www.wroclaw.pl 18.08. 2022

Früher oder später werden die angesammelten Giftstoffe, die das Leben in der Oder getötet haben, auch die Menschen in Wasser, Luft und Nahrung erreichen”, warnt Dominik Dobrowolski, von der Aktion Saubere Oder, der Initiator der Kanutour Breslau-Berlin, ein Umweltschützer und Sozialaktivist aus Breslau. (in der SoZ Ausgabe Oktober ein Interview mit ihm)

Tut Ihnen das Herz weh, wenn Sie sehen, was mit Oder passiert?

Ich fühle vor allem Machtlosigkeit und Wut. Ohnmacht, weil ich nichts tun kann, wenn ich blutende Fische am Ufer sehe, die angeschlagen sind und in ihrem Leiden sterben. Ich weiß auch, dass das, was wir sehen, nur ein paar Prozent der getöteten Fauna ausmacht. Die Tiere sinken auf den Grund, bedeckt von Schlamm, versteckt in der Flussvegetation. Das ist eine Katastrophe: Das Gift verschwindet nicht, sondern reichert sich im Sediment an, bleibt am Schilf hängen und kann beim nächsten höheren Wasserstand freigesetzt werden. Ich bin auch wütend auf denjenigen, der hinter diesem Verbrechen gegen die Natur und gegen die Menschen steckt, aber ich bin auch wütend auf die Regierungsbehörden, die sich seltsam langsam für das Problem interessiert haben. Ganz zu schweigen von der mangelnden Kommunikation und den vielen widersprüchlichen Informationen. Gleichzeitig haben die Menschen, die Bürger nicht versagt, sie haben das Problem von Grund auf angepackt, sie säubern den Fluss, sie schlagen Alarm, sie handeln!

Überall hört man von einer „Umweltkatastrophe“ – Tausende von Fischen sind tot, Flora und Fauna zerstört….

Ja, es ist eine Katastrophe. Fische und wirbellose Tiere bilden die mittlere trophische Ebene, kleinere Einzeller, die ebenfalls kontaminiert und getötet wurden, die noch niedrigere. An der Spitze der trophischen Leiter steht der Mensch, und früher oder später werden die angesammelten Giftstoffe, die das Leben in der Oder getötet haben, auch den Menschen in Wasser, Luft und Nahrung erreichen.

Ist dies ein großer Verlust, der wieder gutgemacht werden kann? Wie lange könnte es dauern? Was wird zu tun sein – Schritt für Schritt…

Ein Schaden, der jetzt noch nicht abzuschätzen ist und dessen weitere Folgen nicht absehbar sind. Wir kennen keine solche Situationen aus der Geschichte. Unter den getöteten Arten finden sich 10-jährige Zander, Hechte und Welse. Die Mindestzeit für die Wiederherstellung des Ökosystems von vor der Tragödie beträgt also 10 Jahre, natürlich nur, wenn die verantwortliche Substanz aufhört zu töten.

In diesem Jahr habe ich zusammen mit Freunden begonnen, die Aktion Saubere Oder im gesamten Odereinzugsgebiet von der Tschechischen Republik bis zum Stettiner Haff zu organisieren: Neben der Reinigung des Flusses beginnen wir jetzt, eine öffentliche Spendenaktion für die Wiederherstellung der Ichthyofauna zu organisieren. Mit den gesammelten Geldern werden wir im Frühjahr 2023 gemeinsam mit Anglern und Fachleuten eine Wiederbesetzung des Odereinzugsgebietes organisieren. Wir laden bereits jetzt alle Interessierten ein, sich an dieser Kampagne zu beteiligen.

Aber was geschehen ist, ist nicht nur eine ökologische Katastrophe, es ist auch der Tod des touristischen Lebens, des Freizeitlebens an und auf der Oder.

Natürlich werden sich alle, die von der Oder gelebt haben, von der Entwicklung des Fremdenverkehrs, die Wasserwanderer, die Angler, die Touristen, der Oder nun mit Vorsicht nähern. Jedes Jahr organisierte ich eine internationale Rafting-Tour von Wroc?aw nach Berlin. Im Juni bin ich mit meinen Flößerkollegen in der Oder geschwommen, und wir haben in der Strömung ein Meter lange Hechte gesehen. Ich weiß nicht, wie die Rafting-Tour im nächsten Jahr aussehen wird oder ob sie überhaupt stattfindet.

Was passiert ist, ist nicht nur ein polnisches Problem – wir sind ein Verbund von Wasserstraßen, die über Kanäle mit anderen europäischen Flüssen verbunden sind….

Ja, wie ich bereits erwähnt habe, greift die Vergiftung der Oder die gesamte trophische Kette. Fische fressen Vögel, Amphibien, Reptilien sowie räuberische und allesfressende Säugetiere wie Wildschweine. Das Wasser der Oder wird zur Fütterung von Rindern, Schafen und Pferden sowie zur Bewässerung von Feldern verwendet. Man darf nicht vergessen, dass 80 % der Verschmutzung der Ostsee auf Flussabwässer zurückzuführen ist. Eine vergiftete Oder bedeutet also ein vergiftetes Stettiner Haff, eine vergiftete Ostsee und – über die Meerengen – eine vergiftete Nordsee und einen vergifteten Atlantik. Die Giftstoffe werden nicht verschwinden, sie werden sich nur verteilen.

Hätte eine solche Katastrophe vermieden werden können?

Wenn ein Krimineller, ein Verbrecher hinter den Geschehnissen steckt, dann lassen sich solche Situationen nicht vermeiden. In zivilisierten Ländern hingegen werden alle gefährlichen und giftigen Abfälle kontrolliert und gesichert. Alle diese Verbindungen, aber auch die entstehenden Abfälle, sind im System erfasst: Es ist bekannt, wer was und wie viel besitzt und was er mit diesen „gefährlichen Gütern“ macht. Wie sich in Polen herausstellte, ist dieses System ein Sieb mit Löchern. Das gesamte Kontroll- und Aufzeichnungssystem muss also repariert werden. Es ist auf jeden Fall besser, solche Tragödien zu verhindern, als hinterher die Hände über dem Kopf zusammenzuschlagen.

Könnte aus dieser Umweltkatastrophe etwas Gutes entstehen? Werden die Menschen angesichts des Ausmaßes der Tragödie z. B. anfangen, mehr über Umweltschutz und Ökologie nachzudenken?

Ich dachte immer, dass die Menschen aus ihren Fehlern lernen. Ich will keinen Defätismus säen, aber Profitstreben, manchmal völlige Gedankenlosigkeit, weit verbreitete Verblödung und ein sinkendes Allgemeinwissen führen dazu, dass wir es vielleicht öfter mit solchen Tragödien zu tun haben werden. Der Zustand der polnischen Gewässer hat sich in den letzten Jahren leider verschlechtert, was u. a. mit der absichtlichen Einleitung von Abwässern zur Entlastung der Kläranlagen zusammenhängt. In Polen blüht ein Markt für die Einfuhr von Giftstoffen aus Europa. Wir haben uns bereits an die regelmäßigen Deponiebrände gewöhnt. Die einzige Hoffnung liegt in der Zivilgesellschaft: Sie funktioniert noch, sie blamiert uns nicht und sie kann eine Rettung für die Natur und für unsere Oder sein.

Voller Zorn wegen eines Flusses liberal-katholische Wochenzeitung Tygodnik Powszechny 22.08.2022

Die Regierung war erleichtert, als sie die Hypothese der Goldalgen aufgreifen konnte. Ihr Auftreten bedeutet aber, dass der Mensch durch die Deregulierung des Ökosystems der Oder die Katastrophe verursacht hat.

Wir können nicht mit einer Welt einverstanden sein, in der ein Fluss dem Tode ausgeliefert ist. In der Geschichte der Oder ist das ganze Wissen der Zukunft eingebettet.

Neun Zentimeter – das war ihr Zustand am 29. Juli in Malczyce in Niederschlesien. Das sollte niemanden überraschen. Die gesamte mittlere Oderregion und insbesondere die Grenzgebiete von Niederschlesien, Lubuskie und Wielkopolska litten im Juli unter Trockenheit. Die klimatische Wasserbilanz, d. h. die Differenz zwischen der Menge an Wasser, die als Regen fällt, und der Menge, die vom Boden verdunstet, lag hier zwischen -169 und -220 mm. Nirgendwo im Lande war der Juli schlechter. An Land war es trocken, also muss es auch im Fluss trocken gewesen sein. So ist das nun mal.

Prof. Andrzej Woznica: Verfahren im Fall Oder gescheitert konservativer gosc niedzielny 17.08.2022

„Es ist klar, dass die Verfahren gescheitert sind, und ich spreche nicht von den Verfahren in Polen, sondern auch in Deutschland, wo es offensichtlich keine solchen Verfahren gibt. Diese Art von Phänomenen sollte ein rotes Licht auslösen und eine ganze Reihe von Maßnahmen auslösen, die es ermöglichen würden, die Ursache der Situation zu überprüfen”, sagte Professor Andrzej Wo?nica in Rozmowa Poranka. Allerdings führt der Herr Professor im weiteren nicht aus welche Verfahren es sind, die es auch in Deutschland nicht gäbe.

Er war mit einer Gruppe von der Quelle bis zur Mündung der Oder unterwegs bevor die Katastrophe begann. Er wäre jetzt nicht wichtig herauszufinden wer Schuld daran wäre, sondern die Ursachen aufzudecken, denn immer wieder würde es tote Fische in Flüssen geben.

Sie haben durch die Untersuchungen vor der Katastrophe ihre Parameter, nun müssen sie sie mit denen nach der Katastrophe vergleichen. Sie müssen die Ursachen erforschen und deren Beseitigung festlegen, denn die Suche nach Verursachern würde zu nichts führen. Sie werden also in zeitlichen Abständen im gesamten Lauf der Oder Untersuchungen durchführen.

Er warnt davor in Panik zu geraten und zeigt sich zufrieden damit, dass an der Ostsee die Urlauber keine Probleme haben in Gaststätten Fisch zu bestellen.

Es waren die Deutschen, Wyborcza.pl 31.08. 2022

die die Goldalgen in die Oder ließen, und Tusk fügte das Quecksilber hinzu

Es wird mich nicht überraschen sagt der Autor des Artikels, wenn ich genau das bald aus dem Munde der Regierenden höre. Für die Partei Recht und Gerechtigkeit ist die antideutsche Rhetorik für alles gut, auch für die ökologische Katastrophe an der Oder.

„Es würde mich nicht überraschen, wenn sich herausstellen würde, dass die Quelle der Verschmutzung der Oder in Deutschland liegt und dass all dies dazu dient, Investitionsprozesse in Vorpommern und entlang der Oder zu behindern“, sagt dann auch Marek Grobarczyk, Regierungsbevollmächtigter für Wasserwirtschaft und Investitionen in die Meeres- und Wasserwirtschaft und stellvertretender Minister für Infrastruktur, in einem Interview mit dem regierungsnahen Portal wPolityce.pl.

„Die Oder in Polen wurde im 19. Jahrhundert, damals noch mit deutschen Techniken, nicht ganz korrekt reguliert. Die Folgen davon spüren wir heute noch“, sagte Klima- und Umweltministerin Anna Moskwa.

Diese Worte sind natürlich absurd, und viele lachen bereits darüber. Sie sind auch peinlich, denn kein Politiker sollte solche Andeutungen in der Öffentlichkeit machen, wie es der stellvertretende Minister Grobarczyk getan hat, als ob die Oder flussaufwärts fließen würde. Und Minister Moskwa sollte wissen, dass es im 19. Jahrhundert kein Polen an der Oder gab und dass die Suche nach den Ursachen der aktuellen Umweltkatastrophe in der Oder in dieser historischen Periode gelinde gesagt riskant ist.

Vergiftete Oder. Entweder das Ökosystem des Flusses wiederherstellen oder ihn mit Hirngespinsten von einer Wasserstraße töten. (Wyborcza.pl 31.08.2022)

„Es ist unmöglich, die Wiederherstellung des Ökosystems der Oder mit dem Plan der Kanalisierung in Einklang zu bringen. Das sind einfach zu extreme Konzepte, von denen eines gewählt und das andere abgelehnt werden muss. Ein Kompromiss ist unmöglich“, sagt Prof. Jan Kotusz, Ichthyologe.

Legale und illegale Abwässer in Seen und Flüsse Przeglad, 29. 08. 2022

Zwei Abgeordnete aus der Bürger Koalition (KO) haben Kontrollen bei Woda Polska durchgeführt und dabei festgestellt, dass 282 ungereinigte Abwässer in die Oder geleitet werden. Sie schätzen die Zahl der unkontrollierten ungereinigte Ableitungen in Polen auf 1432. Dazu kommt, dass Wody Polskie 429 Genehmigungen zur Ableitung von Abwässern in die Oder und ihre Nebenflüsse erteilten.

Die größten Verursacher ist die Landwirtschaft, die jedes Jahr Tonnen von Phosphor und Stickstoff. Immer wieder gibt es aus den verschiedenen Regionen Meldungen, dass in Seen und Flüssen tote Fische schwimmen.

Wenn das Wasser in Zukunft nicht soviel kosten soll wie eine Flasche Wodka, muss die Regierung handeln. Aber das macht diese Regierung nicht. Zudem ging es ihr darum überall im Land ihre Leute auf gutbezahlten Posten zu platzieren, dabei ist für sie eine fachlichen Qualifikation nicht erforderlich. Ganz klar zeigt es sich bei der Katastrophe an der Oder.

Kaczynski schürt Anti-Deutsche Stimmung Polityka.pl 31.08. 2022

Wanda Traczyk-Stawska, eine der letzten Heldin des Warschauer Aufstandes, appellierte am 1. August aus Anlass dessen Jahrestages an ihre Landsleute sie mögen nicht in die Seelen der Kinder Hass auf die Deutschen säen.

Die Politiker der PiS nehmen den Mund voll mit patriotischen Phrasen, aber auf diese polnische Heldin hören sie nicht. Ganz im Gegenteil, was immer an negativen Ereignissen sich auftun, die Deutschen sind Schuld. In dem Orchester über die schrecklichen Deutschen und die heilig gemäßen Polen spielen alle mit.

Kaczynski spricht vom deutschen wiederauferstandenem Drang nach Osten. Sein Chef der Staatsbank sieht Anzeichen, dass Deutschland ihre ehemaligen Ostgebiete zurück erobern will. Dem soll die Zusammenarbeit dieser zwei Imperien Deutschland und Russland dienen. Tusk wiedrum will nach dem Willen von Berlin und Moskau einen Bürgerkrieg anzetteln.

Der Außenminister Rau beklagt die mangelnden Freiheit und Gleichheit in der EU, die zu einem imperialen Machtstreben durch Deutschland führt.

Die PiS hatte immer schon anti-deutsche Tendenzen, aber bisher gab es immer noch Grenzen, die nicht überschritten wurden, um eine Verständigung und Diplomatie noch zu ermöglichen. Aber jetzt taucht die Frage auf – wohin sollen diese Hasstiraden führen.

Die innenpolitische und die soziale Situation ist schwierig. 70% der Bevölkerung ist mit der Regierungsarbeit unzufrieden. Die EU will die Wiederaufbauhilfen an Polen nicht zahlen, weil Polen die Rechtsstandards nicht einhält. Nun tut die PiS was sie immer tut, sie zaubert wieder aus dem Hut den gleichen Feind, der an allem Schuld ist: Deutschland. Wenn auch die Mehrheit der Bevölkerung eine positive Einstellung zu Deutschland hat(te), so ist die zögerliche Haltung der deutschen Regierung gegenüber der Ukraine ein unsicherer Faktor. Dazu kommt, dass die PiS über die Medien verfügt, über die sich die meisten Polen (des)informieren lassen.

Brauchen wir Deutschland? Przeglad, 29.08.2022

Für Wirtschaft und Handel ist Deutschland der wichtigste Partner, was sich in der Zeit seit 1990 mit Tempo entwickelt hat – von 7,5 Mrd. Damals auf heute 123 Mrd. Euro. Politisch jedoch hat die Entwicklung stagniert, ja ist sogar zurück gegangen und das auch in dem Sinn, dass die Vergangenheit beschworen und nicht für Gegenwart und Zukunft gebaut wird. Im Gegenteil statt mit der Regierung zu sprechen kuschelt der polnische Botschafter Przylebski lieber mit der AfD. Das eine ist der Botschafter…

Kaczynski entwickelt die Theorie von einem deutsch-russischen Kondominium. Von der Leyen nennt Ziobro abfällig über „die Deutsche“ und ein EU Abgeordneter der PiS hält den Westen für gefährlicher als Russland. Der Chef der Nationalbank…usw. usf.

In den neunziger Jahren wurde eine deutsch-polnische Versöhnung, die auf dem Weg zwar war, aber überhöht dargestellt.

Dafür haben wir jetzt das Narrativ des deutschen Kreuzritters, der gegen Polen in den Kampf zieht.

Alles keine Grundlagen, um in Augenhöhe zu verhandelt und als seriöser Verhandlungspartner zu gelten. Damit vergibt sich Polen auch etwas, nämlich seine eigenen Interessen auf den Tisch zu bringen.

Böser Westen, feindliche EU Polityka, 24. 08.2022

Im folgendem Artikel von Jan Hartman wird ein Ideologe und EU Abgeordneter der PiS vorgestellt, der die EU als schlimmeres Übel als Putins Russland sieht

„Die ‚Hysterie‘ gegen die Europäische Union ist in den Kreisen der polnischen Rechtsextremen nicht erst seit heute zu hören, aber am vergangenen Freitag (18. August) hat Prof. Zdzislaw Krasnodebski im Fernsehen der Republika einen neuen Gedankengang dazu entwickelt. Er erklärte nämlich, dass „die Bedrohung unserer Souveränität aus dem Westen, sagen wir es einmal so allgemein, (…) größer ist als aus dem Osten“. Damit meinte er wahrscheinlich nicht den Vatikan, dessen Lehren und Interessen tatsächlich einen erheblichen Einfluss auf die Gesetze und die Regierungsführung in Polen haben. Er bezog sich auf die Europäische Union, die durch ihren Aufbau und ihre Verfahren dafür sorgt, dass kleinere Staaten einen kleineren Teil ihrer eigenen Souveränität aufgeben und mehr Souveränität über die anderen Mitglieder gewinnen, als die Zahl ihrer Bürger und ihre Wirtschaftskraft vermuten lassen.

Es gibt wohl keine andere Organisation, die so demokratisch ist und so viel Wertschätzung für ihre kleineren Partner aufbringt wie die Europäische Union. Es gibt auch keine internationale Organisation, die so transparent und so vollkommen freiwillig ist, dass selbst ihre größten Feinde nicht behaupten können, ein Land sei zum Beitritt gezwungen worden. Die PiS und ihre Abgeordneten wissen das ganz genau. Wenn sie von der Bedrohung der polnischen Souveränität durch die EU schwafeln oder schändliche Vergleiche mit dem aggressiven Imperialismus anstellen, dann tun sie das aus kalkulierendem Zynismus und Verachtung für die „Trottel“ in der EU, die das zulassen und noch dafür bezahlen. Es ist in der Tat eine merkwürdige Organisation, die es in der Weisheit der Sphinx zulässt, dass sie bespuckt wird.…

Krasnodebski bei der EU und seine Undankbarkeit

Der Soziologe Professor Zdzislaw Krasnodebski, dessen akademische Karriere auf der Grundlage eines Buches aufgebaut ist, das die absurde These vertritt, die in seinem Titel „Das Ende der Fortschrittsidee“ zum Ausdruck kommt (es gibt wohl keine vitalere und universellere Idee als den Fortschritt!), ist seit vielen Jahren einer der Berater und Ideologen der Partei Recht und Gerechtigkeit und von Jaros?aw Kaczynski persönlich. Als Gegenleistung für diese wertvollen intellektuellen Dienste kann er zusammen mit seinen Kollegen aus verschiedenen antieuropäischen Parteien und Fraktionen den fantastisch bezahlten Posten eines Europaabgeordneten bekleiden, der buchstäblich nichts programmatisch tut und keinen Einfluss auf irgendetwas hat, aber keine Gelegenheit auslässt, die Institution zu beschmutzen und zu demütigen, die ihnen hohe Gehälter zahlt, und deren Ideale er ostentativ veruntreut. Sie ziehen nicht in das Europäische Parlament ein, um die Union zu stärken, sondern um sie zu demontieren und zu schwächen. Und sie haben eine Erklärung dafür. Es geht in etwa so: Die EU-Erweiterung zu stoppen ist eine Staatsraison, und wenn das eine Illoyalität gegenüber den Institutionen erfordert, für die man arbeitet, dann rechtfertigt das Wohl des eigenen Landes diese Illoyalität.
Das stimmt nicht! Dass wir uns alle in der Union wiederfanden, war der Tatsache zu verdanken, dass die Länder und Gesellschaften des Westens die Solidarnosc und Lech Walesa bewunderten und mit angehaltenem Atem zusahen, wie unser Land und die anderen von der UdSSR beherrschten Länder den Kommunismus abschüttelten. Es war keine kalte Berechnung, sondern eine große Geste und ein großes Risiko. Eine besondere Rolle bei diesem Beitritt und ganz allgemein bei der Integration Polens in den Westen spielten die von der Volksrepublik Polen und der polnischen Partei Recht und Gerechtigkeit so sehr gehassten Deutschen, die, geleitet von einem Schuldgefühl für die Verbrechen, die die Eltern und Großeltern der heutigen Deutschen an unseren Eltern und Großeltern begangen haben, uns etwas Gutes tun wollten (und wollen). Wer das nicht sieht und zu schätzen weiß, begeht eine böse Undankbarkeit.

Hier stimme ich mit Krasnodebski überein

Wie erklärt Krasnodebski seine schockierenden Worte? Nun, etwa so: „Das ist paradox. Natürlich ist Russland brutal, Russland kann uns den Krieg erklären. Aber wir Polen wissen in einem spirituellen oder psychologischen Sinn, wie wir mit einer solchen Gefahr umgehen können. Putin spaltet uns nicht, er eint uns. Die Europäische Union hingegen setzt ganz andere Mittel ein – eher Anreize, Geld, Soft Power, eine gewisse Attraktivität. (…) Man braucht für Russland Hubschrauber, Panzer und andere Mittel, die kennen wir. Aber die Europäische Kommission hat hervorragende Juristen, das Europäische Parlament ist eine sehr gut organisierte Institution, gegen die es schwieriger ist, zu gewinnen. (…) Der Umgang mit der Europäischen Union und den Kräften, die sie in den Kampf geführt haben, erfordert eine größere organisatorische und intellektuelle Anstrengung – und in diesem Sinne stellt sie eine größere Gefahr dar”.

Die Europäische Union ist in Gefangenschaft geraten, und den Feind zu besiegen, der dieses Verbrechen begangen hat (Deutschland und die „Linken“, wie wir vermuten), ist eine größere und schwierigere Aufgabe als die Verteidigung Polens gegen einen militärischen Angriff Russlands! Sollen die Russen doch angreifen – damit werden wir schon fertig. Aber diese gleichgeschlechtlichen Ehen, das Abtreibungsrecht oder andere klimapolitische Maßnahmen sind bereits eine ernste Angelegenheit! Und um ihr entgegenzutreten, braucht man Waffen, die schwieriger zu bekommen sind als Raketen, denn es sind geistige Waffen.

Und hier stimme ich mit Prof. Krasnodebski überein! Den Fortschritt aufzuhalten ist sicherlich schwieriger als Putin zu stoppen, und die intellektuellen Ressourcen der reaktionären Kräfte sind naturgemäß schwach. Selbst wenn tausend Krasnodebskis an ihre geistigen Grenzen stoßen, werden sie nicht dazu führen, dass LGBT-Menschen in der EU weniger Rechte haben als jetzt, und es wird keine Art ihrer Sexualerziehung in den Schulen im Westen geben. Wenn wir den Fortschritt als Gefahr bezeichnen (und das haben die so genannten Konservativen seit der Französischen Revolution getan), dann ist er in der Tat größer als der Krieg. Denn Fortschritt geschieht trotz Kriegen und manchmal sogar wegen ihnen. Und außerdem geht es nie rückwärts. Ist die Sklaverei einmal verboten, kehrt sie nicht mehr zurück. Die politischen und bürgerlichen Rechte, die den Frauen einst gewährt wurden, werden ihnen nicht mehr genommen. Die Abschaffung der Strafen für Homosexualität ist ein für alle Mal erledigt. Ja – der Fortschritt ist unumkehrbar! Aber die Finsternis, die Bigotterie, der Klerikalismus, der Paternalismus und die Hybris der besserwisserischen „Konservativen“ können sich innerhalb weniger Jahre spektakulär aus vielen Gesellschaften verflüchtigen.

Bezahlter Dienst für eine schlechte Sache

Die Tatsache, dass Zdzislaw Krasnodebski wieder einmal Unsinn redet, beleidigt mich nicht so sehr wie seine geradezu organische Undankbarkeit. Sein ganzes Leben lang hat er öffentliche Gelder aus westlichen Ländern erhalten, allen voran aus Deutschland, das ihm bereits in den 1980er Jahren Stipendien gewährte. Was für ein undankbarer Mensch muss man sein, um im Westen zu leben, in öffentlichen Einrichtungen zu arbeiten und schließlich ein Gehalt vom Europäischen Parlament zu beziehen, das dazu berufen ist, die hehren Ideale des moralischen und zivilisatorischen Fortschritts in die Tat umzusetzen, und sich gleichzeitig als Ideologe eines extrem demoralisierten und zynischen politischen Umfelds zu betätigen, der mit fremdenfeindlichen Ressentiments, Vorurteilen und einem abstoßenden Überlegenheitsgefühl von selbstgefälligen, selbstgerechten Ignoranten und Verlierern spielt?

Denn ich habe nicht den geringsten Zweifel daran, dass Krasnodebski weiß, wie falsch der „Euroskeptizismus“ ist und was Kaczynski, Le Pen, Salvini oder Orbán im Schilde führen. Er dient diesen Leuten bewusst und absichtlich, weil er denkt, dass er, wenn er sich vor dem Spiegel als „Ideologe“ sieht und seine Auftraggeber ihn bei irgendeinem Jubiläum auch noch für seine „Ideologie“ loben, nie erfahren wird, was die Wahrheit ist. Aber die Wahrheit ist unangenehm und dringt durch die Ritzen und kommt sogar wie Öl heraus. Und diese Wahrheit, Herr Professor Krasnodebski, ist, dass Sie sich in den Dienst der falschen Sache gestellt haben. Und die andere Wahrheit ist, dass Sie das sehr gut wissen. Und wenn Sie Zweifel daran haben, ob dies ekelhaft ist, werde ich Ihnen helfen: Es ist furchtbar ekelhaft.


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