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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 09/2022 |

Schöne agile Arbeitswelt?

Eine Kritik moderner Managementmethoden
von Peter Nowak

Hermann Bueren: Bewegt euch schneller. Zur Kritik moderner Managementmethoden. Bremen: Kellner, 2022. 320 S., 18,90 Euro

»Wo Arbeitern Respekt gezollt wird, ist von Ausbeutung nicht mehr die Rede, es ist die romantische Verklärung schnöder Profitvermehrung«, schreibt der Publizist Felix Klopotek. Es ist auch ein Kommentar über die agile Arbeitswelt, wie sie Hermann Bueren in seinem Buch analysiert.

Bueren war mehrere Jahre Betriebsrat in einem Druckereibetrieb, bevor er auf dem zweiten Bildungswerk Arbeits- und Betriebssoziologie studierte und im Bereich der gewerkschaftlichen Bildung arbeitete.
In seinem Buch kritisiert Bueren kenntnisreich die verschiedenen Managementmethoden aus der Perspektive der Lohnabhängigen. Im Zentrum seiner Untersuchung steht das Konzept der Agilität, heute Markenzeichen eines aufgeschlossenen, modernen Unternehmens. »Bereits Mitte der 1980er Jahre hatte das Wort flexibel die gleiche Funktion wie heute agil«, schreibt Bueren und betont, dass es darum geht, die Lohnabhängigen durch stetiges Lernen an die sich verändernden Marktbedingungen anzupassen.
Bueren liefert kurze Exkurse in die Geschichte der Managementmethoden. Er geht auf tayloristische Modelle in den USA ebenso ein wie auch auf die verschiedenen Betriebsgemeinschaftsmodelle im NS-Deutschland. Er beschreibt, wie schon vor hundert Jahren Betriebspsycholog:innen Methoden propagierten, die wenig äußeren Zwang anwenden: Wenn Arbeiter:innen das Gefühl haben, dass sie selber immer besser und immer schneller arbeiten wollen, dann kann ihre Arbeitskraft besonders gut vernutzt werden. Genau darum geht es bei allen Managementmethoden – wenn auch noch so oft Floskeln von Respekt, Fairness und Menschlichkeit beigefügt werden. Dazu zählt Bueren auch bei das Konzept New Work des kürzlich verstorbenen US-Professor Frithjof Bergmann. »Unter diesem Begriff verstand man ursprünglich ein alternatives Modell des Arbeitens, das laut Bergmann das klassische Lohnarbeitssystem ablösen sollte«, schreibt Bueren. Heute ist der Begriff längst in den Wortschatz der agilen Personalplaner:innen eingegangen.
Zu den einst linken Begriffen, die auf diese Weise vereinnahmt wurden, gehört auch die Selbstorganisation. »Die Teams sollen sich frei und selbstorganisiert in einem Netzwerk mit anderen Teams des Unternehmens bewegen und austauschen können.« Doch damit werden nicht alte Träume der Arbeiterbewegung umgesetzt. Es geht vielmehr darum, dass die Lohnabhängigen selbstbestimmt den Ziele des Konzerns umsetzen. Hierin könnte man eine moderne Form der Betriebsgemeinschaftsideologie sehen, die durch Hymnen und andere Gemeinschaftssymbolik noch gefestigt werden sollen.

Kein Platz für Klassenkampf
Klassenkampfgedanken und engagierte Interessenvertretung der Lohnabhängigen haben in dieser agilen Arbeitswelt natürlich keinen Platz. Gibt es Probleme im Betrieb, werden sie individualisiert. Dafür sorgen die Mitarbeitergespräche, die zum Ziel haben, dass die einzelnen Arbeiter:innen im Sinne des Unternehmens funktionieren. Wenn das nicht gelingt, gelten sie als Minderleister:innen, von denen sich das Unternehmen trennen muss. Dabei wird natürlich immer das Team als Begründung angeführt, dem es nicht mehr zumutbar sei, dass jemand, der oder die nicht genug Einsatz zeigt, weiter dort mitarbeiten kann. Bueren beschreibt, welch massiver Druck auf die Kolleg:innen ausgeübt wird, wenn nicht mehr ein Chef oder die Vorarbeiter:in, sondern ein Mitarbeiterteam ihn loswerden will. Solidarität ist in einer solchen Arbeitswelt nicht mehr möglich. Doch es gibt auch Widerstand gegen diese Art schöne neue Arbeitswelt.
Viele der agilen Arbeitsmethoden werden trotz oder wegen der Rhetorik von Selbstorganisation und Respekt von den Lohnabhängigen abgelehnt. Im letzten Kapitel unter dem programmatischen Titel »Anders arbeiten« verweist der Autor auf Initiativen der proletarischen Selbstorganisation, die in den letzten Jahrzehnten aus den Fabriken kamen und eine Selbstorganisation der Beschäftigten zum Ziel hatten – allerdings nicht unter dem Vorzeichen der kapitalistischen Profitmaximierung.
Er erinnert an die die Plakat-Gruppe, einen Kreis oppositioneller Betriebsräte im Daimler-Benz-Werk Untertürkheim, die schon in den 70er Jahren ihre Kolleg:innen fragten: »Was können wir eigentlich mit so einer Anlage anderes herstellen als Achsen, Kurbelgehäuse und Zylinderköpfe für Pkw?« Diese Frage könnte heute die Basis einer Kooperation zwischen Arbeiter:innen- und Klimabewegung sein. Vorbild könnte die Zusammenarbeit zwischen außerparlamentarischen Linken, Beschäftigten des Rüstungskonzerns Lucas Aerospace und kritischen Wissenschaftler:innen sein, die in den frühen 70er Jahren in Großbritannien Modelle für die Umwandlung eines Rüstungsbetriebs in eine Produktionsstätte für lebenswichtige Produkte entwickelte.
Buerens Buch bleibt nicht bei der Kritik der agilen Managementmethoden stehen. Es liefert auch Anregungen für eine Selbstorganisation am Arbeitsplatz, die nicht unter der Kontrolle des Managements erfolgt.


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