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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 09/2022 |

Trotzki über Antisemitismus und die ›jüdische Frage‹

Eine Dokumentensammlung von Mario Keßler
von Reiner Tosstorff

Leo Trotzki oder: Sozialismus ­gegen Antisemitismus. Hrsg. Mario Keßler. Berlin: Karl Dietz Verlag, 2022. 191 S., 12 Euro

»Er war ein Jude. Er war immer noch ein Jude. Darüber konnte nichts hinwegtäuschen. Ein schweres Schicksal, wenn man seine Familie verlassen, seine Rasse verleugnet, auf die Religion seiner Väter gespuckt und Jude und Nichtjude bösartig zusammengepackt hat.«
So, und in noch übleren Worten schrieb Winston Churchill über Leo Trotzki. Derselbe Churchill, der wenige Jahre darauf mit Stalin an einem Tisch saß und sich mit ihm um die Aufteilung der Welt in Einflusssphären abmühte. Wobei beide, wie ihr dritter Partner Roosevelt, insgeheim den anderen dabei übers Ohr zu hauen versuchten, was aber auf einem anderen Blatt steht.
Gemeinsam war ihnen unbestreitbar, dass sie auf jeden Fall eine revolutionäre Erschütterung am Ausgang des Zweiten Weltkriegs nach dem Vorbild vom Ende des Ersten verhindern wollten, wofür Trotzki als Organisator der Roten Armee im russischen Bürgerkrieg und ihres Sieges wie kaum jemand anders weltweit gestanden hatte.

Der als Lew Bronstein geborene Trotzki, der diesen Namen erst im Rahmen seiner revolutionären Tätigkeit annahm, symbolisierte aufgrund seiner Herkunft wie kein anderer die Verkörperung des antisemitischen Feindbilds vom »jüdischen Revolutionär« (wenn auch die für Antisemiten notwendig zu ergänzenden Beziehungen zum »jüdischen Großkapital« nur jeder Logik spottend herbeizuphantasieren waren). Dabei war er selbst alles andere als ein typischer osteuropäischer Jude aus dem Schtetl, was aber vielleicht noch mehr provozierte.
Er kam aus einer der wenigen jüdischen und zudem ökonomisch erfolgreichen Bauernfamilien der Ukraine. Gegen Ende des 19.Jahrhunderts hatte das Zarenreich während einiger Reformjahre das strikte Ansiedlungsverbot für Juden auf dem Lande vorübergehend ausgesetzt. Doch auf dem Hof der Bronsteins, inmitten einer gemischten, slawisch-jüdischen Bevölkerung, lernte der junge Lew nie richtig Jiddisch. Seine Kenntnisse der hebräischen Bibeltexte waren noch dürftiger, da er eine moderne Bildung genießen sollte. Religiöse Unterweisung fand da nur am Rande statt. So meisterte er sehr schnell das Russische und wurde genau dafür in der russischen wie dann in der internationalen Arbeiterbewegung nach 1900 als Autor wie als Redner bekannt.
Schien es im Verlauf des 19.Jahrhunderts zunächst, als würde das christliche Europa parallel zur ökonomischen Entwicklung den traditionellen Antisemitismus, wenn auch nicht ohne Konflikte, abstreifen, so machte sich doch bald, spätestens um die Jahrhundertwende, eine neue antisemitische Welle bemerkbar, die nicht mehr traditionell-christlich ausgerichtet, sondern – bedingt durch die Zuspitzung der Widersprüche, die der lange kapitalistische Entwicklungsschub in den Jahrzehnten zuvor ausgelöst hatte – durch die modernen »weltlichen« Doktrinen des Nationalismus und des Rassismus geprägt war.
Darauf gab es auch eine jüdische Antwort jenseits der Beschwörung der religiösen Traditionen: Viele Juden schlossen sich der sozialistischen Bewegung an. In Mitteleuropa geschah das in den bereits existierenden nationalen sozialdemokratischen Parteien, auch als Ausdruck von Assimilation. Im national gemischten Osteuropa, wo die Juden ihre im Mittelalter entstandene eigenständige Kultur auf der Grundlage der jiddischen Sprache nicht zuletzt aufgrund der dort existierenden staatlichen Zwänge aufrechterhalten hatten, entstand mit dem »Allgemeinen Jüdischen Arbeiterbund« eine eigenständige sozialistische Partei, die in ihren Bemühungen um eine säkulare, nicht religiös fundierte jiddische Kultur auch so etwas wie eine linke »Nationalbewegung« darstellte. Schließlich trat als ein weiterer Faktor der Zionismus hinzu, der jüdische »Normalität« durch die Schaffung eines eigenen Nationalstaats in Palästina herbeiführen wollte, ohne aber darlegen zu können, wie dies mit den arabischen Bewohnern Palästinas in Übereinstimmung zu bringen war. Ein Teil des Zionismus meinte gar, dies mit einer sozialistischen Perspektive verbinden zu können.
In diesem politisch-ideologischen Umfeld bewegte sich der junge Trotzki, nachdem er sich der russischen Sozialdemokratie in der Stadt Nikolajew am Schwarzen Meer, dem heutigen Mykolajiw, angeschlossen hatte. Sein politisches Wirkungsfeld war nun ganz auf die russische und internationale Arbeiterbewegung ausgerichtet. Mit der spezifisch jüdischen Arbeiterbewegung war der Internationalist als »nichtjüdischer Jude«, um einen Ausdruck des Trotzki-Biographen Isaac Deutscher zu verwenden, nicht verbunden. Dennoch sollten seine Gegner mit der Erinnerung an seine Herkunft diese immer wieder zum Angriff auf ihn verwenden, wie nicht nur das Beispiel Churchills zeigt.
So äußerte sich Trotzki, vielleicht auch, um sich nicht auf das Niveau seiner Gegner herabzulassen, eher selten zur »jüdischen Frage« und niemals in einer umfassenden Schrift, was aber bei vier Jahrzehnten politischer Aktivität in der Summe doch viele Stellungnahmen ausmachte.
Mario Keßler, langjährig in Potsdam tätiger Historiker mit zahlreichen Arbeiten zum Verhältnis von Sozialismus und Judentum im Laufe der Geschichte, hat nun eine kompakte Sammlung fünfzehn zentraler, aber kleinerer Schriften, Artikel, Briefe oder Interviews herausgegeben, zugespitzt auf die Frage des Antisemitismus und der Antwort der jüdischen Linken und der Arbeiterbewegung insgesamt darauf. Eröffnet wird der Band durch eine sachkundige und umfangreiche Einleitung des Herausgebers, die Trotzkis wichtigste Lebensetappen rekapituliert und seine Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus darin einbettet – damit den Kontext der jeweiligen Beiträge erklärt.

Die ersten Beiträge stellen eine Abrechnung mit dem zaristischen Antisemitismus und dessen Pogromen und antisemitischer Hetze dar, aber auch mit ähnlichen Entwicklungen in anderen Ländern. Leider sind die durch die Oktoberrevolution eröffneten Perspektiven hier nur in der Einleitung des Autors dargestellt. Stellungnahmen Trotzkis dazu aus dem Bürgerkrieg oder den frühen 20er Jahren vermisst man. Die Mehrheit der Texte konzentriert sich auf die 30er Jahre – ausgehend davon, wie der aufkommende Stalinismus bereits den Antisemitismus als Waffe gegen die Linke Opposition und allem voran gegen Trotzki selbst nutzte, und wie er mit einem Siedlungsprojekt im Fernen Osten, in Birobidschan an der Grenze zu China, nur eine Scheinlösung anbot.
Für den Faschismus aber wurde der Antisemitismus zu einem der mächtigsten Mobilisierungsinstrumente, wie Trotzki hier eindringlich analysiert. Gleichsam prophetisch und sehr viel schärfer als zahlreiche Zeitgenossen auch auf der Linken sah er voraus, was im Falle eines Weltkriegs den Juden Europas drohen würde. Selbst wenn sich nicht wenige aus nachvollziehbaren Gründen durch die Flucht nach Palästina zu retten versuchten, sei dies für die übergroße Mehrheit der Juden in Europa aber kein realistischer Weg, wie die Geschichte leider bestätigen sollte. Letztlich könne nur ein Sturz des Kapitalismus eine drohende Katastrophe durch den Weltkrieg verhindern. Der Zionismus bot letztlich für die große Mehrheit der Millionen Juden nur eine impraktikable Antwort angesichts der bestehenden Herausforderung, wobei zudem das Schicksal der arabisch-palästinensischen Bevölkerung ein offenes Problem blieb.
Trotzkis Ermordung im Jahre 1940 erlaubte ihm nicht mehr zu sehen, wieviel aus seinen Analysen und Vor­aussagen in Erfüllung ging. Zweifellos hätte er nach dem Ende des Krieges in einer Bilanz festgestellt, dass bei Fortdauer des Kapitalismus, aber auch des Stalinismus keines der zugrunde liegenden Probleme gelöst war. Davon kann man sich heute, trotz aller Wendungen der Geschichte, gerade im Fall des Weiterlebens des Antisemitismus überzeugen.

Die von Mario Keßler sachkundig zusammengetragene Textsammlung hilft, die historischen Hintergründe und insbesondere die Last der Niederlagen in der Geschichte für die heutige Situation besser zu verstehen.


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