Schließen

Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

Bert Brecht hielt nicht viel vom Recht auf geistiges Eigentum. Wir auch nicht. Wir stellen die SoZ kostenlos ins Netz, damit möglichst viele Menschen das darin enthaltene Wissen nutzen und weiterverbreiten. Das heißt jedoch nicht, dass dies nicht Arbeit sei, die honoriert werden muss, weil Menschen davon leben.

Hier können Sie jetzt Spenden

Sie befinden sich hier: Home > 2022 > 10 > Anna-piccardi-kontrapunkt-44

Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 10/2022 |

Anna Piccardi: Kontrapunkt ’44

Aus dem Italienischen von Elfie Padovan. Bodenburg: Edition AV, 2023. 80 S., 14 Euro
von Angela Klein

August 1944: Unter dem Druck des Vormarschs der Alliierten zieht die Wehrmacht nach Norden ab, die Front erreicht Prato, nördlich von Florenz. Auf dem Gutshof in der kleinen Gemeinde Capalle kommt der Krieg in Form einer Beschlagnahmung an: Die großen Räume und die landwirtschaftlichen Möglichkeiten sind ideal für die Einrichtung eines Notlazaretts.

Anna Piccardi, die Autorin des Buches, ist damals 16 Jahre alt. Ihre ­Erinnerungen an diese Zeit schreibt sie jedoch erst fast 70 Jahre später auf, da ist der Gutshof längst aufgegeben und Capalle Teil vom Großraum Florenz. Es geht bei ihrem Bericht also auch um Erinnerung, darum, was die Zeit mit den Erfahrungen macht.
Für eine 16jährige war es ein erstaunliches Urteilsvermögen, das sie die Akteure später so differenziert beschreiben lässt. Und auch die Dialoge, die sie mit dem kommandierenden Major führt, zeugen von hoher Bildung. Er behandelt sie als Vertraute, bei der er die eigene Verzweiflung über seine Lage abladen kann. Er überfordert sie damit, und sie protestiert dagegen.
Das Bild, das wir von der deutschen Besatzung gezeichnet bekommen, fällt aus dem üblichen Erinnerungsrahmen an die NS-Gräuel heraus. Nicht alle Offiziere der Wehrmacht waren Nazis, und Italien war nicht der Osten. Wenn man auf Schritt und Tritt auf jahrhundertealte Kunstschätze stößt und dafür auch noch ein Auge hat, fällt es schwer, den Herrenmenschen herauszukehren. Vor diesem Hintergrund wirken die Massaker, die auch geübt wurden, umso eindrücklicher. Indem die Autorin beschreibt, wie das auf sie wirkt, vermag sie den ganzen Terror der Situation einzufangen.
Der Terror reicht bis in ihre Familie: Die Mutter war Jüdin, wird geschnappt und kommt nur frei, weil der Polizeipräsident von Turin eine schützende Hand über Juden hält. Der Vater, gelernter Chemiker, stellt Flüchtlingen falsche Pässe aus, sie selber engagiert sich in der Resistenza.
Drei Monate dichtestes Erleben, bis die Amerikaner kommen – packend geschrieben und mit einiger Poesie.


Drucken | Artikellink per Mail | PDF Version

Kommentar zu diesem Artikel hinterlassen

Spenden

Die SoZ steht online kostenlos zur Verfügung. Dahinter stehen dennoch Arbeit und Kosten. Wir bitten daher vor allem unsere regelmäßigen Leserinnen und Leser um eine Spende auf das Konto: Verein für solidarische Perspektiven, Postbank Köln, IBAN: DE07 3701 0050 0006 0395 04, BIC: PBNKDEFF


Schnupperausgabe

Ich möchte die SoZ mal in der Hand halten und bestelle eine kostenlose Probeausgabe oder ein Probeabo.