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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 10/2022 |

Aus dem Zwang zur Akkumulation aussteigen

Einführung in die Postwachstumsdebatte
von Peter Nowak

Matthias Schmelzer, Andrea Vetter: Degrowth/­Post­wachstum zur ­Einführung. Hamburg: Junius, 2021. 256 S.,15,90 Euro

»Die Menschheit fackelt ihr Zuhause ab, weil Klimaschutz nur mo?glich ist, wenn wir den Kapitalismus abschaffen.« Zu dieser Erkenntnis kommt die Wirtschaftsredakteurin der linksliberalen Taz, Ulrike Herrmann, in einem Kommentar am 17.September. Für die erklärte Reformistin ist das keine erfreuliche Nachricht, wie sie gleich hinterherschiebt.
Dabei ist das nun wahrlich keine neue Erkenntnis. Klima- und Umweltschutz sind im Kapitalismus nicht möglich, das ist auch der rote Faden in dem Buch Degrowth/Postwachstum, das von der Kulturanthropologin Andrea Vetter und dem Wirtschaftshistoriker Matthias Schmelzer im Junius-Verlag herausgegeben wurde.

Der antikapitalistische Ansatz
Sehr informativ und auch für Laien verständlich führen die beiden Autor:innen in das Thema Postwachstum ein. In der Einleitung stellen Schmelzer und Vetter klar, dass mit dem Begriff Postwachstum oder Degrowth sehr unterschiedliches gemeint sein kann. Sie unterscheiden unter anderem eine sozialökonomische, eine kulturelle, eine feministische und eine antikapitalistische Wachstumskritik.
Die beiden Autor:innen sehen sich ganz eindeutig als Antikapitalist:innen, nehmen aber auch feministische Elemente auf. Sie stellen ihre Wachstumskritik unter die drei Stichworte: globale ökologische Gerechtigkeit, ein gutes Leben und Wachstumsunabhängigkeit. Mit diesen drei Kernanliegen konfrontieren sie dann die unterschiedlichen Postwachstumsströmungen.
Dabei bekennen sich Schmelzer und Vetter zu einer revolutionären Realpolitik im Sinne von Rosa Luxemburg. »Gemeint sind damit Politiken, die zwar an bestehende Strukturen, Instrumente und Regelungen anknüpfen, aber besonders in ihrem Zusammenspiel über die kapitalistische, wachstumsorientierte Produktionsweise hinausweisen und Räume für deren Überwindung verteidigen und erweitern.«
Im Gegensatz zu anderen Wachstumskritiker:innen stellen Schmelzer und Vetter klar: »Wirtschaftswachstum und Expansion sind untrennbar mit der kapitalistischen Wirtschaftsweise verknüpft.« In eigenen Kapiteln wird diese kapitalistische Wachstumslogik mit Verweis auf Karl Marx noch einmal ausführlicher analysiert und kritisiert.
Hier liegt ein großer Verdienst ihres Ansatzes. Im Gegensatz zu vielen anderen Degrowth-Theoretiker:innen sehen sie die Ursache des Wachstums nicht in der Gier der Menschen oder in kulturellen Fragen. Sie stellen vielmehr eindeutig klar: »Es ist diese durch Konkurrenz angetriebene Akkumulationslogik, die als Bewegungsgesetz des Kapitalismus eine permanente Umwälzung der Verhältnisse bewirkt, eine zuvor unbekannte Produktionsdynamik entfaltet hat und sich auf immer neue Weltregionen, aber auch Gesellschaftsbereiche ausbreitet.«

Welche Zukunft?
Im zweiten Teil des Buches gehen Vetter und Schmelzer auf die verschiedenen Postwachstum-Vorschläge der unterschiedlichen Strömungen ein. Dabei sprechen sie sehr selbstkritisch auch die Leerstellen bei den jeweiligen Ansätzen an.
So setzen sich die beiden Autor:innen kritisch mit der Freiraum-Ideologie auseinander, die in Teilen der Postwachstumsbewegung stark vertreten wird. Dabei bestehe die Gefahr, dass Freiräume zum Reparaturbetrieb eines krisengeschüttelten Kapitalismus werden und diesen sogar noch widerstandsfähiger machen könnten, so lautet ihre Kritik. Dabei werden allerdings Freiräume nicht verworfen. Sie können Reallabore werden, in denen Organisationsformen ausprobiert werden, die dann auch in Teilen der Gesellschaft Nachahmung finden.
Als Beispiel führen sie das Miethäusersyndikat an. Dort wird beispielhaft gezeigt, dass Wohnungen dem kapitalistischen Markt entzogen werden können. Das war eine Ermutigung für Mieteraktivist:innen in vielen Städten.
Die Autor:innen sprechen auch klar an, dass eine von ihnen favorisierte antikapitalistische Postwachstumsstrategie auf den Widerstand derer stoßen wird, deren Privilegien dadurch beschnitten werden könnten. »Die machtpolitischen Konsequenzen sind dabei nicht zu vernachlässigen«, betonen sie.
Sie machen auch deutlich, dass Postwachstum nicht den Weg in ein harmonisches Wunderland eröffnet. »Im Gegenteil, wird die tiefe Leitorientierung an Wachstum und Profit aufgegeben, fängt die Arbeit erst an, nämlich sich gesellschaftlich gleichberechtigt über das gesellschaftlich Wünschbare und Machbare immer wieder neu zu verständigen«, formulieren sie zum Schluss etwas abstrakt – ein Ansatz, den man auch ökologischen Sozialismus nennen könnte.
Als kleines Manko kann man benennen, dass dieser ökosozialistische Ansatz in ihrem Buch kaum erwähnt wird. Dass ist verwunderlich, wo sich die Autor:innen doch als Anhänger:innen eins kapitalismuskritischen Postwachstumansatzes ausweisen. Liegt es vielleicht daran, dass sie sich zu stark auf Debatten im akademischen Milieu fokussieren und deswegen übersehen, dass es schon länger auch ökosozialistische Ansätze gibt?
Trotz dieser Kritik ist es den Autor:innen gelungen, wichtige Fragen der Postwachstumsdebatte gut zusammenzufassen, die unterschiedlichen Strömungen darzustellen und die Kritikpunkte an den jeweiligen Ansätzen zu benennen. Damit haben sie eine wichtige Arbeit geleistet.
Das Buch sei sowohl Klimaaktivist:innen als auch Gewerkschaftler:innen zur Lektüre empfohlen. Hier kann man sich Anregungen für gemeinsame Kämpfe holen.


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