Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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PDF Version Artikellink per Mail  | Soz Nr. 10/2022

In Brasilien steigt die Zahl evangelikaler Kirchen – eine sichere Bank für Bolsonaro
von Niklas Franzen

Mitte August lässt sich Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro auf einer Bühne im Sambódromo im Zentrum Rio de Janeiros vor tausenden Gläubigen öffentlich segnen. Das ist kein Zufall: Am 2.Oktober wird in Brasilien gewählt – und der Rechtsextreme ist auf die Stimmen der bibeltreuen Christen angewiesen.

Das größte katholische Land der Welt durchlebt, was einige Wissenschaftler:innen eine »religiöse Revolution« bezeichnen. Immer mehr Brasilianerinnen und Brasilianer wenden sich den ultrakonservativen Pfingstkirchen zu. Bezeichneten sich im Jahr 1990 noch mehr als 80 Prozent der Bevölkerung als katholisch, waren es im Jahr 2020 nur noch rund 50 Prozent. 32 Prozent der Bevölkerung versteht sich mittlerweile als evangelikal – Tendenz steigend. Laut Berechnungen dürften die Evangelikalen schon in zehn Jahren die Mehrheit der Bevölkerung stellen. Das größte katholische Land der Welt durchlebt eine »religiöse Revolution«.
Der Evangelikalismus ist eine theologische Strömung innerhalb des Protestantismus. In der Regel betreiben die Gemeinden keine kritische Bibelexegese. Für sie gilt: Was in der Bibel steht, ist wörtlich zu verstehen, gilt als gottgegeben und wird nicht hinterfragt. In Brasilien gibt es auch traditionelle protestantische Gemeinden wie die Lutheraner oder Baptisten. Diese haben einen europäischen Ursprung und sind teilweise liberaler. Den größten Zulauf haben die ultrakonservativen Pfingstkirchen. Viele davon kommen ursprünglich aus den USA.
Evangelikale Kirchen beherrschen heute gleichermaßen das Straßenbild der brasilianischen Innenstädte, der Armenviertel und der abgelegenen Dörfer. Ähnlich wie in den USA gibt es riesige, hochmoderne Prestigebauten. Doch mittlerweile finden sich an fast jeder Straßenecke auch kleine »Garagentempel«, oft nur mit ein paar Plastikstühlen und einer Verstärkeranlage, einem Mikrophon und Boxen. Da es im Gegensatz zur katholischen Kirche keine oberste Glaubensbehörde gibt, ist es leicht, eine neue Kirche zu gründen. Fast jede und jeder kann sich Pastorin oder Pastor nennen. Was man vor allem braucht, ist Charisma und eine »göttliche Berufung«.

Dort präsent, wo der Staat fehlt
Die Heilsversprechen und charismatischen Pastoren kommen gerade bei armen Brasilianern gut an. Und die Pfingstkirchen sind dort präsent, wo der Staat fehlt, wo es keine Sportplätze, Bibliotheken oder Grünanlagen gibt, wo Gewalt, Verelendung und Perspektivlosigkeit herrschen. Die Evangelikalen sind oft die einzigen, die zuhören, die Bewohner:innen ernst nehmen, ihre Ängste verstehen. Neben emotionalem Beistand bieten sie so etwas wie ein Freizeitangebot. Heute sind viele Gläubige Frauen, oft alleinerziehend, meist Schwarz. Das wusste Bolsonaro, als er seinen Wahlkampf plante und die Nähe zur Kirchenelite suchte. Der starke Einfluss der Evangelikalen in den armen Stadtteilen erklärt, warum so viele Vorstadtbewohner für den neoliberalen Rassisten stimmen.
Der amtierende Präsident ist eigentlich katholisch. Im Wahlkampf 2018 ließ er jedoch kaum eine Gelegenheit aus, um die Nähe zu den evangelikalen Kirchen zu suchen. Er war umjubelter Stargast bei Gottesdiensten, wurde medienwirksam im Jordan getauft und von Star-Pastor Silas Malafaia mit seiner dritten Ehefrau vermählt. Die Rechnung ging auf: Bei der Wahl unterstützten alle großen evangelikalen Kirchen erstmals gemeinsam einen Kandidaten, Bolsonaro. 70 Prozent der evangelikalen Wähler:innen stimmten in der Stichwahl für den Rechtsaußen, der passenderweise den Mittelnamen »Messias« trägt.
Dass der zweifach geschiedene, Knarre schwingende Rüpel Bolsonaro nicht ganz der himmelblauen Traumwelt der Bibeltreuen entspringt, scheint zweitrangig. Wichtiger sind klare Vorstellungen, die er mit den Evangelikalen teilt: Ablehnung von Homosexualität, Kampf gegen Abtreibung, Verteufelung des Feminismus. 2018 nutzte der ultrarechte Populist geschickt den Verschwörungsmythos einer vermeintlichen »Genderideologie«, um politische Gegner:innen zu attackieren. Diese würden Kinder und Jugendliche dazu anstiften, ihr Geschlecht zu wechseln, homosexuell zu werden, und verfrühte sexuelle Praktiken fördern.
In den sozialen Medien fanden absurde Fakenews rasant Verbreitung: Ein Programm zur Bekämpfung von Homophobie an Schulen wurde kurzerhand zu einem Projekt zur »Frühsexualisierung« von Kindern umgedichtet. Viele Brasilianer:innen glauben bis heute, die Arbeiterpartei (PT) habe Babyfläschchen in Penisform in Kinderkrippen verteilt. Als Bolsonaro dann noch eine Messerattacke überlebte, war für viele der Beweis erbracht: Dieser Mann hat einen heiligen Auftrag! Er ist von ganz oben geschickt!

Politischer Einfluss
Fundamentalistische Kräfte hatten bereits vor Bolsonaros Aufstieg einen festen Platz in der brasilianischen Politik. Es ist nicht ungewöhnlich, dass sich Pastorinnen und Pastoren in die Parlamente wählen lassen. Sonntags predigen, montags abstimmen. Im Kongress gibt es einen überparteilichen Zusammenschluss evangelikaler Abgeordneter. Die sog. Bibel-Fraktion versucht schon lange, die Politik nach ihren reaktionären Grundsätzen mitzugestalten. Jeden Mittwochmorgen versammeln sich die »Brüder im Glauben« in einem Saal, um gemeinsam zu beten.
Mit dem Amtsantritt Bolsonaros hat allerdings ein regelrechter Umbau des Staates nach ultrakonservativen Vorstellungen begonnen. Fundamentalistische Gruppen haben gezielt die Regierung infiltriert. So wurden ganze Referate ausgewechselt und Expert:innen durch religiöse Hardliner ersetzt. Praktisch das gesamte Team für Frauengesundheit im Gesundheitsministerium wurde ausgetauscht, viele dieser Personen waren renommierte Expert:innen und arbeiteten dort seit Jahrzehnten. Andere Referate wurden gleich ganz abgeschafft, so die Diversitätsabteilung im Bildungsministerium.
Die Evangelikalen und auch einige ultrakonservative Katholiken versuchen, alle Ausschu?sse zu besetzen, in denen Themen behandelt werden, die für sie von Interesse sind: Abtreibung, LGBTQI, Drogen. Sie nehmen auch Einfluss auf die Vergabe von Radio- und Fernsehlizenzen, die alle fünf Jahre neu zugeteilt werden. Auch in anderen Punkten liefert Bolsonaro: Steuerbefreiungen für Kirchen, Vorteile für ihre Mediennetzwerke, ein milliardenschwerer Schuldenerlass. Ebenso lässt sich seine Corona-Politik zum Teil mit dem Druck der Kirchen erklären. Wissenschaftsfeindlichkeit und Verschwörungsmythen gehören zur DNA vieler Gemeinden. Und als Bolsonaro – ähnlich wie sein großes Idol Donald Trump – ankündigte, die brasilianische Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem zu verlegen, knallten in vielen Kirchen die Sektkorken. Für die Evangelikalen ist Israel von zentraler Bedeutung, der Schauplatz des Armageddons.

Showdown nach den Wahlen?
Bolsonaro versucht, aus der anstehenden Wahl einen Endkampf zwischen Gut und Böse zu machen. Das passt zum Diskurs der Evangelikalen, die sich in einem konstanten Kriegszustand gegen alles Böse wähnen, das der modernen Gesellschaft innewohne – »spirituelle Kriegsführung« wird das genannt. Viele Pastoren rufen nicht nur ganz offen zur Wahl von Bolsonaro auf, sondern schießen auch aus allen Rohren gegen den als »Antichrist« und »Kommunist« verteufelten Gegenkandidaten Bolsonaros: Luiz Inácio da Silva, bekannt als »Lula«.
Der Sozialdemokrat mit der Kratzstimme, der bereits zwei Amtszeiten lang regierte, versucht das Thema Religion so gut wie möglich zu umschiffen. Auf diesem Feld könne man gegen die Rechten nur verlieren, hört man Berater:innen hinter vorgehaltener Hand sagen. Wieviel Sprengkraft hinter bestimmten Themen steckt, zeigte sich, als Lula auf einer Veranstaltung zaghaft die rigiden Abtreibungsgesetze kritisierte und damit einen Sturm der Entrüstung auslöste. Denn 75 Prozent der Bevölkerung lehnen Schwangerschaftsabbrüche kategorisch ab.
Ganz ohne Religion geht es für Lula dann aber doch nicht: Auf einer Wahlkampfveranstaltung sagte er, Bolsonaro sei »vom Teufel besessen«. Und er traf sich mit progressiven Evangelikalen. Auch wenn die meisten Freikirchler stramm konservativ sind, viele gar fundamentalistisch, gibt es eine Szene abseits der Scharlatan-Pastor:innen und Bolsonaro preisenden Hassprediger. Doch die progressiven Kräfte sind klar in der Minderheit.
Bei der Wahl 2018 waren die Themen Geschlecht und Sexualität ausschlaggebend, was Bolsonaro in die Hände spielte. In diesem Wahlkampf dürfte vor allem die wirtschaftliche Misere im Fokus stehen. Bolsonaro hat in den letzten dreieinhalb Jahren viel Unmut auf sich gezogen. Und gerade sieht es tatsächlich so aus, als könnte es gelingen, ihn bei der Wahl zu schlagen. Doch er wehrt sich mit allen Mitteln gegen die drohende Niederlage und versucht, den demokratischen Prozess zu delegitimieren. Er verbreitet Lügen über das elektronische Wahlsystem, hetzt gegen Richter:innen. Nicht wenige rechnen mit Gewalt, einige sogar mit einem Putschversuch. Schon hat er ankündigt, nicht einfach abzutreten. »Nur Gott«, sagte er »entfernt mich von der Präsidentschaft«.

Quelle: https://www.ipg-journal.de/regionen/lateinamerika/artikel/hass-in-gottes-namen-6159/?utm_campaign=de_40_20220830&utm_medium=email&utm_source=newsletter; von der Redaktion leicht gekürzt

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