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Dem Vergessen entrissen: Betty Rosenfeld

Auf den Spuren einer jüdischen Kommunistin aus der Weimarer Zeit
von Peter Nowak

Michael Uhl: Betty Rosenfeld. Zwischen Davidstern und roter Fahne. Biographie. Stuttgart: Schmetterling, 2022. 672 S., 39,80 Euro

Den Anfang machte ein vergilbtes Aktenbündel, das der junge linke Student Michael Uhl 1994 in einem spanischen Bürgerkriegsarchiv auf der Suche nach Dokumenten über die Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg fand.

Das Dokument mit der Bezeichnung »Betty Rosenfeld, 23-3-1907, Stuttgart« fand sofort das Interesse des jungen Stuttgarters. 22 Jahre später, aus dem linken Studenten war inzwischen ein Historiker geworden, stieß Uhl in Stuttgart auf einen Stolperstein mit dem Namen von Betty Rosenfeld. »Ich erinnerte mich sofort an Bettys Namen und war schockiert. Am Ende hatte man sie also ermordet«, schreibt Uhl über die Gedanken, die ihm dabei durch den Kopf gingen.

Er hatte die vergilbte Akte auch deshalb nicht vergessen, weil ihm das Passfoto der jungen, dunkelhaarigen Frau nicht aus dem Kopf gegangen war. Er begann, über mehrere Jahre in verschiedenen Ländern über ihr Leben zu recherchieren. Auf 670 Seiten breitet er nicht nur das Leben der vorher völlig unbekannten Frau aus, ihm gelingt dabei auch eine sehr subjektive Geschichte der Linken von der Endphase der Weimarer Republik bis in die frühen 1940er Jahre. Er beschreibt die Hoffnungen und Utopien, die eine Frau, die in einer bürgerlich-jüdischen, gemäßigt liberalen Umgebung aufgewachsen ist, zur politisch Linken und schließlich in die Nähe der Kommunistischen Partei führt.
Wir lernen die Stimmung in den letzten Jahren der Weimarer Republik kennen, in denen Linke von Polizei und Justiz besonders hart bestraft wurden, wenn sie bspw. an von den Staatsorganen verbotenen Demonstrationen teilnahmen. Wir lesen, wie den aufstrebenden Nazis schon damals Rosen auf den Weg gestreut wurden. Wir erleben mit, wie Betty und ihre Freund:innen und Genoss:innen gegen die aufstrebende NS-Bewegung nur eine Lösung sahen: die sozialistische Revolution. Deswegen beteiligte sie sich an Aktionen der KPD, obwohl sie erst in Spanien Parteimitglied wurde.
Der Bericht wirkt deshalb besonders eindringlich, weil Uhl die Zeitläufe nicht wie ein Historiker beschreibt. Er versetzt sich in Betty Rosenfeld hinein und schildert, wie sie die Zeitläufe erlebt. Eine solche Methode erfordert besonders viel Recherche bei einer Protagonistin, die wenig Schriftliches hinterlassen hatte. Zudem waren alle Bekannten und Freund:innen Rosenfelds schon gestorben, als Uhl seine Recherchearbeit aufnahm. Ihm gelang es allerdings noch, Menschen der zweiten Generation zum Sprechen zu bringen, die Betty Rosenfeld aus Berichten und Erzählungen kannten.
Es ist daher umso höher zu bewerten, wie gründlich sich Uhl in die Materie eingearbeitet hat und ein so detailreiches Buch schreiben konnte. Nur ein Beispiel für seine akribische Arbeit: »In der Geißstraße 4 hatte die Geschäftsstelle des 26.Bezirks der deutschen Sektion der Kommunistischen Internationale, besser bekannt als KPD, in Stuttgart ihren Sitz. Die Gasse dahinter lag hinter dem Marktplatz und vor dem kleinen Platz mit einem künstlichen Brunnen, über dem die Märchenfigur Hans im Glück schwebte. Über den Torbögen des Gebäudes hingen Wandtafeln mit politischen Losungen.« So ausführlich beschreibt Uhl das Gebäude in Stuttgart, in dem neben anderen Einrichtungen der linken Arbeiterbewegung auch die Marxistische Abendschule (MASCH) ihr Domizil hatte. Dort besuche Betty Rosenfeld mehrere Kurse, sie wurden ihr ein Einstieg in die Theorie und Praxis des Marxismus.

Spanien war die Hoffnung
Sehr anschaulich beschreibt Uhl die Gefahr, die der aufkommende Nationalsozialismus für Linke und Juden bedeutete. Wir erleben mit, wie auch in Stuttgart die Hakenkreuzfahnen auf allen öffentlichen Gebäuden wehten, die ersten antijüdischen Gesetze erlassen wurden und die Kommunist:innen in den Untergrund gedrängt und verhaftet wurden. Betty Rosenfeld reiste im Herbst 1935 nach Palästina, doch blieb sie nicht lange dort. Mit einer Gruppe weiterer Jungkommunist:innen reiste sie weiter nach Spanien. Das Land war damals für viele Linke aus aller Welt zur Hoffnung im Kampf gegen den Faschismus geworden, nachdem dort eine von NS-Deutschland und Mussolini-Italien unterstützte Militärclique gegen eine demokratisch gewählte linke Volksfrontregierung geputscht hat.
Auch hier hat Uhl akribisch Betty Rosenfelds Agieren recherchiert. Dabei zeigt er, wie die große Hoffnung enttäuscht wurde, dass in Spanien dem NS-Faschismus Grenzen gesetzt werden könnten. Wir erleben mit, wie Betty, wie Tausende andere Antifaschist:innen, in der Falle saß. Bis zum Schluss äußerte sie in den spärlicher werdenden Briefen, die Uhl im Buch zitiert, die Hoffnung, mit ihrem Freund und Genossen Sally Wittelson ausreisen zu können. Dabei wurden ihre Lebensumstände nach der deutschen Besetzung Frankreichs immer schlimmer, bevor sie über das Sammellager Drancy nach Auschwitz-Birkenau transportiert und dort ermordet wurde. Auch ein Großteil ihrer Familie überlebte den NS nicht. Michael Uhl hat sie mit seinem Buch dem Vergessen entrissen.


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1 Kommentar
  • 03.11.2022 um 16:22 Uhr, Paul sandner sagt:

    In Stuttgart bemüht sich die Initiative „Ein Platz für Betty Rosenfeld“ den Bismarckplatz zum Gedenken an die Spanienkämpferin in Betty-Rosenfeld-Platz umzubenennen.
    Infos zu der Kampagne und Unterstützungsmöglichkeiten finden sich auf

    http://www.Betty-Rosenfeld.de

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