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Im Zeichen der Vernetzung

Im Oktober fanden mehrere linke Gewerkschaftstreffen statt
von Violetta Bock

Die Inflation ist das beherrschende Thema bei Gewerkschafter:innen. Nicht nur, aber auch wegen anstehender Tarifrunden in der Metall- und Elektroindustrie, im öffentlichen Dienst, bei der Post und bei Nahverkehrsunternehmen. Nach zwei Jahren Pandemie und ausgefallenen Konferenzen gab es im Oktober gleich mehrere gewerkschaftliche Zusammenkünfte.

Den Start machte OKG (Organisieren Kämpfen Gewinnen) am ersten Oktoberwochenende unter dem Motto »Basis stärken« mit etwa 140 Teilnehmer:innen. Zwei Drittel der Anwesenden hatten im letzten Jahr an Streiks teilgenommen, sei es in der Krankenhausbewegung, bei Gorillas oder Amazon. In über einem Dutzend Workshops berichteten Aktive, wie sie sich im betrieblichen Alltag organisieren.

Berlin: Basis stärken
Immer wieder ging es zentral darum: Wie reagieren wir auf gesellschaftliche Krisen bei schwacher betrieblicher Verankerung und wie können wir sie ausbauen, um gesellschaftlich durchsetzungsfähig zu werden?
Auf dem Podium am Samstagabend berichtete Wolfgang Schaumberg von seinen Erfahrungen seit den 70er Jahren aus der Gruppe oppositioneller Gewerkschafter, Ines Schwerdtner stellte den Ansatz von Genug ist Genug vor, die Sozialproteste mit den anstehenden Tarifverhandlungen zu verbinden. Carola Rackete führte in einem spontanen Grußwort aus, wie sich die Klimagerechtigkeitsbewegung nun ebenfalls Organizing-Methoden annähert.
Durch englische Übersetzung während der Konferenz gelang es vor allem auf dem internationalen Abschlusspodium, den Blick zu weiten. Dort überbrachte eine Kollegin von der Inicjatywa Pracownicza aus Polen die Botschaft, wie sie mit dem Krieg in der Ukraine konfrontiert sind. Seit 2014 arbeiten ukrainische Geflüchtete mit Ein-Monat-Verträgen in den Fabriken in Polen. Als Gewerkschaft stehen sie mit ihnen, aber auch mit den Gewerkschaften in der Ukraine in Verbindung, letztere kämpfen derzeit sowohl gegen die russischen Panzer als auch gegen die Aushöhlung ihrer Rechte als Arbeiter:innen durch das neue Arbeitsgesetz.
Eine Kollegin aus England erzählte, wie die Inflation dort bereits durchschlägt und wie an demselben Wochenende 250000 Beschäftigte mit Streiks der Arbeiterbewegung neuen Schwung geben. Aus Italien berichtete ein Hafenarbeiter von ihren Aktivitäten während der Pandemie und von ihrer Blockade von Waffenexporten.
Gelobt wurde der kritische, aber produktiven Austausch und sein bestärkender Charakter. Der machte sich auch Samstagabend beim »Work Slam« bemerkbar. Angelehnt an das Format des Poetry Slam wurden hier Anekdoten und Aha-Momente aus dem Arbeitsalltag erzählt, mal nachdenklich, mal erinnernd, mal schmunzelnd. Manchmal tut es einfach gut, über den Chef herzlich zu lachen.

Frankfurt: Kämpferische Gewerkschaften und Organizing
Eine Woche später ging es mit gleich zwei Konferenzen in Frankfurt weiter. Die VKG (Vernetzung für kämpferische Gewerkschaften) lud zum Schwerpunkt Kampf gegen die Inflation ein. Etwa 100 linke und organisierte Gewerkschafter:innen diskutierten, wie ein kämpferischer Kurs in den Gewerkschaften gestärkt werden kann. Dafür wurde einmal positive Bilanz gezogen über den Aufbau von VKG in den letzten zweieinhalb Jahren, die Steigerung der Öffentlichkeitsarbeit, der Analysen und der Vernetzung vor Ort. Aus erster Hand wurde von Kämpfen im Krankenhaus oder am Hafen berichtet. Einen Schwerpunkt nahm die Einschätzung der kommenden Kämpfe und insbesondere der Tarifrunden ein.
Zum Abschluss wurde die Resolution »Nein zu Preisexplosion und Lohnverlusten: Die Gewerkschaften müssen die Gegenwehr organisieren!« verabschiedet. Darin heißt es unter anderem: »Wir fordern die Gewerkschaftsvorstände auf, jetzt in den Betrieben und auf der Straße zu mobilisieren, um eine breite Bewegung aufzubauen. Die Beteiligung an der konzertierten Aktion mit Regierung und Unternehmern muss beendet werden.« Es wurden Belegschaftsversammlungen angeregt und Vorschläge für zentrale Forderungen sowie ein Aktionsprogramm unterbreitet.

Am gleichen Tag feierte der express sein 60jähriges Bestehen unter dem Motto »Von dem Begehren nach einer anderen Freiheit getragen«. Das Tagungsprogramm lud nicht nur zum Feiern ein, sondern war gerahmt von inhaltlichen Beiträgen und der Diskussion zu einem der prägendsten Ansätze in der heutigen Gewerkschaftslandschaft: Organiz­ing. Doch Organizing ist nicht gleich Organizing. Und so unterschiedlich die Organisierungsansätze in Methode, Ziel und Ausrichtung auch sind, werden sie selten miteinander diskutiert.
Genau dies nahm sich der express für die Tagung vor, ganz im Sinne eines Kommunikationsorgans einer pluralen Gewerkschaftsbasis. Mit den Referent:innen Florian Wilde, Slave Cubela und Yanira Wolf trafen Akteure aus verschiedenen Einzelgewerkschaften, Gewerkschaftsgenerationen und Arbeitsfeldern aufeinander zu einer produktiven Diskussion mit rund 40 Gästen.

Mannheim: Angriffe abwehren
Am 15.Oktober fand noch ein Stück weiter südlich die 9.Konferenz gegen BR-Mobbing statt. Rund siebzig Betriebsräte und gewerkschaftlich Aktive aus verschiedenen Branchen werteten die zurückliegenden BR-Wahlen aus und diskutierten, wie es um die konkreten Strategien zur erfolgreichen Verteidigung verbriefter Rechte in der Arbeitswelt steht.
Eins wurde in jedem Fall deutlich: Corona hat den Angriffen gegen Betriebsräte keinen Abbruch getan. Die Folgen der anhaltenden »Corona-Krise« werden von Geschäftsführungen zum Teil sogar für »Verdachtskündigungen« ausgenutzt. Der Konferenz in Mannheim gelingt es in bewährter Tradition, konkrete Fallbeispiele zu beleuchten, aber auch Verantwortliche aus Gewerkschaftsvorständen zu Wort kommen zu lassen um zu erklären, wie Beschlüsse zur Stärkung der Betriebsräte innerhalb der Gewerkschaften umgesetzt werden.
Sowohl der baden-württembergischen DGB-Vorsitzende als auch Vorstandsmitglieder der IG Metall erläuterten ihre Positionen. Sie erhielten als Auftrag, die Öffentlichkeitsarbeit noch mehr zu verstärken, vor allem angesichts des skandalösen Umgangs mit dem BR-Vorsitzenden im Unternehmen des BDA-Präsidenten Dulger. Mit gezielter Gewerkschaftsbekämpfung werden Betroffene gesundheitlich zerstört, und das hat Auswirkungen auf Angehörige und Kolleg:innen. In der verabschiedeten Entschließung wurde daher mit Dringlichkeit auf die notwendige Gegenwehr hingewiesen.

Nicht selten wurde auf der ein oder anderen Konferenz kritisch hinterfragt, warum man nicht lieber eine gemeinsame Konferenz mache. Kaum jemand dürfte jede besucht haben, zumindest hatte alle die Wahl zwischen verschiedenen Regionen, Zielgruppen und je spezifischen Ansätzen. Positiv kann man zum Oktober 2022 auf jeden Fall sagen, dass viel linke gewerkschaftliche Vernetzung und Austausch stattgefunden hat, und wir mit einem stabilisierten Fundament in die kommenden Monate starten.
Das alles in einer Konferenz zu bündeln, scheint wenig sinnvoll, aber vielleicht gelingt es beim nächsten Mal zumindest, Termine besser abzustimmen. Und wahrscheinlich werden viele spätestens bei der nächsten Streikkonferenz der Rosa-Luxemburg-Stiftung vom 12. bis 14.Mai 2023 in Bochum aufeinander treffen.


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