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Stahlindustrie transformieren!

Ein Konzept für eine sozialökologische Zukunft der Arbeit
von Hanno Raußendorf

Unter dem obigen Titel haben ­Ulrike Eifler und Christian Leye ­einen Sammelband herausgegeben und Mitte September vorgestellt. Ulrike Eifler ist stellvertretende Landessprecherin der LINKEN in NRW und Sprecherin der Bundesarbeitsgemeinschaft Betrieb & Gewerkschaft in der Partei. Christian Leye ist seit vergangenem Jahr Mitglied des Bundestags, dort wirtschaftspolitischer Sprecher der Linksfraktion und hat seinen Wahlkreis im regelmäßig stahlkrisengeschüttelten Duisburg.

In dem kleinen Band finden sich, neben Beiträgen von Herausgeberin und Herausgeber, Texte von Heinz-Josef Bontrup und Heinz Bierbaum, die sich mit den Voraussetzungen für den klimaneutralen Umbau und den dafür notwendigen Änderungen in der Industriepolitik beschäftigen. Susanne Ferschl schreibt über neue Wege der Mitbestimmung in der Stahlindustrie. Und Daniela Bollmann und Moritz Gailus arbeiten die bedrohlichen Auswirkungen der aktuellen Energiepreiskrise auf die notwendigen Umbau-Prozesse auf.
Gemeinsam gehen die Autorinnen und Autoren der Frage nach, wie bedrohte Arbeitsplätze in einer klimaneutral umgebauten Stahlindustrie gerettet werden können. Am Beispiel der Entwicklungen bei Thyssenkrupp, Deutschlands größtem Stahlproduzenten und »Herzstück des Industriestandortes Nordrhein-Westfalen«, wird die Komplexität des aktuellen Umbruchs herausgearbeitet. Allein in Duisburg arbeiten 17000 Menschen direkt in der Stahlindustrie, 150000 Arbeitsplätze bei Zuliefer- und Dienstleistungsbetrieben in der Region hängen von ihr ab – ein erheblicher Faktor für das Ruhrgebiet, das schon vor der Corona-Pandemie vom Paritätischen Wohlfahrtsverband als armutspolitische »Problemregion Nummer 1« bezeichnet wurde.
Sozialökologische Transformation ist für die Autorinnen und Autoren mehr als nur soziale und ökologische Fragen auf einer abstrakten Ebene irgendwie zusammenzudenken. Sie sei vielmehr der Versuch, die Welt der Arbeit als zentralen Austragungsort und linkes Betätigungsfeld zu verstehen, in dem die Forderung nach einer transformativen und nachhaltigen Industriepolitik formuliert und linke Antworten in der widersprüchlichen Diskussion über Energiepolitik entwickelt werden.

Technisch machbar – verbraucht viel Strom
Die Eisen- und Stahlindustrie in Deutschland ist für 6 Prozent aller CO2-Emissionen in Deutschland verantwortlich, alleine die Hochöfen in Duisburg stehen für 2,5 Prozent der deutschen Treibhausgasbelastung. Die Autorinnen und Autoren legen ein klares Bekenntnis zur Zukunft Deutschlands als Stahlstandort ab. Immerhin, führt Christian Leye aus, stecke Stahl auch in Windrädern, Bussen und Zügen. Damit aber ist die Umstellung auf klimaneutrale Stahlproduktion ein wichtiges Element der Klimawende. Wenn der ökologische Umbau der Stahlindustrie gelingt, könnte damit rund ein Drittel der CO2-Emissionen in der Industrie eingespart werden. Dabei gelte es zu verhindern, dass es bei Erfolg zu einer Privatisierung der Gewinne nach der vorherigen Sozialisierung der Kosten kommt.
Technisch ist ökologische Stahlproduktion heute schon möglich. Das Verfahren heißt Direktreduktion, wobei Eisenerz durch Zugabe von Wasserstoff der Sauerstoff entzogen wird. Dadurch entsteht sog. Eisenschwamm, der mit einem Elektrolichtbogenofen zu Stahl weiterverarbeitet werden kann. Benötigt werden dafür große Mengen grünen Wasserstoffs und sehr viel klimaneutral erzeugter Strom für dessen Herstellung und für die notwendige Prozesswärme.
Beides steht bislang nicht annähernd ausreichend zur Verfügung. Allein in Duisburg würde der Strom von etwa 3800 Windrädern benötigt, rechnet Ulrike Eifler vor, etwa 150 mehr, als derzeit insgesamt in NRW stehen. Daniela Bollmann und Moritz Gailus machen darauf aufmerksam, dass angesichts dieses Mangels an deutschen Produktions- und Belieferungskapazitäten, in Zukunft jene Stahlhersteller einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil haben, die an ihren Produktionsstandorten Zugang zu ausreichend klimaneutral produzierter Energie haben. Ökostrom wird also zum Standortvorteil.
Um die Stahlsparte von thyssenkrupp auf zukunftsfähige, saubere Produktion umzurüsten, wird die öffentliche Hand einen zweistelligen Milliardenbetrag investieren müssen, denn der chronisch klamme Konzern wird die erforderlichen Mittel aus eigener Kraft nicht aufbringen können. Die an der Börse gehandelten Aktien des Gesamtkonzerns sind gerade noch rund 3,5 Milliarden Euro wert – deutlich weniger als für den Umbau notwendig.
Die LINKE.NRW, deren Sprecher Christian Leye bis zur letzten Bundestagswahl war, hat deshalb in Zusammenarbeit mit Betriebsräten von thyssenkrupp in Duisburg den Vorschlag einer öffentlichen Industriestiftung erarbeitet. Die soll die Stahlwerke übernehmen, den Umbau mit öffentlichen Mitteln garantieren und so die Arbeitsplätze langfristig sichern.

Der Autor ist klimapolitischer Sprecher von Die LINKE.NRW. Der Sammelband kann über das Büro von Christian Leye bestellt werden und steht auf seiner Homepage zum Download zur Verfügung.


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