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Streiks sind wichtiger als Symbolik

Emma Dabiri über rassische Zuschreibung und was sie mit Kapitalismus zu tun hat
Nachdruck aus StadtRevue (Köln)

Emma Dabiri wurde in Dublin als Tochter einer irischen Mutter und eines nigerianischen Yoruba-Vaters geboren. Ihre ersten Lebensjahre verbrachte sie in Atlanta, Georgia (USA); ihre Familie kehrte nach Dublin zurück, als Dabiri fünf Jahre alt war. Ihre Erfahrung, isoliert und als Zielscheibe von häufigem Rassismus aufzuwachsen, hat ihre Perspektive geprägt. Nach der Schule zog sie nach London, um Afrikastudien an der School of Oriental and African Studies zu betreiben. Sie hat für die BBC gearbeitet und schreibt unter anderem für den Guardian und die Irish Times.

Dabiris Offenheit in Fragen von Rasse und Rassismus hat dazu geführt, dass sie sich online mit extremem »Trollismus« und rassistischen Beschimpfungen auseinandersetzen musste.

»Wir brauchen nicht nur Diversität der Gesichter, sondern auch der Ideen«, schreibt die irische Journalistin Emma Dabiri in ihrem Bestseller Was weiße Menschen jetzt tun können. Von »Allyship« zu echter Koalition*. Der zeitgenössische Antirassismus fördere keine Solidarität. Im Interview mit Christian Werthschulte beschreibt sie, wie die weiße und die schwarze Arbeiterklasse zusammenkommen können.

Frau Dabiri, mit Was weiße ­Menschen jetzt tun können haben Sie ein Buch über Rassismus geschrieben, das vom Schwarzen Marxismus inspiriert ist und ein Bestseller wurde. Wie haben Sie das ge­schafft?

Lustige Frage. Ich wollte den liberalen Mainstream-Antirassismus kritisieren. Also habe ich es wie ein Selbsthilfebuch für weiße Menschen benannt – ein momentan sehr populäres Genre. Die Idee war, die aktuelle, eher mangelhafte Debatte über Rassismus mit den Erfahrungen einer älteren Generation von Akti­vist:innen zu verbinden, die wesentlich kollektiver gedacht hat. Ich habe die Form benutzt, um die Form zu kritisieren.

Antirassismusmaßnahmen wie das Reflektieren von Privilegien oder Selbstverpflichtungen zu Diversity haben auch deutsche Institutionen in Politik und Wirtschaft erreicht. Was ist daran problematisch?

Es gibt ein fundamentales Unverständnis darüber, wie Rassifizierung entsteht, wie Rassismus einzelnen Gruppen eine gesellschaftliche Position zuweist und welche Rolle all dies im Kapitalismus spielt. Stattdessen konzentriert man sich auf individuelle Äußerungen von Rassismus wie Mikroaggressionen. Und als Lösung soll sich das weiße Individuum verändern, anstatt danach zu fragen, wie man sich strategisch organisieren und ökonomische Ungleichheit bekämpfen kann.
Oder es geht um die Repräsentation schwarzer Menschen. Bei den Oscars hat der US-Rapper Jay-Z eine große Party für Hollywood-A-Celebrities veranstaltet – in einem Hotel, wo die schwarzen Angestellten gegen sexuelle Übergriffe und rassistische Diskriminierung am Arbeitsplatz protestiert haben. Sie waren im Streik und hatten Jay-Z gebeten, die Party abzusagen. Aber er und alle anderen Celebrities, auch die Schwarzen, haben den Streik gebrochen.

Jay-Z und seine Frau Beyoncé gelten als Schwarze Vorbilder. Sie haben Black Lives Matter finanziell unterstützt, was ihnen sehr viel Publicity eingebracht hat. Ist der Kampf gegen rassistische Polizeigewalt akzeptierter als der gegen Rassismus am Arbeitsplatz?

Der Filmemacher Boots Riley hat einmal gesagt, dass Streiks oder Proteste von Arbeiter:innen einst als enorm bedrohlich wahrgenommen wurden, weil sie den Kapitalismus gestört haben. Mit dem Aufkommen der Studierendenproteste in den 60er Jahren rückte dann die symbolische Dimension in den Vordergrund. Auch so etwas wie die Black-Panther-Performance von Beyoncé ist zunächst ein Symbol.
Hinzu kommt, dass sich die Strategie vieler prominenter schwarzer Aktivisten ab den 80er Jahren geändert hat. Anstelle von Umverteilung haben sie auf verbesserte Inklusion und Repräsentation schwarzer Menschen gesetzt. Ich habe deshalb ein Kapitel über die Umverteilung von Ressourcen geschrieben. Und natürlich verfolge ich interessiert, was bei Amazon passiert, wo es einem schwarzen Lagerarbeiter, der gefeuert wurde, gelungen ist, eine Gewerkschaft in einem der Lagerhäuser zu gründen.

Ein Satz aus Ihrem Buch ist mir im Gedächtnis geblieben. Weiße Menschen, schreiben Sie dort, müssten realisieren, dass »dieser Scheiß auch sie umbringt«. Sie erläutern dann, wie »Weißsein« und »Schwarzsein« als Kategorien historisch entstanden sind und welche Rolle sie bei der Entwicklung des Kapitalismus in Großbritannien und den USA gespielt haben. Wie sind die Reaktionen Ihrer Leser:innen darauf?

Diese Ideen sind komplexer als die sehr binären und eindimensionalen Ideen über Rassismus, die besonders online diskutiert werden. Deshalb wollte ich sie so zugänglich wie möglich darstellen. Und viele Menschen, die als weiß rassifiziert worden sind, haben mir geschrieben, dass meine Darstellung Sinn für sie ergebe. Sie könnten sich vorstellen, sich für so etwas zu engagieren. Obwohl mein Buch radikaler als viele andere antirassistische Literatur ist, ist es zugleich inklusiver.

In Was weiße Menschen jetzt tun können nennen Sie den Black-Panther-Aktivisten Fred Hampton, der in den 60er Jahren in Chicago lebte, als Beispiel, wie man die Ideen des Buchs umsetzen könne.

Wie Angela Davis oder Martin Luther King wollte auch Hampton eine Massenbewegung aufbauen, um seine Ideen besser durchsetzen zu können. Also hat er eine Regenbogen-Koalition gebildet: mit den Young Lords, einer Gruppe junger Puertoricaner, und den Young Patriots, einer Gruppe junger, armer Weißer. Die hatten zwar keinen Rassismus erlebt, aber Erfahrungen mit Polizeigewalt und verringerten Lebenschancen gemacht. Hampton hatte erkannt, dass es zwischen diesen Gruppen genügend strukturelle Gemeinsamkeiten gibt, dass sie sich gemeinsam strategisch organisieren konnten.
Das war keineswegs selbstverständlich: Die Young Patriots hatten am Anfang die Südstaatenflagge als Symbol. Aus Respekt für Hampton haben sie davon Abstand genommen. Als Hampton 1969 von der Polizei erschossen wurde, fiel die Bewegung auseinander, ohne dass sie ihr Potenzial nutzen konnte. Ich glaube, es war gut, dass diese Bewegung klare Forderungen stellte und Parallelinstitutionen wie Frühstückstafeln für arme schwarze Kinder aufgesetzt hat. Das ist ein Unterschied zu Forderungen wie Diversität oder Repräsentation, die sehr leicht vereinnahmt werden können. Außerdem fördert es ein Gefühl von Kollektivität.

Bei aller Kritik an einer Politik der Repräsentation spielen Kultur und Medien eine wichtige Rolle.

Ja, aber es wäre gut, wenn man neben einer Diversität der Gesichter auch eine Diversität von Ideen hätte. Außerdem denke ich, es ist sinnvoller, politische Theorie und literarische Repräsentationen von Schwarzsein zu lesen als Selbsthilfebücher, wie man ein besserer weißer Mensch wird. Fred Motens Idee der »Fugitivity«, einer Fluchtbewegung, ist ein radikaler Gegenentwurf zur Inklusion. Und der zeigt sich auch in der radikalen schwarzen Tradition von Musik, von Jazz bis zu Techno.

Quelle: StadtRevue (Köln), Nr.5, 2022. Nachdruck mit freundlicher Genehmigung und geringfügig bearbeitet von der Redaktion.

*Emma Dabiri: Was weiße Menschen jetzt tun können. Von »Allyship«zu echter Koalition. Berlin: Ullstein, 2022. 192 S., 12,99 Euro.


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