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Viel zu selten

Eine Briefmarkenserie widmet sich Berufen, auf die es ankommt
von Kai Böhne

Wertschätzung ist ein zentrales Bedürfnis von Menschen, im Arbeitsleben genauso wie im privaten Bereich. Jeder möchte mit dem, was er macht und geleistet hat, gesehen, anerkannt und gewürdigt werden.

Umgangssprachlich wird Wertschätzung oft mit Lob und Anerkennung für Leistungen gleichgesetzt. Doch das greift zu kurz. Wertschätzung ist weit mehr, es ist eine Herzens- und Geisteshaltung, die stets den gesamten Menschen sieht und nicht nur dessen Ertrag. Wertschätzung ist verbunden mit Respekt, Wohlwollen und Anerkennung. Sie drückt sich aus in Zugewandtheit, Freundlichkeit, Interesse und Aufmerksamkeit. Erfahrene Wertschätzung setzt Kräfte frei und wirkt motivierend.
Geringe und mangelnde Wertschätzung der Verantwortlichen war gerade bei den Streiks der Pflegeberufe zu beobachten. Die Krankenhäuser sind chronisch unterbesetzt, die Belastung ist hoch, Privatleben und Gesundheit der Beschäftigten leiden unter den Arbeitsbedingungen. In den Arbeitskämpfen geht es um mehr als nur um Lohnerhöhungen. Die Streikenden fordern Entlastung, Einstellung weiterer Kolleg:innen und mehr Zeit für ihre Arbeit am Patienten.
Nicht nur Beschäftigte im Gesundheitswesen leiden unter Zeitdruck und einem stetig steigenden Arbeitspensum. Die slowenische Post wirft mit einer Briefmarkenreihe einen aufmerksamen Blick auf Berufsgruppen, die hinsichtlich ihrer Arbeitsbelastung, ihrer Gesundheitsgefahren und ihrer prekären Arbeitsbedingungen leicht übersehen werden. Exemplarisch stellt sie fünf Arbeitsfelder vor:
– körperlich im Freien hart arbeitende Bauarbeiter, Straßenbauer und Forstarbeiter (0,62-Euro-Wert);
– prekäre, ohne soziale Absicherung, mit unregelmäßigen Engagements arbeitende Musiker sowie Schauspieler und Tänzer (0,79-Euro-Wert);
– medizinisches- und pflegerisches Personal, das in Gesundheitskrisen besonders gefordert ist (0,91-Euro-Wert);
– Berufe im Bildungsbereich, die sich während der Corona-Pandemie kurzfristig auf Online-Lehre, den Einsatz neuer Lehrmethoden und Technologien einstellen mussten (1,16-Euro-Wert);
– Fahrer im Fracht- und Personenverkehr und Fahrer von Lieferdiensten, die während der Corona-Pandemie die Infrastruktur und Versorgung aufrecht erhielten (1,33-Euro-Wert).

Die von der slowenischen Post beobachtete Entwicklung, dass gerade Beschäftigte, die unsere Infrastruktur und Versorgung aufrechterhalten, oftmals übersehen werden, ist in Deutschland ähnlich. Fred Breinersdorfer, der frühere Vorsitzende des Verbands Deutscher Schriftsteller, erklärte schon 2001 bei einem Bundestagshearing, hauptberuflich tätige, selbstständige Künstlerinnen und Künstler befänden sich »in der Sahelzone der Einkommen«. Daran hat sich seither wenig geändert. »Wer selbständig arbeitet und nicht über Reserven für wenigstens einige Monate verfügt, lebt immer am Rand der Krise: Die kleinste Störung, eine Krankheit, der Ausfall eines Kunden, eine nicht erfolgreiche Produktion gefährdet sofort den Lebensentwurf«, schrieb der Soziologe und Kulturforscher Dieter Haselbach im Juli 2021 in einer Publikation des Deutschen Kulturrats.
Während Berufsunfälle insgesamt durch Homeoffice und Lockdowns zurückgingen, verzeichnete der Bau im Jahr 2020 einen traurigen Rekord. Kleinere Betriebe mit bis zu neun Beschäftigten waren laut Berufsgenossenschaft besonders betroffen. 97 Bau-Beschäftigte kamen bei ihrer Arbeit ums Leben. Die meisten tödlichen Unfälle ereigneten sich durch Abstürze. Auch die Gesamtzahl der Arbeitsunfälle bleibt mit über 104000 auf einem erschreckend hohen Niveau.


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