Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

Bert Brecht hielt nicht viel vom Recht auf geistiges Eigentum. Wir auch nicht. Wir stellen die SoZ kostenlos ins Netz, damit möglichst viele Menschen das darin enthaltene Wissen nutzen und weiterverbreiten. Das heißt jedoch nicht, dass dies nicht Arbeit sei, die honoriert werden muss, weil Menschen davon leben.

Hier können Sie jetzt Spenden
PDF Version Artikellink per Mail  | Soz Nr. 12/2022

Aus dem Englischen von Eva Bonné. München: Penguin, 2022. 378 S., 26 Euro
von Gerhard Klas

Nachleben, der neue Roman des letztjährigen Literaturnobelpreisträgers, spielt wie schon sein vielbesprochener Roman Das verlorene Paradies erneut vor dem Hintergrund der deutschen Kolonialherrschaft in Ostafrika. Auf subtile Weise beschreibt der Autor die traumatischen Auswirkungen auf seine Protagonisten und beleuchtet ein weitgehend vernachlässigtes Kapitel der deutschen Geschichte.

Ein komplexes Beziehungsgeflecht entfaltet sich: drei Waisenkinder, Hamza, Afiya und ihr Bruder Ilyas. Khalifa und Asha, ein Paar in einer arrangierten Ehe. Der Kolonialkrieg gegen die Maji-Maji 1907 wirbelt ihr Leben durcheinander.
Gurnah verzichtet weitgehend auf die detailgenaue Beschreibung dieses brutalen Wütens. Aber auch die Geschichte von Khalifa und Asha, die weitab des unmittelbaren Kriegsgeschehens leben, bleibt nicht unberührt von den Auswirkungen der kolonialen Gewalt. Es beginnt mit Ilyas, dem Bruder der Ziehtochter Afiya. Als ehemaliger Besucher einer Missionsschule spricht er fließend Deutsch, wird zum glühenden Anhänger der Deutschen und geht daher als Askari, als einheimischer Freiwilliger zur »Schutztruppe«.
Ilyas Spur verliert sich dann in den Wirren des Krieges. Dafür kommt Hamza in die Geschichte, der zum Kollegen Khalifas wird und später Afiya heiratet. Aus seiner Vergangenheit – der Gurnah einen großen Teil des Buches widmet – macht er zunächst ein Geheimnis. Denn auch Hamza hatte sich freiwillig zur »Schutztruppe« gemeldet. Doch bald bereut er seine Entscheidung und kehrt nach einer schweren Verletzung verkrüppelt und traumatisiert an seinen Heimatort zurück.
Mit viel Feingefühl beschreibt Gurnah die mühsamen Versuche Hamzas, wieder im Alltagsleben anzukommen. Der Roman endet in Deutschland und nimmt keinen glücklichen Ausgang. Ein außergewöhnliches literarisches Erlebnis, das die deutsche Kolonialzeit und ihre Auswirkungen über Generationen hinweg schmerzhaft deutlich macht.

Print Friendly, PDF & Email
Teile diesen Beitrag:
Kommentar zu diesem Artikel hinterlassen

Spenden

Die SoZ steht online kostenlos zur Verfügung. Dahinter stehen dennoch Arbeit und Kosten. Wir bitten daher vor allem unsere regelmäßigen Leserinnen und Leser um eine Spende auf das Konto: Verein für solidarische Perspektiven, Postbank Köln, IBAN: DE07 3701 0050 0006 0395 04, BIC: PBNKDEFF


Schnupperausgabe

Ich möchte die SoZ mal in der Hand halten und bestelle eine kostenlose Probeausgabe oder ein Probeabo.