Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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PDF Version Artikellink per Mail  | Soz Nr. 12/2022

Eine Sprache der Zuversicht ist Bedingung für positive Veränderungen
von Rolf Euler

Ulrich Grober: Die Sprache der Zuversicht. München: Oekom, 2022. 256 S., 24 Euro

Der Oekom-Verlag hat sich mit einer großen Zahl von Publikationen etabliert, die die Klimakrise und mögliche Auswege von allen Seiten beleuchten. Aus diesem Rahmen fällt das Buch von Ulrich Grober heraus.

Ulrich Grober lebt im nördlichen Ruhrgebiet, hat nach Studienjahren eine Zeit untertage gearbeitet und ist Autor zahlreicher Features, Artikel und Bücher, wandert und schreibt. Er hat mit Die Sprache der Zuversicht einen Reigen fortgesetzt, der Vom Wandern über Die Entdeckung der Nachhaltigkeit bis zu Der leise Atem der Zukunft geht.
Grober geht in seinem neuen Buch die Krisen der Zeit an über den scheinbaren »Umweg« der benutzten Worte, des Sprachgebrauchs, und bereichert die Lesenden mit Ursprüngen, Geschichte und Wirkung von Wörtern wie »Nachhaltigkeit«, »Zuversicht«, »Furchtlosigkeit« als Weg zum Verständnis dessen, was getan werden kann, eine »Umkehr«. »Die Zeit ist aus den Fugen« – wie oft in der Geschichte wurde dieser Satz schon benutzt, und gerade so fängt das Buch an: mit einer kurzen Aufzählung der Krisen.
Grobers Ansatz ist, dem Ausweg Worte zu leihen:
»Sprache ist ein offenes System, ein Gemeingut, das Wichtigste, was wir haben. Unser Vokabular lenkt unser Denken … Was wir als Wegzehrung für die Reise in eine unsichere Zukunft besonders dringend brauchen, ist eine Sprache der Zuversicht, eine, die verbindet.«
Das gelingt dem Autor mit einer ausführlichen, philosophischen und historischen und eingängigen Sprachkenntnis, mit Wissen um »Not« und »Notwendigkeiten«. Er verbindet allgemeine Erkenntnisse mit persönlichen Erfahrungen.
Der persönliche Ansatz: Ulrich Grober erzählt Erlebnisse und Erkenntnisse mit Weggefährten beim Wandern, zuerst auch mit der einjährigen Enkelin, ihr Wandern in die Welt, seine Sorge, was sie erleben wird, was die jetzigen Großeltern nicht mehr erleben werden, aber was in ihrer Zeit aufgelaufen ist.
Anrührend: Die Kapitelüberschriften werden grafisch mit dem Fußabdruck der Kleinen versehen – ein doppelter Hinweis auf ein Problem und eine Lösung – der ökologische Fußabdruck muss kleiner werden. »Wir haben die Erde nur von den Kindern geliehen« – dadurch sind wir aber auch »Treuhänder« für die Enkel, verpflichtet zu sorgsamer Bewahrung.
Dann der Rückblick auf 50 Jahre Grenzen des Wachstums mit allen Facetten jahrzehntelanger wissenschaftlicher Erkenntnisse und Erfahrungen, vor allem der armen Länder. Und ein wunderbar ausgeführter Schwerpunkt: Das ikonische Foto der »Blauen Kugel«, der Erde, von Apollo 17 aus fotografiert, ist zum Zeichen der Umweltbewegungen geworden, als Zeichen für den einzigen Lebensraum, den wir haben, ein verletzlicher und verletzter Planet – passend zur laufenden Ausstellung im Gasometer Oberhausen.
Ulrich Grober verfolgt das Netz des Lebens, die Energien, die Bedingungen von Leben und Krisen mit einfühlsamen Beschreibungen und Begriffen. Er verlangt, dass der »Nachhaltigkeitsbegriff geboostert« werde, also aus seiner Beliebigkeit herausgerissen und mit neuem Elan versehen werde.

Wider die Angst
Dann beschäftigt sich das Buch allseitig mit den Worten: »Eine andere Welt ist möglich!«, als ein aktueller (schon seit längerem benutzter) Begriff der »Zuversicht« und der auch objektiven Möglichkeiten, das gesamte Erdsystem und Lebensnetzwerk zu erhalten. Dabei geht der Autor ausführlich auf die Gegenbegriffe »Angst« und »Mutlosigkeit« ein, die angesichts einer scheinbar schlimmen Lage in die Ausweglosigkeit oder in die Schockstarre führen – man kann ja doch nichts machen.
Dem setzt das Buch die nicht nur im Sprachgebrauch des Ruhrgebiets gängige Parole »Bange machen gilt nicht!« entgegen, eine »Anatomie der Furchtlosigkeit«, wie ein weiteres Kapitel heißt. Grober verfolgt die von ihm untersuchten Worte in ihren verschiedenen Verästelungen, zurück zu den alten Sprachen, aus denen sie mit jeweils ähnlicher Bedeutung stammen. Dabei kennt er sich nicht nur im Germanischen aus, auch zu chinesischen und indigenen Sprachen führt er die Lesenden, um den weltumspannenden Blick seines Vorhabens zu untermalen.
Die Grenzen des Wachstums nimmt er so ernst, dass das Kapitel »Weniger ist mehr« zwar schon ältere Ideen, etwa von Ivan Illich aufgreift, aber immer neue Aspekte aus der jüngsten Zeit anführt – wie Verschwendung und Extraktivismus zu mörderischen Bedingungen führen, und dass es tatsächlich lebensnotwendig ist, die kapitalistisch angetriebene Ausbeutung von Erde und Menschen zu beenden.
Die Zuversicht des Autors – die er den Lesenden vermitteln will – spricht vor allem aus seinen eigenen Erfahrungen mit Menschen auf anderen Wegen, die er auf seinen Wanderungen traf, und aus der Betonung, dass ein »gutes Leben für alle« möglich ist. Dass hier Visionen (die gescholtenen!) mächtig sind, Worten des fürsorglichen, solidarischen Zusammenhalts in der Gesellschaft Taten folgen werden.

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