Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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PDF Version Artikellink per Mail  | Soz Nr. 12/2022

Reaktionen der russischen Bevölkerung auf die ›Sonderoperation‹ in der Ukraine
dokumentiert

Lewada ist das einzige russische Meinungsforschungsinstitut, das als unabhängig bezeichnet werden kann. Die Behörden stufen es als »ausländischen Agenten« ein. Lewada führte im Oktober eine Umfrage durch, die die Haltung der Befragten zur »Sonderoperation« in der Ukraine zu erkunden versuchte.

40 Prozent der Befragten verweigerten die Antwort. 75 Prozent der Antwortenden unterstützten die »militärische Sonderoperation«.

Die französische Tageszeitung Le Monde führte daraufhin am 21.Oktober ein Interview mit dem wissenschaftlichen Leiter des Instituts, Lew Gudkow, durch und fragte ihn nach seinem Urteil über diesen Befund. Seine Antwort: Statt von Unterstützung wäre es angemessener, von fehlender Opposition zu sprechen.

Von den Antwortverweigerungen stuft Gudkow einen guten Teil als »technisch« ein. Für politisch motiviert hält er 10 bis 15 Prozent der Verweigerungen. Seiner Meinung nach finden sie sich vor allem in zwei Bevölkerungsgruppen: ältere, wenig gebildete Frauen in Kleinstädten, die der Regierung gegenüber loyal, aber der Meinung sind, dass sie keine politische Meinung haben; und junge Menschen, die kein Interesse zeigen. Im Gegensatz dazu wollen gebildete Männer in Großstädten ihre Meinung äußern. Sie sind gegen das Regime und haben keine andere Möglichkeit, ihre Meinung zu äußern.
75 Prozent Zustimmung scheint viel. Aber Gudkow gibt zu bedenken: Die »Sonderaktion« ruft gemischte Gefühle hervor. Es gibt Stolz und Zufriedenheit, aber auf gleicher Ebene und oft bei denselben Personen auch Schock, Verwirrung, Depression, Verzweiflung, Scham… »Das deutet auf eine erhebliche Unzufriedenheit, ja sogar auf ein schlechtes Gewissen hin, und auch auf ein sehr klares Bewusstsein, dass Wladimir Putins Blitzkrieg gescheitert ist … Der Anteil der Personen, die sagen, dass sie Stolz auf die Sonderoperation empfinden, ist von 51 auf 20 Prozent gesunken.«
Natürlich muss man berücksichtigen, dass das Fernsehen ein Staatsfernsehen ist und alle unabhängigen Informationsquellen ausgeschaltet, die Strukturen der Opposition und der Zivilgesellschaft zerstört wurden.
Dennoch: Die Menschen glauben an die Begründungen, die zur Rechtfertigung des Krieges herangezogen werden, sagt Gudkow, weil die Vorstellung, dass Russland eine belagerte Festung ist, tief verwurzelt ist. Auch die antiukrainische Propaganda hat eine lange Geschichte. Sie begann 2004 mit der »orange Revolution« [nach dem Sieg von Viktor Janukowitsch bei den ukrainischen Präsidentschaftswahlen, deren Ergebnisse von der Opposition als gefälscht bezeichnet wurden] und nahm nach 2014 mit der Annexion der Krim und dem Beginn des Krieges im Donbass an Intensität und Aggressivität zu. Das Ergebnis war, dass die Menschen einen großen Krieg erwarteten. In den letzten Jahren gaben stabil über 70 Prozent der Befragten an, dass sie einen Krieg befürchteten.

Der Homo putinus
Gudkow betont, dass die erhobenen Daten zuverlässig sind. »Die Meinungen scheinen sehr wechselhaft zu sein. Die gleichen Umfragen zeigen, dass 60 Prozent der Russen Wladimir Putin unterstützen würden, wenn er einen neuen Angriff auf Kiew starten würde, und 75 Prozent würden ihn unterstützen, wenn er die Feindseligkeiten sofort einstellen würde…
»Diese Meinungen werden in erster Linie von Konformismus und der Identifikation mit dem Staat geleitet. In einem großen Teil der Gesellschaft herrscht die Vorstellung vor, dass der Staat ein Herrscher ist, der immer Recht hat und niemandem Rechenschaft schuldig ist. Dies ist eher eine Untertanen-, als eine Bürgermentalität, sie beruht auf Angst und Abhängigkeit vom Staat. Der Staat ist auch derjenige, der Identität verleiht: ›Wenn der Staat stark ist, dann bin ich es auch, trotz Armut, Korruption, Demütigung…‹
»Für einen Großteil der Russen ist die Politik, wie der Krieg heute, ein Feld, das nichts mit ihnen zu tun hat. Nur 10 Prozent der Befragten gaben an, dass sie eine Verantwortung für die Geschehnisse in der Ukraine empfinden.«
Zweifellos hat die Teilmobilisierung einen Schock ausgelöst, beschreibt Gudkow die Stimmungslage. Die Mythen, in die viele Russen ihren Stolz gesetzt haben – der starke Staat, die schlagkräftige Armee – sind angekratzt. Auch der Präsident ist angeschlagen. Denn seine Popularität baute nicht nur auf dem Versprechen von Stabilität auf, sondern auch auf der Idee der Stärke, auf siegreichen Kriegen, angefangen mit Tschetschenien, und dem Schutz des Volkes vor äußeren Bedrohungen. Seine Zustimmungsrate ist von 83 auf 72 Prozent gesunken. Der Prozess der Delegitimierung verläuft langsam. Und der Glaube, dass der Einzelne nichts tun kann, ist am weitesten verbreitet.
»Das Sowjetsystem verankerte die Herrschaft des doppelten Denkens, eine Mischung aus externer Zustimmung und Distanzierung. Der Homo putinus ist eine Fortsetzung des Homo sovieticus. Die Verehrung von Stärke und Gewalt soll Perspektivlosigkeit ausgleichen und die Zutaten für Selbstachtung liefern.«

Quelle: www.lemonde.fr/international/article/2022/10/21/guerre-en-ukraine-la-mobilisation-remet-en-question-les-fondements-du-pouvoir-poutinien_6146833_3210.html (Zusammenstellung: Angela Klein).

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