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PDF Version Artikellink per Mail  | Soz Nr. 01/2023

Das globale Ernährungssystem in der Vielfachkrise
von Matthias Becker

Alle Jahre wieder, wenn das Christkind wieder weg ist, findet in Berlin die Grüne Woche statt. Die landwirtschaftliche Leistungsschau wird von der Messe Berlin, dem Deutschen Bauernverband (DBV) und der Bundesvereinigung der deutschen Ernährungsindustrie (BVE) organisiert. Für die Schulklassen der Hauptstadt ein beliebtes Ausflugsziel, für Unternehmen der Agrar- und Lebensmittelbranche ein Pflichttermin: Die Grüne Woche ist eine der größten Agrarmessen überhaupt, mit der neuesten Technik und den neusten Produkten und Ausstellern aus der ganzen Welt.

Sozusagen zum Begleitprogramm gehören das Global Forum for Food and Agriculture (GFFA), eine internationale agrarpolitische Konferenz, und das Treffen von Agrarministern aus 70 Ländern. Die Veranstalter, das Bundeslandwirtschaftsministerium und das Auswärtige Amt, sprechen vom »Davos des Agrarbusiness«, in Anspielung auf das Weltwirtschaftsforum.
»Eine weltweite Antwort auf multiple Krisen«, lautet das diesjährige Thema des GFFA. Während die Besucher auf dem Messegelände von Stand zu Stand schlendern und Häppchen probieren, beraten Lobbyisten, Wissenschaftler und Politiker darüber, wie es weiter gehen soll mit dem globalen Ernährungssystem. »Zu Klimakrise, Artensterben und Covid-19-Pandemie kommt der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hinzu«, heißt es in der Einladung. »Es droht die größte globale Nahrungsmittelkrise seit dem Zweiten Weltkrieg.«
Tatsächlich hat diese Krise bereits begonnen, mit dem Ukrainekrieg hat sie allerdings nur bedingt etwas zu tun. Die Zahl der Menschen, die zeitweise oder dauerhaft Hunger leiden (»schwere Ernährungsunsicherheit«), steigt seit Jahren. 2015 lag der Anteil noch bei 7,7 Prozent, 2021 bei 11,7 Prozent. Besonders schlimm trifft es Afrika (23,4 Prozent), gefolgt von Lateinamerika und der Karibik, wo sich der Anteil der Hungernden an der Bevölkerung nahezu verdoppelt hat (auf 14,2 Prozent). Die Erfolge bei der Hunger- und Armutsbekämpfung der vergangenen Jahrzehnte werden durch den Preisanstieg der Weltmarktpreise für Weizen, Mais, Soja und Ölsaaten wieder zunichte gemacht.

Ernährung kontra Kapitalanlage
Dass der Hunger wieder um sich greift, zeigt, wie wenig widerstandsfähig das globale Ernährungssystem ist. Die »Hyperglobalisierung« seit den 90er Jahren hat Handelsschranken beseitigt und Abhängigkeiten vergrößert. Viele Nationen öffneten ihre Agrarmärkte für Importe. Diejenigen, die es sich leisten konnten oder aufgrund der innenpolitischen Kräfteverhältnisse dazu gezwungen waren, trafen allerdings gewisse Schutzmaßnahmen für ihre Landwirtschaft, um die nationale »Ernährungssicherheit« zu erhalten. Die Bedeutung von Importen wuchs, große Agrarexporteure richteten ihre Produktion auf den Weltmarkt aus. Die Spezialisierung und Intensivierung der Landwirtschaft haben eine historisch beispiellose Urbanisierung in Gang gesetzt. Jedes Jahr ziehen etwa 200 Millionen Menschen vom Land in die Stadt.
Die Kehrseite dieser Entwicklung zeigte sich zum Beispiel 2007, als die Preise für Agrargüter rapide stiegen. Um die Weltbevölkerung satt zu machen, müssen in einigen wenigen Regionen permanent Ernteüberschüsse erzielt werden. Die Erntemenge zu steigern oder wenigstens stabil zu halten, wird aber aufgrund der ökologischen Krise immer schwieriger. Wassermangel, Insektensterben, Schädlinge und extreme Wetterereignisse senken die Erträge.
Die stereotype Antwort der Agrarindustrie auf diese Entwicklung lautet: Wir brauchen neue, angepasste Zuchtpflanzen und bessere Technik. Aber eigentlich gibt es mehr als genug Nahrung, um alle Menschen auf der Erde satt zu machen. Höhere Erträge bedeuten nicht unbedingt, dass Menschen sich die Nahrung leisten können. Hungersnöte werden nicht mehr durch regionale Missernten ausgelöst, sondern durch steigende Weltmarktpreise.
Die Spekulation an den Agrargütermärkten trägt dazu bei. Die Händler verstehen Missernten als Investitionsmöglichkeit und treiben so die Preise nach oben. Seit der Finanzkrise 2008 gelten Agrarmarkt und Landerwerb als sichere Hafen für anlagesuchendes Kapital: »Gegessen wird immer«, wie der Volksmund sagt. Gerade die zu erwartende Verknappung verspricht Profit.
Die DWS, Investmenttochter der Deutschen Bank, warb beispielsweise folgendermaßen für ihre Finanzprodukte: »Die rasant wachsende Weltbevölkerung, Land- und Wasserknappheit, all das sind Punkte, die für überdurchschnittlich gute Perspektiven der Agrarwirtschaft sprechen.«

Die Industrie in der Landwirtschaft
Dass die Experten und Lobbyisten der Agrarindustrie die Gefahr für die Welternährung in den schwärzesten Farben malen, ist kein Zufall. Sie wollen ihre vermeintlichen Lösungen unters Volk bringen: Freihandelsverträge, Spezialisierung und Professionalisierung, technische und biotechnische Verfahren und größeren Kapitaleinsatz. Die kleinbäuerliche Landwirtschaft ist für sie nur ein Hindernis für den Fortschritt, das so schnell wie möglich überwunden werden sollte.
Kleinbauern tragen immer noch einen wichtigen Teil zur Welternährung bei, aber ihr Anteil schrumpft. Dass sie »die Welt ernähren«, wie manche hartnäckig behaupten, stimmt so nicht mehr. Die Subsistenzlandwirtschaft – der Anbau für den eigenen Gebrauch – ernährt die eigene Familie, aber erzielt kaum Überschüsse, die vermarktet werden. In den Riesenstädten im globalen Süden bauen überraschend viele Menschen Nahrung in Hinterhöfen und an Straßenrändern an – laut einer Schätzung der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen sind es 800 Millionen Menschen.
Die sog. industrialisierte Landwirtschaft beansprucht enorm große Flächen und verbraucht überdurchschnittlich viele Ressourcen wie Energie und Süßwasser. Ihre Methoden verschärfen die ökologische Krise. Das Schlagwort von der Industrialisierung der Landwirtschaft sagt aber nur die halbe Wahrheit. Nahrungserzeugung sperrt sich aus vielen Gründen dagegen, vom Kapital vollständig durchdrungen zu werden. Das Wachstum der Pflanzen unterliegt natürlichen Rhythmen und jahreszeitlichen Veränderungen. Mehr Kapitaleinsatz beschleunigt die Produktion nur bedingt, es liegt für lange Zeitabschnitte brach.
Auch die kapitalistische Arbeitsteilung auf dem Acker und im Tierstall hat über die Jahrhunderte nur geringe Fortschritte gemacht, Kopf- und Handarbeit lassen sich nur mühsam trennen. Deswegen erhalten sich handwerkliche Arbeitsmethoden und bäuerliche Besitzverhältnisse.
Eine Kapitalisierung fand dagegen in den Branchen statt, die vor oder hinter der eigentlichen Landwirtschaft liegen – bei den Züchtern und Herstellern von Pestiziden, Düngemitteln und Agrartechnik einerseits, andererseits bei der verarbeitenden Lebensmittelindustrie. Die größten Profite werden nicht auf dem Acker gemacht, sondern mit den Ackerfrüchten. Die Hersteller der »Inputfaktoren« lagern gleichsam die Risiken aus, die mit der Landwirtschaft verbunden sind. Eine immer kleinere Zahl transnationaler Unternehmen kontrolliert die vorgelagerten und nachgelagerten Märkte.
Laut einer Untersuchung aus dem Jahr 2022 der ETC Group, einer kanadischen NGO, decken vier Hersteller zwei Drittel des weltweiten Bedarfs an Agrarchemikalien. Vier Firmen kontrollieren 60 Prozent des Marktes für Tierpharmazeutika. Zwei Unternehmen kontrollieren 40 Prozent des Saatgutmarkts.
China, Indien, Indonesien und Brasilien haben profitable Nischen auf den Weltmärkten gefunden, die sie auch machtpolitisch nutzen, während bspw. die Golfstaaten für ihre Ernährungssicherheit Land erwerben. Die Interessengegensätze im globalen Ernährungssystem sind unübersichtlicher geworden.
Eine sozialistische, international abgestimmte Agrarpolitik kann nicht darin bestehen, die kleinbäuerliche Landwirtschaft gleichsam unter Artenschutz zu stellen. Einige Akti­vis­t:innen in den Metropolen Nordamerikas und Westeuropas hängen deutlich stärker am Landleben als die Menschen in der Provinzen der ärmsten Staaten. Die Landwirtschaften in Afrika, Südamerika und Teilen von Asien müssen agrarökologisch modernisiert werden, mit Anbaumethoden, durch die Bodenfruchtbarkeit und Erntemengen steigen, aber auch langfristig erhalten bleiben. Fortschrittliche Organisationen von Landlosen, Landarbeitern und Bauern sollten diesen Prozess mitgestalten.
In den hochproduktiven Agrarsystemen und Monokulturplantagen steht dagegen eine agrarökologische »Entintensivierung« an. Teurere Lebensmittel muss das nicht unbedingt bedeuten – wenn die Profite der Lebensmittelkonzerne und Handelsketten beschnitten werden. Die ersten und dringendsten Reformschritte wären, die Spekulation mit Nahrung zu beenden und die weltweiten Oligopole der Input-Industrien und der Handelsgesellschaften auflösen.

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