Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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PDF Version Artikellink per Mail  | Soz Nr. 02/2023

Die Internetindustrie gerät ins Stolpern
von Matthias Becker

Seit dem Spätsommer erfasst Silicon Valley eine regelrechte Entlassungswelle. Die bekanntesten Beispiele sind die großen Internetplattformen und sozialen Medien. Meta/Facebook kündigte 10000 Beschäftigten, Amazon 18000, Twitter etwa 7500. Der überwiegende Teil der Entlassungen betrifft aber kleinere und weniger bekannte Internetdienstleister und App-Unternehmen.
Bis Januar lag die Zahl der Gekündigten in den USA insgesamt bei gut 100000. Entlassungen gab es auch in Europa und Indien bei den Firmen Lyft, DoorDash, Research Gate, Infarm, Pitch, Gorillas und vielen weiteren mehr.

Wie lässt sich diese Entwicklung erklären? Dass die Zinsen überall auf der Welt gestiegen sind, trifft die börsennotierten Unternehmen hart. Kapital fließt von den Aktienmärkten ab, hin zu Anlagen mit festen Zinssätzen. Damit verlieren die Unternehmen an Wert. Steigende Zinsen verteuern den Kredit, deshalb wird es schwerer, sich zu refinanzieren.
Diese Entwicklung trifft auch die Start-ups und Scale-ups, von denen noch nicht erwartet wird, Gewinne zu erwirtschaften. Seit dem Sommer »treten sie auf die Kostenbremse«. Das Springer-Blatt Business Insider zitiert die Berliner Managementprofessorin Heike Hölzner von der Hochschule für Technik und Wirtschaft: »Es gibt einfach weniger Kapital im Markt, das bedeutet: Startups, die sehr große Finanzierungsrunden in der Vergangenheit abgeschlossen haben, um möglichst schnell und dynamisch zu wachsen, die haben jetzt Schwierigkeiten.«
Möglichst schnell zu wachsen, ist für viele dieser Firmen aber unverzichtbar. Sie wetten auf eine zukünftige marktbeherrschende Stellung. Haben sie ein Marktsegment etabliert und Konkurrenten ausgeschaltet, können die Preise für Endkunden und Lieferanten steigen.
Ob dieses Kalkül aufgehen wird, ist allerdings offen. Werden etwa die Lieferdienste der sogenannten Gig-Economy jemals profitabel sein? Bisher lebten sie von der fortgesetzten Finanzierungsbereitschaft der Investoren. Aber wegen der steigenden Zinsen haben diese nun eine Alternative, manche ziehen ihr Kapital ab. Insgesamt dürfte das Risikokapital an relativer Bedeutung verlieren und ein großer Teil der Hoffnungsträger bankrottgehen.

Konkurrenz drückt die Preise
Hinzu kommt der konjunkturelle Abschwung. Er setzt die etablierten Big-Tech-Unternehmen unter Druck, obwohl sie profitabel sind. Aus zwei Gründen: Die Konzerne sind erstens überbewertet, während sich zweitens ihre Aussichten auf Profit verschlechtern. Als sich während der Lockdownmaßnahmen gegen Covid-19 ein Teil des Lebens ins Internet verlagerte, schoss die Nachfrage nach Streamingdiensten, Computerspielen und Onlinekonferenzen in die Höhe. Die Bewertungen von Big Tech erreichten neue Höchststände. Aber die Erwartung, die erzwungene Digitalisierung des Berufs- und Alltagslebens sei von Dauer, stellt sich als falsch heraus: Home Office auf Dauer ist für viele Unternehmen problematisch, bei vielen Beschäftigten unbeliebt.
Auch die Aufnahmefähigkeit für Internetunterhaltung ist begrenzt. Wegen der anhaltend starken Konkurrenz unter den Streaming- und Netzwerkanbietern bleiben die Preise für die Endkunden niedrig, deshalb auch die Gewinne – wer leistet sich schon drei oder vier Streamingdienste gleichzeitig?
Fehlende Einnahmequellen sind ein Problem für alle sozialen Medien und Internetplattformen. Sie sind im wesentlichen Werbeunternehmen geblieben, die Nutzerdaten verkaufen oder selbst in Wert setzen. In der Rezession sinken die Konsumausgaben und die Werbeeinnahmen.

Rentiers
Deshalb schrumpfte bspw. zum ersten Mal in der Geschichte von Facebook der Umsatz des Unternehmens. Die Wette Zuckerbergs, Metaverse als äußerst teure Virtual-Reality-Plattform könne jemals lukrativ werden, ist riskant, geradezu eine Verzweiflungstat. Außerdem machen sich die Unternehmen zunehmend gegenseitig Konkurrenz. Sie bieten dieselben Dienstleistungen wie ihre Wettbewerber an.
Letztlich beziehen die Plattformen eine Rente, die sie Unternehmen, anderen Organisationen und Privatleuten dafür abverlangen, dass sie miteinander interagieren. Sie errichten sozusagen einen Zaun um einen Marktplatz herum und verlangen einen Anteil an allen Transaktionen.
Mit der einsetzenden Wirtschaftskrise stellt sich die Rentenorientierung von Big Tech als Schwäche heraus. Nun schrumpfen nicht nur die Gewinne, sondern auch die übertriebenen, teils überdrehten Erwartungen an das Wachstumspotenzial der Internetkonzerne auf ein realistischeres Maß. Auch wenn ihre Kerngeschäfte noch nicht bedroht sind, fallen sie als Wachstumstreiber und Zugpferde des »digitalen Kapitalismus« vorerst aus.

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