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PDF Version Artikellink per Mail  | Soz Nr. 02/2023

Wie führende deutsche Unternehmen durch die Nazis groß geworden sind
von Ulrich Franz

David de Jong: Braunes Erbe. Die dunkle Geschichte der reichsten deutschen Unternehmerdynastien. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2022. 496 S., 28 Euro

In diesem Buch schildert der Autor ausführlich die Machenschaften unzähliger Wirtschaftsbosse im Dritten Reich.
David de Jong, geb. 1986, ist ein niederländischer Journalist und hat für Blomberg News, Businessweek, Wall Street Journal und Het Financieele Dagblad über das Bank- und Finanzwesen in New York und Europa geschrieben. Für sein Buch Braunes Erbe recherchierte er vier Jahre lang. ­Alle darin genannten Unternehmen bzw. deren Eigentümer hatten beste Verbindungen zu Hitler und seinem Führungsumfeld. Aufgeführt seien hier nur fünf Beispiele: Finck, Flick, Quandt, Oetker, Porsche (VW).
Detailliert legt der Autor dar, wie der Bankier August Finck sein Imperium schuf. Durch Arisierung konnte Finck, um nur ein Beispiel zu nennen, über eine Treuhänderschaft in Österreich die Rothschild-Bank übernehmen. Zu einem exorbitant niedrigen Abschlag! Quasi geschenkt!
Finck war Aristokrat und Bankier aus München und der reichste Mann Bayerns. Diesen Reichtum hatte ihm sein Vater hinterlassen. Finck kontrolliert Merck Finck & Co., eine der größten Privatbanken Deutschlands, und hält die jeweils größten Anteile an zwei globalen Versicherungsgiganten: ­Allianz und Münchener Rück.
Der Porsche-Clan baute sein Imperium aus, in dem er schamlos seine Nähe zu nationalsozialistischen Führern ausnutzte. So wurden zum Beispiel Gewerkschaftsgelder für den Aufbau von Fabriken entwendet. Ebenso wurden Staatsgelder requiriert und jüdischstämmige Mit-Geschäftsinhaber ausgeschaltet.
Auch Flick konnte seinen Geschäftsbereich durch Kontakte zu den Naziführern erweitern. Im Krieg konnte er Industrien in der besetzten Ukraine für sich vereinnahmen. Schon vorher hatte er durch Arisierung seinem Unternehmen Braunkohlefirmen zugeführt.
Oetker zählte zu den 30 deutschen Unternehmern, die von Hitler den Ehrentitel als nationalsozialistische Musterbetriebe verliehen bekamen. Die Betriebsorganisation wurde nach nationalsozialistischen Kriterien ausgerichtet – mit all seinen furchtbaren Ergebnissen.
Das hat Auswirkungen bis heute: So betrat am 8.Mai 2019 Verena Bahlsen, die 26jährige Erben des bekannten Keksherstellers, die Bühne über ein digitales Marketing in Hamburg, um eine live gestreamte Rede über nachhaltige Lebensmittelproduktion zu halten. Selbstsicher ergriff sie das Mikrofon. Nachdem sie einige Minuten gesprochen hatte, kam sie von Thema ab und reagierte, wenn auch ohne namentliche Nennung, auf die kapitalismuskritische Rede des damaligen ­Juso-Vorsitzenden und heutigen SPD-Generalsekretärs Kevin Kühnert über die Möglichkeit der Verstaatlichung großer deutscher Unternehmen wie BMW. »Ich bin Kapitalistin«, erklärte Verena Bahlsen. »Mir gehört ein Viertel von Bahlsen da freue ich mich auch drüber. Es soll mir auch weiterhin gehören. Ich will Geld verdienen und mir Segelyachten kaufen von meiner Dividende und sowas.«
Daraus ist kein Verständnis dafür herauszuhören, dass das Unternehmen Dr.Oetker mit quasi illegalen Mitteln zu seiner Größe gekommen ist.
Auch Quandt gehörte zu den Industriellen, die die Nähe zu den Nazis suchten. Anfang 1943 machten Zwangsarbeiter mehr als die Hälfte der gesamten Belegschaft (3400 Arbeiter) im AFA-Werk Hannover aus. Die Werksleitung hatte mit der SS über den Einsatz von Häftlingen aus dem KZ verhandelt, allerdings ohne Erfolg. Dieser »Erfolg« stellte sich noch im selben Jahr später ein: Auf dem Werksgelände wurde ein Außenlager des Stammlagers Neuengamme errichtet. Den in diesem Lager lebenden Häftlingen wurde bei AFA der Lohn vorenthalten, sie waren weniger wert als Sklaven.
Quandt hatte, wie ein führender Nazis erklärte, etwas vollbracht, was in die Geschichte der deutschen Kriegswirtschaft mit goldenen Lettern eingetragen sei: Mit seinen Waffen-, Batterie- und Textilfirmen hatte sich Quandt als einer der führenden Industriellen des Deutschen Reiches etabliert. Etabliert bedeutete aber auch Einverleibung fremder Industriegüter durch Arisierung, trickreiche Spekulation, Ausschaltung von Konkurrenten.

Die Mehrheit der Wirtschaftsführung im Drittem Reich hat sich ­also nicht nur durch Geldspenden an die Nazipartei schuldig gemacht, sondern hat durch
– aktive Mitarbeit an der Umgestaltung der Wirtschaft,
– die Vernichtung jüdischen Kapitals,
– von internationalen Verträgen verbotene Hochrüstung,
– erhöhte Ausbeutung der Beschäftigten
den Zweiten Weltkrieg erst ermöglicht.
Nach dem Krieg haben alle der hier Genannten versucht, sich vom Nationalsozialismus abzugrenzen. Ferdi Porsche z.B. aber war freiwillig Mitglied der SS geworden.
Die Beispiele in dem Buch sind ausführlich bis ins private Detail. Aber auch grausam!
Es sollte ein Leichtes sein, die heute herrschende Industriestruktur zu vergesellschaften, wenn die historischen Verbrechen berücksichtigt würden. Deshalb gilt es, das Buch von David de Jong als Pflichtlektüre für alle Mitglieder der Linken zu verbreiten.

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