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PDF Version Artikellink per Mail  | Soz Nr. 04/2023

Fabrikbesetzung für das Klima
von Paul Michel

Das Collettivo di Fabbrica GKN kämpft gegen die Schließung einer Zulieferfabrik der Automobilindustrie nahe Florenz. Das Kollektiv fordert einen radikalen ökologischen Umbau der Produktion. Aus dem Abwehrkampf einer einzelnen Belegschaft ist ein breites Bündnis aus Beschäftigten, Klimaaktivistinnen und Wissenschaftlern geworden.

Man stelle sich einen Klimastreik vor, bei dem 40000 Fabrikarbeiter, Klimaaktivistinnen, Friedensbewegte und politisch Unorganisierte gemeinsam gegen die Schließung eines Autozuliefererbetriebs protestieren. Alle sind sich einig, dass man eine Konversion des Betriebs statt Entlassungen braucht. Im vordersten Block laufen die Arbeiter:innen der betroffenen Fabrik, hinter ihnen Massen von kämpferischen Klimaaktivist:innen und spontanen Demobesu­cher:innen. Die Beschäftigten des Werkes schließen sich mit Wissenschaftler:innen zusammen, um einen Konversionsplan zu entwickeln. Von nun an wollen sie Bestandteile für wasserstoffbetriebene Busse herstellen. Immer mehr Menschen sind sich einig: Eine Produktion für die Menschen, nicht für die Profite muss her!
Das, wovon deutsche Klimaaktivist:innen und radikale Gewerkschafter:innen träumen, wurde im letzten Jahr in der Toskana Realität. Nachdem die 422 Festangestellten und etwa 80 Leiharbeiter:innen des Automobilzulieferers GKN Driveline am 9.Juli 2021 per E-Mail mitgeteilt bekommen hatten, dass sie am darauffolgenden Montag nicht mehr zur Arbeit erscheinen sollten, besetzten sie ihr Werk in Campi Bisenzio, einem Vorort von Florenz.

Ein Manöver für die Aktionäre
GKN ist ein Automobilzulieferer mit mehr als 50 Produktionsstätten auf der ganzen Welt. Bis zum Produktionsstopp im Sommer 2021 wurden im Werk in Campi Bisenzio hauptsächlich Achswellen für Fiat (Ducato), Maserati und Ferrari hergestellt. Die Inhaber des Werkes haben in den vergangenen Jahrzehnten stetig gewechselt. Einst im Besitz von Fiat, wurde das Werk im Jahr 1994 von GKN erworben, das wiederum 2018 vom britischen Investmentfonds Melrose Industries für 8 Milliarden aufgekauft wurde. Nur drei Jahre später verkündete die Geschäftsführung die Schließung des Werks in Campi Bisenzio und die Entlassung der gesamten Belegschaft.
Der Grund ist keineswegs eine Krise des Unternehmens. Unmittelbar vor der Schließung wurde noch in hochwertige Roboter investiert, die bis heute eingeschweißt im besetzten Werk stehen. Die Schließung ist vielmehr »Teil des Prozesses der Finanzialisierung von Unternehmen und der spekulativen Prinzipien des Shareholder-Kapitalismus«, wie Lukas Ferrari und Julia Kaiser in der Zeitschrift Luxemburg schreiben. Das einzelne Werk wird einer profitorientierten Re-Strukturierung der Wertschöpfungskette geopfert und die Produktion ins Ausland verlagert. Das Motto von Melrose Industries: »Buy, Improve, Sell« lässt diesbezüglich keinen Zweifel zu. Zudem ist die Schließung als »Teil eines allgemeinen Trends zur Zerschlagung des italienischen Automobilsektors« zu verstehen.
Noch am Tag der Schließung besetzten einige Beschäftigte das Werk und begannen eine permanente Versammlung. In den kommenden Tagen schloss sich die Mehrheit der Belegschaft der Besetzung an. Damit will das Kollektiv die Unternehmensleitung bis heute daran hindern, das Werk zu leeren und die Maschinen und die gelagerten Achswellen abzutransportieren.
Es beschloss zudem, die Fabriktore für Unterstützer:innen und Interessierte zu öffnen und von nun an systematisch politischen Druck gegen die eigene sowie alle folgenden Entlassungen aufzubauen. Dadurch erkämpften sie sich ein Übergangskurzarbeitergeld, das ihnen vom Staat seit Januar 2022 gezahlt wird. Seither gibt es monatlich Krisengespräche zwischen dem Fabrikkollektiv, dem Entwicklungsministerium, der Region Toskana, der Gemeinde Florenz und dem neuen Besitzer der Fabrik, Francesco Borgomeo.

»Insorgiamo« – die Arbeitenden gehen auf Tour
Zehn Tage nach der Besetzung rief die Gewerkschaft FIOM zu einem vierstündigen Streik in der Metall­industrie in der Provinz Florenz auf. Streikende in der Logistikbranche (Text-Sprint, Fedex) und im Textilbereich (Prato), soziale Zentren und ökologische Landwirtschaftsverbände bis hin zu Tausenden empörter Bürger:innen solidarisierten sich mit der Besetzung. Es folgte eine Reihe großer Demonstrationen, etwa am 11.August, dem Tag der Befreiung vom Faschismus in Florenz. Das Motto der Demonstrationen, »Insorgiamo con i lavoratori GKN« (Wir erheben uns mit den GKN-Arbeitern), verweist auf den florentinischen Widerstand gegen den Faschismus.
Als Fridays for Future anlässlich des G20-Gipfels in Rom am 30.10. zum Gegenprotest aufrief, bespielte das GKN-Fabrikkollektiv einen ganzen Block des sehr bunten Demozugs. Es war die erste gemeinsame Aktion der jungen Klimabewegung mit dem Fabrikkollektiv.
Es ist für deutsche Gewerkschafter:innen und Klimaaktivist:innen sehr hilfreich, sich über den Kampf der Kolleg:innen in Florenz zu informieren und sich mit ihnen zu solidarisieren, umso mehr als am 16.Januar 2023 die Eignerfirma Melrose auch die Schließung ihres Werks in Zwickau-Mosel beschlossen hat, wo bisher gut 800 Menschen verschiedene Komponenten für Gelenkwellen und Seitenwellen für große Autobauer wie BMW, Mercedes, VW und Audi fertigen.

Der Autor ist aktiv im Netzwerk Ökosozialismus (https://netzwerk-oekosozialismus.de).

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