Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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PDF Version Artikellink per Mail  | Soz Nr. 04/2023

Betr.: SoZ 1/2023, S.4 (Gewerkschaftliche Solidarität – humanitäre Hilfe für ukrainische Gewerkschaften)
von Renate Hürtgen

Liebe SoZ-Redaktion,
ich habe unmittelbar, nachdem ihr diesen Aufruf gestartet hattet, eine Spende in euern Spendentopf gegeben, weil ich diese Unterstützung sehr wichtig finde. Eure Erklärung konnte ich jedoch nicht unterschreiben, denn sie ist aus meiner Sicht ein politisches Fiasko.

Wie ist es möglich, dass ihr in eurer Erklärung mit keinem Wort erwähnt, das sich dieselben Gewerkschafter:innen, die sich gegen den Abbau ihrer Rechte durch die ukrainische Regierung wenden, im Kampf gegen den russischen Aggressor befinden? Wie könnt ihr einen Solidaritätsaufruf verfassen, der nicht eure Solidarität mit deren Kampf gegen Russlands Eroberungsfeldzug in gleicher Weise zum Ausdruck bringt? Warum drückt ihr euch davor, die Kompliziertheit der Situation (übrigens auch und vor allem für die ukrainischen Linken und Gewerkschafter:innen!) zur Kenntnis zu nehmen? Offensichtlich gefällt euch nicht, dass sich die Ukrainer:innen mit Waffengewalt verteidigen, eure Solidarität haben sie jedenfalls nicht.
Ihr zieht euch auf die »Arbeitersolidarität« zurück, ohne offensichtlich zu begreifen, dass dieselben Arbeiter:innen eure Solidarität in einem Krieg brauchten, der im Falle eines Sieges Russlands auch die letzten gewerkschaftlichen Rechte in einer kolonialisierten Ukraine tilgen würde. Es macht mich traurig und entsetzt, von euch zu erfahren, dass ihr mit zweierlei Maß messt und offensichtlich nicht sehen wollt, dass die von euch bedachten Gewerkschafter:innen vor allem solidarische Unterstützung für ihren Kampf gegen die russische Invasion dringend brauchen.
Ihr geht in eurer Erklärung weit hinter das zurück, was von einer internationalistischen Linken jetzt politisch zu erwarten ist, euer Rückzug auf die Verteidigung der gewerkschaftlichen Rechte in der Ukraine macht die Sache nur noch schlimmer. Zudem isoliert ihr euch mit dieser »Auslassung« erheblich, denn die internationalistische anarchistische, trotzkistische u.a. Linke hat mehrheitlich eindeutige Positionen für die Unterstützung der Verteidigung der Ukraine bezogen.
In der Hoffnung, dass euch meine Leserbriefzeilen zum Nachdenken anregen, grüße ich euch
Renate Hürtgen

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