Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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PDF Version Artikellink per Mail  | Soz Nr. 04/2023

Die neue Jugend gegen den kaiserlichen Drachen
von Au Loong-Yu

Bevor Chen Duxiu 1921 die Kommunistische Partei Chinas gründete, rief er 1916 die Zeitschrift Neue Jugend ins Leben, die eine neue Generation von Chinesen in der Idee des Strebens nach persönlicher Freiheit, Demokratie und Sozialismus erziehen sollte. Drei Jahre später lehnte sich die neue Jugend in der großen Bewegung vom 4.Mai sowohl gegen die imperialistische Aggression als auch gegen die feige Pekinger Regierung auf. Chen Duxiu führte seine Partei 1925 zu einer Revolution, doch zwei Jahre später erlitt er eine tragische Niederlage und wurde bald darauf von Stalin degradiert.

Seitdem sind hundert Jahre vergangen. Trotz der Fortschritte in vielerlei Hinsicht ist das chinesische Volk nach wie vor ein »Untertan« und kein »Bürger«, der ein Recht auf persönliche Freiheit und auf Teilnahme an den öffentlichen Angelegenheiten hätte.

Seitdem hat eine Generation »neuer Jugend« nach der anderen ihre Rechte eingefordert, doch sie wurden alle von der KPCh brutal unterdrückt. Die meisten Chinesen schienen den Mut verloren zu haben. Vor nicht allzu langer Zeit begannen die Internetnutzer, sich selbst als »Schnittknoblauch« zu bezeichnen, als eine ausbeutbare, niemals erschöpfte Ressource, so wie Bauern endlos Schnittknoblauch ernten können. Dieses Selbstbild spiegelt das erschreckend niedrige Selbstwertgefühl der Chinesen wider.
Ende 2022 erfreute sich ein anderer, alter Begriff für »das Volk« neuer Aktualität – rén kuàng, wörtlich »Menschenmine«. Der Begriff wurde erstmals in den frühen 80er Jahren geprägt und weithin verwendet, um die Entbehrlichkeit der arbeitenden Menschen in China zu beschreiben: »Die ersten zwanzig Jahre deines Lebens studierst du, die nächsten dreißig Jahre arbeitest du, um eine Hypothek abzuzahlen, und die letzten Jahrzehnte deiner Zeit auf Erden verbringst du im medizinischen Verfall.«
Ende Oktober 2022 durchbrachen dann Tausende von Foxconn-Arbeitern aus Zhengzhou alle Barrieren und flohen aus der von Pandemie und Infektionsangst geprägten Industriestadt. Nach dem Brand in Urumqi am 24.November schwappten große Protestwellen gegen das »Wegsperren« als Teil der Null-Covid-Politik über das Land. Einige Online-Netizens riefen: »Seht her! Sogar der Schnittlauch würde rebellieren.«
Die Proteste wurden beendet, als die Partei eine Kehrtwende in ihrer Pandemiepolitik vollzog. Aber die Saat des Widerstands war gesät. Und er setzt sich mit zunehmender politischer Leidenschaft fort.
Die Jugendlichen sind der sichtbarste Teil derer, die es nicht mehr ertragen, als Schnittlauch zu enden. Die in China sind weniger hörbar, aber die chinesischen Studierenden in Übersee machen Lärm – sie protestieren lautstark und diskutieren intensiv im Internet. Drei Jahrzehnte politischer Apathie nach dem Massaker vom 4.Juni 1989 wurden durch die »Bewegung des weißen Papiers 2022« beendet.

Proteste im Ausland
Auf dem Höhepunkt der Proteste starteten die chinesischen Auslandsstudenten breite Solidaritätsaktionen in mindestens 16 Ländern. In kurzer Zeit wurden zahlreiche öffentliche und private Kanäle eingerichtet, um über die Proteste und die allgemeine Situation in China zu sprechen.
In Großbritannien zeichnet sich eine öffentliche Telegramgruppe namens China Deviant durch ihre Rolle bei der Organisation von Diskussionen und öffentlichen Veranstaltungen aus – etwa zum Gedenken an den Tod des Covid-Whistle-Blowers und Arztes Li Wenliang in Wuhan am 5.Februar; ähnliche Veranstaltungen wurden in zehn anderen Städten von New York bis Sydney und Tokio durchgeführt. China Deviant hat 1250 Abonnenten. Andere Diskussionskanäle haben mehr, XuexiQiangguo etwa (Learn from the Country of Firewall) hat 54200 Abonnenten. Diese Kanäle sind hoch politisch, sie üben Kritik an Peking bis hin zu Solidarität mit den in China Verhafteten.

Die Haltung zu Minderheiten
Eine weitere Gemeinsamkeit ist das Bestreben der Studierenden, die Menschen in Hongkong und alle unterdrückten ethnischen Minderheiten unter chinesischer Herrschaft – Tibeter, Uiguren usw. – zu erreichen. Wir haben dies bereits auf dem Höhepunkt der Proteste gesehen. In den sozialen Medien kursierten Videos und Screenshots von Han-Chinesen, die die Gleichgültigkeit der Han gegenüber den Leiden der Minderheiten bedauerten. Das Eingesperrtsein unter Covid und der Verlust grundlegender Menschenrechte hat den Wunsch nach einem Ethnien übergreifenden, gemeinsamen Kampf geweckt.
Dieser entwickelt sich unter den chinesischen Studierenden in Übersee weiter. In einem Interview, das der Sprecher des China Deviant der Online-Zeitschrift Lausan gab, sagt dieser:
»Xinjiang, Tibet und Taiwan sind nicht ferne Länder, sondern reale Orte, mit denen gewöhnliche Chinesen in ihrem täglichen Leben häufig zu tun haben. Wir haben angefangen, die Menschen in diesen Regionen als reale Menschen aus Fleisch und Blut zu sehen, die gleichermaßen das Recht auf ein erfülltes Leben verdienen. Diese Art von Verständnis trotzt den Versuchen des Regimes, sie durch Propaganda zu entmenschlichen, und hat uns dazu gebracht, die abgeschmackte und unwirkliche Vorstellung von chinesischer ›Vereinigung‹ und ›Solidarität‹ aufzugeben. Die bislang erfolgreiche Politik der KPCh, die Han-Chinesen gegen alle anderen ethnischen Minderheiten auszuspielen, wird zum ersten Mal von unten herausgefordert. Dies ist jedoch erst der Anfang der Politisierung unter der jungen Generation. Es gab zwar Debatten über ›links‹ und ›rechts‹ und deren Unterschiede, aber die allgemeine Stimmung scheint zu sein, dass man es ›nicht eilig hat, seine politische Neigung zu bestimmen‹.«
Der oben erwähnte Sprecher von China Deviant sagte dazu: »Wir sind nicht bereit, eine Grenze zwischen uns und denjenigen zu ziehen, die unterschiedliche Ansichten darüber haben, wie die Probleme in China und seinen Randgebieten zu lösen sind. Diese Meinungsverschiedenheiten sollten von allen offen und ehrlich ausgehandelt werden, wenn ein demokratischer Rahmen und Prozess vorhanden sind. Das Problem ist jetzt nicht, dass wir Meinungsverschiedenheiten haben, sondern dass wir aufgrund der jahrzehntelangen Unterdrückung, Entpolitisierung und sozialen Atomisierung, die von der KPCh zur Aufrechterhaltung ihrer Herrschaft betrieben wurde, keinen Rahmen und keine Plattform für Diskussionen haben. Wir müssen einen Raum schaffen, in dem freie und demokratische Diskussion und Entscheidungsfindung möglich sind.

Widerstand lernen
Der Weg, der vor uns liegt, ist noch sehr lang. Man bedenke nur: China hat, wahrscheinlich als einzige Weltmacht, keine sichtbare organisierte Opposition, keinen anerkannten Oppositionsführer (der letzte, Liu Xiaobo, ist schon vor langer Zeit im Gefängnis gestorben, während Alexei Nawalny noch im Gefängnis überlebt), keine autonome Arbeitnehmerorganisation, keine unabhängigen Medien und keine garantierten bürgerlichen Freiheiten, so dass es nie eine kontinuierliche soziale Bewegung gibt, sondern nur soziale Aktionen, die nach ihrer Unterdrückung leicht in Vergessenheit geraten. Es gibt in China kaum unabhängige erhaltene Bewegungsgeschichten, so dass keine Erfahrungen aus der Vergangenheit jemals richtig weitergegeben werden können. Neue Generationen von Aktiven sind gezwungen, ihre Arbeit neu zu beginnen und stolpern dabei über viele Fehler, so dass sie bald zum Schweigen gebracht werden.
Die demokratische Bewegung in China hatte bislang kaum Chancen, jemals eigene populäre Lieder zu entwickeln oder andere Formen widerständiger Kunst. Die Armut an widerständiger Kultur ist ein Spiegelbild der Armut des kollektiven Gedächtnisses und des Denkens, die wiederum eine Folge des totalitären Staates ist. Die Proteste des letzten Jahres haben aber die Entstehung von Widerstandsliedern gefördert, und es ist zu hoffen, dass diese sich bald sprunghaft entwickeln werden.

Au Loong-Yu arbeitet in Hongkong als Publizist und setzt sich für die Rechte von Arbeitenden ein. Auf taz-online unterhält er einen Blog, auf dem er die neuesten Entwicklungen der chinesischen Opposition beobachtet und kommentiert.
Quelle: china-watch, 1.3.2023, reproduziert mit freundlicher Genehmigung des Autors (Übersetzung: Fritz Hofmann, Forum Arbeitswelten).

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