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PDF Version Artikellink per Mail  | Soz Nr. 04/2023

Ernest Mandel über die Rolle der arbeitenden Klassen im Zweiten Weltkrieg
von Angela Klein

Ernest Mandel: Der Zweite Weltkrieg. Frankfurt am Main: ISP, 1991. 248 S., 17,50 Euro, über Manifest-Verlag zu beziehen

Als Ernest Mandel 1995 starb, nannte ihn die Taz den »letzten Klassenkämpfer«. Mit der Landnahme des westlichen Kapitals in Osteuropa und dem Siegeszug des Neoliberalismus schien Klassenkampf obsolet geworden zu sein; Identitätspolitik trat an dessen Stelle. Die multiplen Krisen, die uns seither heimsuchen, allen voran die laufende Produktion von failed states, der zunehmende Hunger in der Welt und über allem die Klimakrise, haben die soziale Frage aber wieder auf die Tagesordnung gesetzt. In welcher Weise der Klassenkampf innerimperialistische Kriege beeinflussen kann, zeigt Mandel am Beispiel des Zweiten Weltkriegs.

Das Buch hat eine Neuauflage verdient. Jüngst erfuhr es im Zusammenhang mit dem Ukrainekrieg verschiedentlich neue Aufmerksamkeit, weil es eine Denkfigur enthält, die für die Analyse komplexer, globaler Geschehnisse hilfreich ist: die Tatsache, dass ein großes Ereignis mehrere kleinere in sich bergen kann. Mandel macht fünf Kriege unterschiedlichen gesellschaftlichen Charakters aus, die im Zweiten Weltkrieg zusammengekommen sind. Jeden einzelnen dieser Kriege, seine Wurzeln und seine Verläufe, analysiert er weder vom Standpunkt des Antifaschismus noch vom Standpunkt des Antiimperialismus aus. Vielmehr richtet er seinen Fokus auf die inneren kapitalistischen Widersprüche und die Kämpfe zwischen Lohnarbeit und Kapital.
Mandel erklärt den Weltkrieg grundsätzlich aus der kapitalistischen Konkurrenz, die im Zeitalter des Monopolkapitalismus »mehr politisch-ökonomisch und deshalb mehr militärisch-ökonomisch wird«. Die Staaten beteiligen sich immer mehr am imperialistischen Wettkampf. Daher der Trend zur Militarisierung, zur Rechtfertigung und Verherrlichung von Kriegen.
Ein solches System kommt ohne Hegemonialmacht – und folglich ohne Kampf um die Hegemonie – nicht aus. Was den Kampf letzten Endes entscheidet, schreibt Mandel, ist »die Kapazität jedes einzelnen der kriegführenden Staaten, alle notwendigen Wirtschaftsquellen, menschliche wie materielle, für den Sieg zu mobilisieren«, damit er seine Streitmacht andauernder und erfolgreicher einsetzen kann als der Gegner.
Der verspätete Aufstieg Deutschlands, Japans, Russlands und der USA zu Industriemächten in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts »brachte das Gleichgewicht zwischen politischer und ökonomischer Macht zum Wanken«. Der Erste Weltkrieg wurde entfesselt, um ein neues Gleichgewicht herzustellen, konnte den wachsenden Widerspruch zwischen wirtschaftlicher und politischer Macht aber nicht lösen und fand deshalb seine Fortsetzung im Zweiten Weltkrieg.

Ein neuer Akteur
Der Erste Weltkrieg brachte als neuen Mitspieler aber auch die Arbeiterklasse auf den Plan. Ein Kernproblem für jede imperialistische Macht ist die Einbindung bzw. Unterordnung der Arbeiterklasse unter ihre Ziele – das ist »ein wichtiger Bestandteil der Fähigkeit der imperialistischen Länder in ihrem Kampf um die Weltherrschaft«.
»Die Geschichte der Vorbereitung und Entfesselung des Zweiten Weltkriegs ist deshalb auch die Geschichte der Gegenrevolution«, schreibt Mandel – also der vorherigen Niederschlagung oder gänzlichen Einbindung der Arbeiterklasse in die imperialistischen Projekte. Deren historische Niederlagen zwischen den beiden Weltkriegen waren »die Meilensteine zum Zweiten Weltkrieg«: das Massaker in Shanghai 1927; die Machteroberung durch den Faschismus in Italien und Deutschland; die Niederlagen der spanischen Revolution, der Volksfront in Frankreich und des britischen Generalstreiks; die vollständige Einbindung der Gewerkschaft CIO in den USA.
Ohne »die überwältigende Verantwortung des deutschen Imperialismus für den Ausbruch und die Ausbreitung des Zweiten Weltkriegs« zu leugnen, verwahrt sich Mandel ausdrücklich gegen die vielfach vorgetragene Behauptung, der Kampf um die Errichtung der Weltherrschaft einer einzigen imperialistischen Macht – gleichzeitig Höhepunkt eines konterrevolutionären Prozesses – sei allein das Merkmal des deutschen Nationalsozialismus gewesen, die deutsche Bourgeoisie habe eine besonders reaktionäre Rolle gespielt, während der britische und französische Imperialismus »demokratischer« gewesen seien. »Die Option des deutschen Imperialismus zugunsten einer offenen Großoffensive kann man nur vor dem Hintergrund der tiefgreifenden ökonomischen, sozialen, politischen und moralischen Krise verstehen, die die deutsche bürgerliche Gesellschaft seit 1914 erschütterte.«
Auch anderen verbreiteten Deutungen tritt Mandel entgegen – etwa der Deutung des Münchner Abkommens 1938 als Versuch, Hitler zu beschwichtigen (was man jetzt meint, gegen Putin ins Feld führen zu müssen). Mandel sieht hier vielmehr einen Konflikt innerhalb der britischen Bourgeoisie um den effektivsten Weg, Hitler entgegenzutreten: Setzte sich anfänglich die Meinung durch, das beste wäre, Hitler und Stalin würden sich gegenseitig in einem Krieg aufreiben, erkannte man bald nach der Annexion des Sudetenlands, dass solche Geländegewinne Hitler nur stärker machten. Daraufhin änderte die britische Bourgeoisie ihren Kurs und ging das »unnatürliche Bündnis« mit der Sowjetunion ein, um Hitler zu Fall zu bringen.

Wiedererwachen
Die Wende im Kriegsgeschehen brachten die Niederlagen der Wehrmacht in den Schlachten von Stalingrad, El Alamein und Algier. Mandel geht den jeweiligen Ursachen dafür nach. Vor allem aber geht er ausführlich auf das Wiedererwachen der Arbeiterbewegung ein, das durch diese Niederlagen möglich wurde.
Ein solches Wiedererwachen wäre – so Mandels These – selbst in Deutschland möglich gewesen, wenn nicht die massiven Bombardierungen so schwere Verluste unter der Zivilbevölkerung verursacht hätten. An dieser Stelle wird überdeutlich, wie sehr sich Mandels Analyse vom linken Mainstream unterscheidet: Er fragt immer wieder nach den tatsächlichen oder möglichen Aktionsperspektiven der Arbeiterklasse in den jeweiligen Ländern und warum sie zum Zuge kamen oder nicht.
Hingegen hält sich bei der Mehrheit der Linken bis heute hartnäckig der Mythos vom fortschrittlichen Imperialismus, der die Länder vom Faschismus befreit habe. Die eigenständige Rolle der Arbeiterbewegung und die von ihren Führungen vertanen Möglichkeiten zur gesellschaftlichen Umwälzung bleiben hier völlig unsichtbar – am extremsten bei den sog. Antideutschen, die den verbrecherischen Einsatz von »Bomber-Harris« über Dresden als gerechte Strafe für die Nazis hochjubeln. Es war aber nicht die Naziführung, die dadurch getroffen wurde.
Mandel beschreibt auch ausführlich anhand von Jugoslawien, Griechenland und Italien, wie alle Alliierten, die Sowjetunion eingeschlossen, ein Interesse daran hatten, dass die neue Kampfbereitschaft der Arbeiterklasse nicht in »Anarchie« ausartete, und wie sie ihre militärische Unterstützung des Partisanenkampfs mit dem Teelöffel abmaßen, um die Arbeiterbewegung nicht zu einer dominierenden Kraft werden zu lassen.
Wir haben bislang nur von Europa gesprochen. Mandel aber hebt von Anfang an auch die Ereignisse in den anderen Weltregionen, vornehmlich in Ost- und Südostasien hervor, für die »die enge Beziehung zwischen imperialistischen Kriegen und nationalen Befreiungs- und Revolutionskriegen« charakteristisch ist. »Die antikolonialen Kämpfe wurden zu entscheidenden Verbündeten des Proletariats in den fortgeschrittenen Ländern.«
China kam dabei eine Schlüsselrolle zu. Mandel erkennt in der japanischen Besatzung Parallelen zur deutschen in Südosteuropa: Die jeweilige Oberschicht arrangierte sich mit den Besatzern. Deren Regime aber war für die Bevölkerung so unerträglich, dass sie dagegen aufbegehren musste. In Jugoslawien und China übernahm die Kommunistische Partei daher auch die Führung im nationalen Befreiungskampf, womit sie sich zwangsläufig auch gegen die eigene Kompradorenbourgeoisie wendete. Ihr Kampf nahm den Charakter einer gesellschaftlichen Revolution an – was die herrschende Klasse nur noch mehr an die Seite der Invasoren trieb.

Eine vielschichtige Angelegenheit
Im »Eindringen des Klassenkampfs in den inter-imperialistischen Konflikt« erkennt Mandel ein »transkontinentales Phänomen«:
»Alle größeren und kleineren Klassen und Schichten traten, organisiert durch Staaten und Armeen, Parteien und Berufsverbände und Bewegungen freiwillig oder unter Zwang in die Katastrophe eines Krieges ein, der als inter-imperialistischer Kampf um die Weltherrschaft begonnen hatte … Gegen Ende war der Krieg nicht nur zu einer transkontinentalen, sondern auch zu einer vielschichtigen Angelegenheit geworden, an der viele Entwicklungen beteiligt waren: Klassenkampf von unten, Revolution von oben, nationale Befreiungsbewegungen unter Führung des Bürgertums bzw. der Arbeiterklasse, Reformierung der alten Ordnung, gewalttätige Gegenrevolution.«
Selbst dort, wo Bewegungen gegen Ende des Krieges niedergeschlagen wurden wie in Algerien und Ägypten, legten sie den Keim für den algerischen Unabhängigkeitskrieg und den Nasserismus ein Jahrzehnt später.
Mit seinem differenzierten Ansatz, jeden Hauptkriegsakteur aus den Zwängen seiner eigenen Logik her­aus zu verstehen und die eigenständige Rolle der Arbeiterklasse und der mit ihr verbündeten Bevölkerungsschichten im Blick zu haben, schafft es Mandel, die Dynamik des Gesamtgeschehens zu begreifen, ohne in die geopolitische Argumentation mit »legitimen Interessen« von Staaten und der Unterordnung des Handelns der Arbeiterklasse unter dieselben zu verfallen, wie sie bis heute große Teile der Friedensbewegung prägt. Ein Buch von höchster Aktualität.

Siehe auch den Beitrag von Ernest Mandel, »Fünf Kriege in einem«, in SoZ 5/2022.

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