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PDF Version Artikellink per Mail  | Soz Nr. 05/2023

Zehn Jahre Streik bei Amazon
Gespräch mit ­Andreas Gangl

Seit zehn Jahren kämpfen Beschäftigte bei Amazon Deutschland für einen Tarifvertrag. Den Anfang nahm die Organisierungswelle neben Leipzig in Bad Hersfeld. Violetta Bock sprach mit ­Andreas Gangl, einem Aktiven der ersten Stunde. Er ist Betriebsrat und Vertrauensleutesprecher.

Vor zehn Jahren habt ihr zum erstemal bei Amazon in Bad Hersfeld gestreikt. Kannst du dich noch daran erinnern, wie das für dich war?

Am 9.April 2013 war das erste Outdoor-Meeting, bei dem wir ein paar Stunden vor’s Tor gegangen sind und den Arbeitskampf offiziell eröffnet haben. Auch für mich war das der erste Streik. Ich war nervös und unsicher, wie das funktioniert und was dann passiert. Es gibt ein schönes Foto, wir hatten alle diese weißen Mülltüten mit dem Ver.di-Logo drauf, noch keine Gelbwesten. Man steht mit mehreren da und dadurch legt sich die Nervosität.

Wie ist heute die Situation?

Die gewerkschaftliche Organisierung ist sehr gut hier, an Weihnachten trugen sich 950 in die Streiklisten ein. Von den Themen her wird der Arbeitgeber nicht müde, uns zu ärgern. Dieser Tage wurde verkündet, dass ab 2025 keine Aktien mehr ausgegeben werden sollen, bisher haben wir Aktienpakete bekommen. Stattdessen gibt es eine Sonderzahlung zweimal im Jahr, wahrscheinlich zu unserem Nachteil.
Innerbetrieblich ist momentan viel Stress. Der Arbeitgeber bemängelt die Standzeiten. Er führt Feedback-Gespräche mit Kollegen, die nach seiner Ansicht zu viel stehen und zu wenig arbeiten. Das wird alles elektronisch erfasst. Es gibt jedoch ständig Störungen im Produktionsablauf. Wenn gerade keine Arbeit da ist, gibt es Standzeiten oder sie entstehen durch Verschiebereien. Das System stellt das nicht sauber dar. Man sieht nur, dass jemand für eine gewisse Zeit nicht gearbeitet hat, und dann werden Fragen gestellt. Wenn man an der Linie arbeitet, hat der erste vorne gute Arbeit, der hinten muss die Scheiße wegmachen, und das System sagt nur, der hat so und so viel gemacht. Aber es wird zum Beispiel nicht unterschieden, ob der vorne gesessen hat oder der hinten.
Vor zehn Jahren haben wir Zahlenfeedback bekommen, da bist du jeden Tag gepiesackt worden, wenn du zu langsam warst. Das konnten wir mit Hilfe des Betriebsrats und der Gewerkschaft abschaffen. Die Arbeit selbst haben sie inzwischen noch kleinteiliger und monotoner gemacht. Früher hat man einen ganzen Prozess abgearbeitet, jetzt kriegst du nur mehr Teilbereiche.

Wenn man auf die zehn Jahre blickt, welche Bilanz würdest du im Moment ziehen?

Ich sehe diese zehn Jahre als einen Erfolg. Wenn man bedenkt, wo wir vor zehn Jahren angefangen haben, haben wir viel erreicht. Wir treiben Amazon vor uns her. Sie ignorieren uns ja nicht, auch wenn sie so tun und immer wieder sagen: »Gewerkschaften brauchen wir nicht.« Aber die Löhne sind gestiegen, wir haben inzwischen Weihnachtsgeld, und und und. Im letzten Jahr hatten wir unheimliche Lohnsteigerungen, der Einstiegslohn liegt jetzt bei 13 Euro und nach zwei Jahren bist du bei 15,70 Euro. Das liegt daran, dass wir uns organisiert haben und kämpfen. Das sollte man nicht klein reden, auch wenn wir keinen Tarifvertrag haben.
Mir persönlich ist das auch nicht so wichtig, ob wir einen Tarifvertrag haben, mir ist wichtiger, dass wir die Arbeitsbedingungen und Löhne verbessern und dafür den Arbeitskampf führen und die Belegschaft organisiert ist.

Vor zehn Jahren gab es ein ziemliches Medieninteresse, ihr wart in Bad Hersfeld der erste Standort neben Leipzig, der zum Streik rausgegangen ist. Damals waren es etwa neun Standorte. Was sind bis heute wichtige Schritte gewesen in diesem Arbeitskampf gegen Amazon?

Heute sind wir zwanzig Standorte und zehn Standorte sind im Streik, 50 Prozent der Standorte haben wir. Es war immer so ein Hase-und-Igel-Spiel, weil Amazon in den zehn Jahren extrem gewachsen ist und Standorte dazu gekommen sind. Graben, Rheinberg und Koblenz – jedesmal, wenn sich Kolleginnen und Kollegen an einem weiteren Standort dem Arbeitskampf anschlossen, war das ein Meilenstein. Und letztes Jahr hatten wir mit Hamburg den ersten Roboterstandort im Streik. Dass auch an diesen neuen Standorten Organisierung stattfindet und nicht nur an den alten herkömmlichen Standorten ohne Roboter, ist bedeutsam für die Perspektive des Arbeitskampfs.

Und nicht nur in Deutschland, sondern auch international.

Ja, dass wir uns damals mit den polnischen Kollegen der IP vernetzt haben, war ein wichtiger Meilenstein. 2015 ist daraus AWI (Amazon Work­ers International) entstanden. Amazon operiert als europäisches Netzwerk. Deshalb sind wir auch international – von Frankreich, Spanien bis Polen – im Austausch und es gab auch schon gleichzeitige Streikaktionen. Schön wär’s noch zu hören, wenn dann irgendwann die polnischen Kollegen im Streik dabei wären. Aber dort ist das ein ganz harter Kampf, davon hatten sie erst vor kurzem berichtet.
In Polen ist gesetzlich geregelt, dass man vor einem Streik eine Abstimmung machen muss: 50 Prozent müssen für einen Streik stimmen und auch die Beteiligung muss über 50 Prozent liegen. Die IP hatte schon mal ein Referendum angestoßen, aber damals hat sie diese Beteiligung nicht erreicht. Und sie müssen die Befragung an allen Standorten machen.
In Polen arbeiten inzwischen 60000 Personen, 80 Prozent der Bestellungen aus Deutschland werden von Amazon Polen erledigt. Amazon hat sich nun einfach geweigert, IP in die Betriebe zu lassen, um das Referendum durchzuführen. Das ist eigentlich eine strafbare Handlung. Die Gewerkschaft hat jetzt auch die Politik und die Polizei eingeschaltet, aber wie es bei solchen Sachen ist, die Reaktionen sind sehr träge. Ein weiterer Meilenstein war die Anerkennung der Gewerkschaft in Staten Island, als im Mutterland endlich Gewerkschaften auch bei Amazon Fuß fassten.

Gibt es eine Geschichte, die dir als erstes in den Kopf kommt, wenn du an die letzten zehn Jahre denkst?

Ein schönes Erlebnis war die Versammlung von allen Standorten 2015. Der ganze Parkplatz war voll mit Kollegen aus allen Standorten, Solidaritätskreisen und auch streikenden Postlern. Das war schon ein starkes Bild. Das gab es in der Form seither nicht mehr.
Einmal waren wir noch mal alle in Berlin, als Jeff Bezos 2019 einen Preis überreicht bekam. Eigentlich hatte das »Make Amazon Pay« organisiert, aber dann hat sich Ver.di draufgesetzt und die Nahles [damals Bundesvorsitzende der SPD] als Rednerin geholt. Die wurde dann gnadenlos ausgepfiffen. Und Christian [Krähling] hat die polnischen Kollegen eingeladen. Ver.di wollte nicht, dass die reden, sondern Christian. Und er sagte, dann gebe ich meine Redezeit an meine polnischen Kollegen und übergab ihnen das Mikrofon.

Amazon hat Kündigungen im großen Stil angekündigt. Gibt es eine allgemeine Trendwende bei Amazon?

Ich glaube schon, dass Amazon gerade über einen Umstrukturierungsprozess nachdenkt, bei dem alle Standorte ohne Roboterunterstützung gefährdet sind, wie etwa der in Brieselang. Früher fürchteten sie Betriebsräte wie der Teufel das Weihwasser. Jetzt installieren sie Betriebsräte, die sie steuern können. In manchen Betriebsratsgremien sitzt direkt das Management mit drin. Da gingen sie strategisch vor, um die gewerkschaftliche Organisierungswelle zu unterbrechen. Wir beobachten auch, wie sie gezielt gewerkschaftlich aktive Betriebsräte angreifen, etwa durch Kündigungen.

Haben sie bei euch schon versucht, Roboter einzusetzen oder machen sie das nur an bestimmten Standorten?

Den Standort in Graben bei Augsburg haben sie zu Robotics umgebaut. Ansonsten machen sie das an den neuen Standorten. Die Automatisierung, die Amazon macht, ist ein Scheißdreck gegen das, was möglich wäre. Es gibt schon Lager, wo niemand mehr herumspringt. Amazon macht das nur mit den Robotern, die die Regale zu den Leuten und wieder weg bringen. Unser neuer Standortleiter hat auch Fantasien zum Umbau des Standorts. Vor zwei Jahren haben wir eine Packmaschine bekommen. Sie wird wieder abgeschaltet, weil sie festgestellt haben, die können sie gar nicht auslasten, und dann ist sie ist zu teuer. Da sind Menschen dann doch billiger.

Wie geht es weiter, was ist der Plan für die nächsten zehn Jahre?

Weiter immer weiter. Ziel muss sein, alle Standorte zu organisieren. Auch die Verteillager und Sortierzentren müssen organisiert werden. Für mich persönlich ist es wichtig, dass wir europäisch zusammenarbeiten. Vor Ort bin ich immer dafür, mehr Aktionen im Betrieb zu machen und nicht nur auf Streik zu setzen.
Klasse war eine Aktion, bei der wir unsere Forderungen auf Post-its in die Fächer reingeklebt haben. Amazon hat dann extra ein Team aufgestellt zum Säubern der Fächer. Als sie durch waren, klebten wir sie wieder rein. In der Pandemie hatten wir Textilaufkleber: »Zwei Euro mehr auch nach der Pandemie.«
Ich finde es auch wichtig, in den Gremien von Ver.di Posten zu besetzen. Das schaffen wir jetzt gerade. Inzwischen sind wir nicht nur im Bezirk, sondern auch auf Landesebene und bald auch Bundesebene vertreten. Bisher lief Amazon eher neben dem Fachbereich. Jetzt ist es wichtig, in die Gremien reinzugehen, um frühzeitig Pflöcke zu setzen, wenn es Themen gibt. Und auch um näher an Berlin dran zu sein und Fehlentwicklungen frühzeitig zu entdecken. Nach meiner Meinung stellt sich Ver.di strukturell einfach zu schwach auf.

Was sind politisch eure Forderungen?

Es gibt unterschiedliche Meinungen. Die einen fordern vor allem die Allgemeinverbindlichkeit von Tarifverträgen. Ich bin eher für andere Sachen, die die Gewerkschaftsarbeit erleichtern und stärken. Für mich ist wichtig, dass die sachgrundlose Befristung endlich wegfällt. Ich stelle mir auch vor, dass du im Betrieb als Vertrauensmann mehr Rechte erhältst. Als Betriebsrat hast du zwar mehr Möglichkeiten, aber das ist auf die Betriebsratsarbeit eingegrenzt. Und auf europäischer Ebene gehören solche Einschränkungen des Streikrechts wie in Polen beendet. Das Recht zu streiken müsste allgemein immer da sein.

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