Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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PDF Version Artikellink per Mail  | Soz Nr. 06/2023

Gefragt ist handeln, nicht Lippenbekenntnisse
von Femnet/Gerhard Klas

Die Fashion Revolution Week oder #RememberingRanaPlaza, wie die Betroffenen in Bangladesh das Erinnern an den Einsturz des Fabrikgebäudes am 24.April 2013 nennen, zeigt auch zehn Jahre nach dem Unglück, dass trotz vieler Fortschritte von einer Revolution in der Textilbranche nicht die Rede sein kann. Damals starben 1138 Menschen, während sie für internationale Marken nähten. Derzeit stehen vor allem Slogans und Gedenkaktionen hoch im Kurs.

»Es erfordert mehr als eine vom Westen angeführte Moderevolution. Wir können uns niederknien, um der Opfer zu gedenken. Aber wir müssen uns fragen, ob das institutionelle und ritualisierte Erinnern nicht vielmehr dazu führt, dass wir Fabrikbränden und Einstürzen passiv zusehen, anstatt wirklich für Gerechtigkeit zu sorgen«, sagt Lavinia Muth vom Frauenrechtsverein Femnet, der sich vor allem für menschenwürdige und existenzsichernde Arbeitsbedingungen in der globalen Bekleidungsindustrie einsetzt.
Die Kennerin der Textilbranche Südostasiens war jahrelang selbst als Beraterin und Auditorin in den Fabriken von Bangladesh unterwegs, um Maßnahmen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen umzusetzen. Angemessene Entschädigungszahlungen für Überlebende, Angehörige der Opfer und für Textilarbeiter:innen, die seit dem Rana-Plaza-Vorfall nicht mehr arbeiten können, wäre ein längst überfälliger Schritt. Noch immer protestieren Arbeiter:innen und Gewerkschaften, um auf die verheerenden Folgen des Unglücks aufmerksam zu machen und Gerechtigkeit zu fordern.
»Immerhin: Mehr und mehr Frauen fühlen sich in den vergangenen zehn Jahren bestärkt und ermutigt, für ihre Rechte einzustehen und zu kämpfen«, konstatiert die Organisation Femnet. Selbstermächtigung sei eine der wirksamsten Formen für mehr Souveränität und für ein Aufbrechen ungleicher Machtverhältnisse innerhalb globaler Lieferketten.
»10 Jahre nach Rana Plaza gibt es noch immer Fabriken in Bangladesh, die für internationale Konzerne wie Amazon, IKEA oder Tom Tailor Kleidung produzieren, in denen es kaum Sicherheitskontrollen gibt«, sagt Amirul Haque Amin, Präsident und Mitbegründer der National Garment Workers Federation (NGWF), »das können wir nicht länger hinnehmen.«
Erst im März hatten auch die Lieferanten auf dem Bangladesh Business Summit 2023 deutliche Kritik an den westlichen Auftraggebern geäußert: Internationale Einkäufer und Marken zahlten den Bekleidungslieferanten in Bangladesh durchweg niedrigere Preise im Vergleich zum weltweiten Durchschnitt, obwohl der Sektor in Bezug auf Qualität, Produktvielfalt und Einhaltung von Vorschriften in den letzten Jahren durchaus aufgeholt und Verbesserungen vorzuweisen habe.

Beschwerde gegen Amazon und Ikea
Zusammen mit Femnet und der Menschenrechtsorganisation ECCHR hat die Gewerkschaft NGWF am zehnten Jahrestag des Einsturzes nun auf der Grundlage des Lieferkettengesetzes gegen Amazon und IKEA Beschwerde beim Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle eingereicht. Es ist die erste Beschwerde nach dem im Januar 2023 in Kraft getretenen Lieferkettengesetz. Sie gründet sich auf eine im März 2023 in Bangladesh durchgeführte Recherche der Gewerkschaft, bei der Sicherheitsmängel wie fehlende Inspektionen aber auch andere Arbeitsrechtsverletzungen wie mangelnde Gewerkschaftsfreiheit festgestellt wurden.
Und das, obwohl es seit 2013 als Reaktion auf den Einsturz von Rana Plaza einen effektiven Mechanismus zur Verbesserung der Sicherheit am Arbeitsplatz gibt, den Bangladesh Accord, ein international bindendes »Abkommen für Gebäudesicherheit und Feuerschutz in Bangladesh«, das bereits 195 Unternehmen unterzeichnet haben. Viele führende Unternehmen, die in Bangladesh produzieren lassen, haben das Abkommen bis heute jedoch nicht unterzeichnet – dazu zählen neben Amazon und Ikea auch Tom Tailor oder Zalando, gegen die ebenfalls Beschwerde eingereicht werden soll.
»Jetzt ist es an der Zeit, das deutsche Gesetz dafür zu nutzen, solche Unternehmen, die nicht freiwillig Verantwortung für die Menschen in ihren Lieferketten übernehmen wollen, endlich dazu zu verpflichten«, so Gisela Burckhardt, Vorstandsvorsitzende von Femnet.
Keinen Einfluss hat das Abkommen auf die schlechte Bezahlung der Textilarbeiter:innen in Bangladesh. Eine kürzlich durchgeführte Befragung von über 400 Beschäftigten hat ergeben, dass 70 Prozent von ihnen hoch verschuldet sind, viele von ihnen über sog. Mikrokredite. Zum Teil betragen die Schulden das Siebenfache ihres Mindestlohns.
»Es ist erschreckend«, so Gisela Burckhardt gegenüber der SoZ, »wir haben die Studie finanziert, die als Grundlage für die jetzt beginnenden Lohnverhandlungen dient.« Sie belege im Detail „wie hoch ein existenzsichernder Lohn in Bangladesh sein müsste, und das dient nun den Gewerkschaften in den Verhandlungen«.
Auf der zentralen Kundgebung am 1.Mai in der Hauptstadt Dhaka forderten tausende Textilarbeiter:innen, den Mindestlohn für die fünf Millionen Beschäftigten in der Branche auf monatlich 230 Dollar anzuheben. Derzeit liegt er bei 70 Dollar.

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