Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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PDF Version Artikellink per Mail  | Soz Nr. 06/2023

Crossing Europe 2023 in Linz
von Kurt Hofmann

Das Festival des Europäischen Films in Linz präsentierte eine Reihe sehenswerter Beiträge.

Une vie comme une autre
(Ein leben wie jedes andere)
Belgien/Frankreich 2022
Regie: Faustine Cros

Was für eine glückliche Familie: Vom ständig filmenden Vater, einem Regisseur, werden in zahlreichen Homevideos fröhliche, lebhafte Kinder gezeigt, irgendwie ist die Mutter auch dabei, wenngleich sie selten bis nie die Protagonistin dieser Aufnahmen ist. Für den meist abwesenden, weil vielbeschäftigt in der Welt herumreisenden Vater sind die bei seinen Besuchen in der Familie aufgenommenen Szenen Beweismaterial: So sind wir, zufrieden und alle an ihrem Platz. Allerdings war Valerie, die Ehefrau, einst vielgefragte Make-up-Künstlerin beim Film, bis sie der Kinder wegen ausstieg – für ihren Mann ist es eine Selbstverständlichkeit, dass sie ihren Beruf aufgibt.
Ihr Leben 2.0: Als Faustine, die Tochter, erwachsen und in vierter Generation Filmemacherin, das Material sichtet, das sich im Lauf der Jahre angehäuft hat, entdeckt sie, wie manipulativ die vom Vater in den Homevideos vermittelte Sicht ist, und stellt eine eigene, ummontierte Version her.
Der Film folgt einer bis dahin unentdeckten Spur: Der von Faustine zur Rede gestellte Vater versteht die Welt nicht mehr – es war doch immer alles paletti in der Familie, da kann ihn seine Erinnerung doch nicht trügen.
Eben weil der Vater kein Tyrann ist, sondern »bloß« ein Ignorant, geht Une vie comme une autre über den Beispielfall hinaus. Wie da eine ins Unglücklichsein und die Depression getrieben wird und lange Zeit niemand etwas merkt, weil eine zementierte Geschlechterordnung als ebenso selbstverständlich empfunden wird wie die behauptete Harmonie in der Familie, das ist exemplarisch.
Die Tochter entdeckt zudem beim Sichten des Materials, wie die Mutter über Jahre hinweg Distanz zu ihren Kindern entwickelt hat, weil ihr die Luft zum Atmen durch die aufgezwungene Rolle abgeschnürt wurde. Dies sehend, beginnt Faustine ihre Mutter zu verstehen.

Chleb i sól
(Brot und Salz)
Polen 2022
Regie: Damian Kocur
Tymek steht am Beginn einer großen Karriere als Pianist. Er lebt in der Stadt und sieht sich als sensibler Künstler imstande, sowohl in der Musik als auch im Alltag auf Zwischentöne zu achten.
Der Urlaub in seiner Heimatstadt führt Tymek zurück zum Männerbündischen. Man trifft einander in einem Kebabladen, der aus der Sicht der Einheimischen nur den Fehler hat, dass er von Arabern geführt wird, die die »kulturelle Überlegenheit« der Polen nicht begreifen wollen.
Dass die ständigen Provokationen der eingeschworenen Clique zur Eskalation führen müsssen, ahnt Tymek zwar, da es aber, anders als in der Musik, im Leben kein vorgeschriebenes Finale gibt, versagt der sensible Künstler und schließt sich dem feigen, doch vertrauten Mob an – home, sweet home…
Im Film wird sichtbar wie eine männlich dominierte Gruppe funktioniert, die keine Ziele hat, außer nach unten zu treten, gegen eine Minderheit. Dass es in der tiefsten Provinz keine Perspektive gibt, ist eines – dass der Zeitvertreib in der Einöde nicht zwangsläufig zu Rassismus führen muss, ein anderes.
Damian Kocurs Chleb i sól war der Siegerfilm des diesjährigen Festivals – eine gute Wahl.

Chemi otakhi – A room of my own
Georgien/BRD 2022
Regie: Ioseb »Soso« Bliadze

Da sie ihr Freund, mit dem sie in Tiflis zusammenziehen will, immer wieder am Telefon vertröstet, noch einen Job in einer fremden Stadt erledigen zu müssen, sucht Tina »für den Übergang« eine Bleibe und findet bei Meg Unterschlupf.
Kein falscher Schritt, nichts preisgeben, was alte Verletzungen aufreißen könnte: die introvertierte Tina begegnet der extrovertierten Meg, die kontaktfreudig und immer von Freund:innen umgeben ist. Zwei Welten treffen aufeinander, es kommt unvermeidlich zu Konfrontationen. Aber siehe da: Gegensätze ziehen sich an…
Der Film erzählt subtil und variantenreich eine einfache Geschichte: Ausgerechnet in der lauten, impulsiven, experimentierfreudigen Meg findet Tina eine, der sie sich anvertrauen kann, die ihr hilft, sich zu öffnen. Langsam, fast unmerklich, wird aus Freundschaft mehr.
A room of my own zeigt zwei Frauen, die ihre Lebensentwürfe neu definieren.
Tina und Meg entdecken einander als Gegenstück der jeweils Anderen, werden Komplizinnen.

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