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PDF Version Artikellink per Mail  | Soz Nr. 07/2023

Ein Stück Siedlungsgeschichte der Bergleute in Oberhausen
von Klaus Offergeld

Es gibt in Deutschland nicht viele Orte, wo sich Milieus an ihren angestammten Orten halten konnten. Die Wohnkolonie am Dunkelschlag in Oberhausen ist so ein Ort.

Die Anfänge gehen auf das Jahr 1907 zurück. Am 19.Juni 1907 berichtete der Generalanzeiger, die damalige Zeitung für Groß-Oberhausen und das nordwestliche Industriegebiet, dass die Gutehoffnungshütte (GHH) beabsichtige, die am Dunkelschlag gelegene Kolonie ihrer Zeche Sterkrade durch eine Anzahl von Wohnhäusern zu erweitern. Die ersten Häuser waren bereits 1903/1904 erbaut worden – ein strategisches Vorgehen der GHH, das sich später auch in der Siedlung am Grafenbusch und in der Kolonie der Zeche Hugo in Walsum wiederholte und sich aus Sicht des Unternehmens bewährt hatte. Bei den Bewohnern hieß die Siedlung bald »Alte Kolonie«, eine Bezeichnung, die sich auch im Amt als Bezirksbezeichnung durchsetzte.
Die Siedlung war schon in den Anfängen von einer Vielzahl an Kindern geprägt. Einzelne Familien brachten es auf zehn Mädchen und Jungen, der Durchschnitt lag bei vier bis fünf Kindern. Für den Nachwuchs waren es, nachdem sie am Dunkelschlag wohnten, glückliche Kinderjahre im Schutz der Familien und unter vielen Freunden. Die Ställe, die noch heute hinter den Häusern stehen, wurden vor allem für Viehhaltung genutzt. Schweine, Gänse, Hühner und auch Ziegen gehörten nicht nur zum Lebensunterhalt, sondern sorgten auch für weitere Arbeitskräfte aus den damaligen Ostgebieten. Sie wurden mit Werbesprüchen gelockt wie: »Ihr habt dort Ställe und Gartenland und könnt im Ruhrgebiet leben wie in eurer alten Heimat.« Das Pachtland rund um die Siedlung stammte übrigens von Sterkrades ältestem Bauernhof, dem Westhoffshof.
In diesen immer noch Anfangsjahren versuchten die neuen Bewohner, zumindest ihre Heimatbräuche und -sprache beizubehalten. Sie gründeten Heimatvereinigungen, etwa aus Ost- und Westpreußen, Schlesien, Böhmen und Polen.
Aber die Zeiten änderten sich, jede Entwicklung hing von der Kohle ab und die von der allgemeinen politischen und wirtschaftlichen Entwicklung. Bereits 1912 kaufte Thyssen die Häuser im Dunkelschlag, und in den folgenden Kriegs- und Nachkriegsjahren häuften sich Arbeitslosigkeit, Hungersnot und neue politische Entwicklungen. Neben einem Bergarbeiterverband (1933 aufgelöst) und der SPD wurde die im Januar gegründete Ortsgruppe der KPD eine neue Größe. […]

Im ganzen Land folgten Jahre der Arbeitslosigkeit und alltäglichen Sorgen wie Hungersnot, Geldmangel, fehlende Arbeitsplätze und vorwiegend düstere Perspektiven. In der Siedlung herrschte ein Geist des Miteinander. Man half sich, unterstütze sich gegenseitig, feierte gemeinsam und sorgte so für ein halbwegs sicheres Lebensgefühl. Das Pachtland rund um die Siedlung wurde für die eigene Versorgung genutzt, mit ein paar Schweinen, der Pflanzung von Kartoffeln, Runkeln und Kohlfrüchten. Das alles war verbunden mit harter körperlicher Arbeit, die die ganzen Familien leisten mussten. Größere Kinder wurden schon mit zur Feldarbeit genommen. Letztlich war es für alle Siedlungsbewohner ein Kampf ums nackte Überleben.
Was noch härter in den Alltag einschlug, waren mögliche Verletzungen der Bergleute auf der Zeche oder Erkrankungen. Dann gab es nur 50 Prozent Krankengeld, anfangs mussten die Familien auch die Krankenhauskosten mitbezahlen. Familien verschuldeten sich in diesen Jahren, das Leben war schwer in Mitleidenschaft gezogen. Der Schutz durch die Gewerkschaften machte sich erst nach 1945 bemerkbar.
Die wirtschaftlichen Veränderungen, die Not und Arbeitslosigkeit wirkten sich für die Siedlung spätestens ab Anfang der 1930er Jahre aus. In der Siedlung am Dunkelschlag waren Ende 1932 80 Prozent der Bergleute arbeitslos. Auf Zeche Sterkrade wurde 1932 die Förderung eingestellt, auch die Kokerei wurde Opfer der Stilllegungswelle. Die GHH beschloss massenhaft Kurzarbeit, zwei bis drei Feierschichten wöchentlich wurden zur Regel.
Im Sommer 1932 begann auch im Dunkelschlag der Terror der SA- und SS-Nazis. In der Siedlung formierten sich Kommunisten, Sozialdemokraten und auch Christen zu gemeinsamen Gruppen gegen jene Terrorgruppen. Die seinerzeit ohnehin schwachen Gewerkschaften, zudem auf dem rechten Flügel verankert, verschanzten sich hinter der Ansicht, dass man bei rund sechs Millionen Arbeitslosen nicht streiken könne und sich darunter vermutlich etliche Streikbrecher zu erkennen geben würden. Allerdings führten eben diese Arbeitslosen in den Betrieben Aktionen durch, um zu bekunden, keine Streikbrecher zu werden.
Dennoch bauten die Unternehmen bereits in den ersten Jahren der Nazi-Herrschaft Löhne und Gehälter massiv ab. Lohnraub, wie es Betriebsräte, Gewerkschaften und auch noch einige Parteien nannten, wurde zu einem Tagesgeschäft. Im Jahr 1932 zahlte das Unternehmen Krupp für seine Belegschaft jährlich noch 69 Millionen Reichsmark an Löhnen und Gehältern für damals noch 35000 Arbeiter und Angestellte. 1933 waren es nur noch 57 Millionen Reichsmark, für jetzt aber 43000 Beschäftigte. Dies galt mittlerweile für die gesamte Wirtschaft. 1937 lag das Lohnniveau unter dem von 1931/32, obwohl es viele Neueinstellungen gegeben hatte.

Wunsch nach Einheit
Auf die Siedlung warteten auch in den Kriegsjahren schwere Zeiten. Anfang 1943 flogen die Engländer erste Fliegerangriffe gegen die Ruhrchemie in Holten. Die Menschen suchten Schutz in den Kellern, dennoch bekam auch die Siedlung am Dunkelschlag die Bombenmacht zu spüren. Nach den Angriffen begannen die Bewohner sofort mit den Löscharbeiten. Der alte Zusammenhalt lebte noch, aber die schlimmen Kriegsjahre waren noch nicht vorbei. […] Auf Oberhausen wurden 161 Luftangriffe geflogen, dabei starben 2203 Menschen, 5593 wurden verletzt, über 10000 Wohnungen waren zerstört oder beschädigt. Eine Bilanz des Schreckens.
Am 27.März 1945 besetzten die Amerikaner die Dunkelschlagsiedlung und wurden von den Bewohnern mit weißen Fahnen empfangen. Die Männer des Dunkelschlags wurden in die Scheune eines Bauern in Schmachtendorf gebracht, offenbar wollten sich die Besatzer ihrer sicher sein. Andere Bergleute mittleren Alters wurden für den Wiederaufbau der Zeche eingesetzt, bald waren auch sie frei. Vorübergehend hielten die Amerikaner Frauen und Kinder in den Kellern fest, dann durften auch sie wieder gehen. Am nächsten Tag rollten die Panzer der US-Truppen weiter. Auch im Dunkelschlag wusste man nun: »Der Hitlerspuk ist vorbei!«
Bereits in den ersten Maitagen 1945 traf sich in der Wohnung von Martin Grohnke eine Gruppe ehemaliger Richtungsgewerkschafter. Martin war der Vater von Johann Grohnke, dem Widerstandskämpfer, der 30 Jahre Vorsitzender der IG Bergbau in Sterkrade war, außerdem langjähriger Betriebsrat und Autor beim Projekt Sozialarbeit der Stadt Oberhausen, wo die »Geschichten aus dem Dunkelschlag« entstanden. Die Gruppe beschäftigte sich mit der Gründung einer neuen Gewerkschaftsform in der Siedlung. In allen Gesprächen kristallisierte sich die Formierung einer neuen Einheitsgewerkschaft heraus. Gemeinsame Devise: »Nie mehr darf sich ein 1933 wiederholen.« Einig war man sich in der Forderung, SPD und KPD zu vereinigen, was am 1.Mai 1946 in Sterkrade mit einer gemeinsamen Demonstration mit 1000 Teilnehmern gefeiert wurde. Ebenso einig war man sich in der jungen Zeit nach dem Krieg, »nie darf ein neuer Krieg von deutschem Boden ausgehen«. Aber diese Einheitsfront zwischen KPD und SPD hielt nicht lange, sondern endete bereits 1947.

Der lange Kampf um den Erhalt der Siedlung
Die Nachkriegszeit war zunächst geprägt von Jahren des Wiederaufbaus, von Konjunktur und schließlich auch von Krisen, die vor allem die Zechen und den Bergbau betrafen. Rationalisierung lautete das gemeinsame Motto der Wirtschaft, das unter dem Strich Arbeitsplätze kostete und vielen Familien das Leben schwer machte.
Auch das Leben in der Siedlung änderte sich. Im Dezember 1957 nahm die Baugenossenschaft Sterkrade Pläne in Angriff, zwischen der Gruben- und der Schachtstraße ein Wohnprojekt mit insgesamt 74 Wohnungen zu errichten… Die 60 Quadratmeter großen Wohnungen waren für Belegschaftsmitglieder der Bergwerksgesellschaft »Neue Hoffnung« bestimmt*…
Die Zeiten für die Siedlung am Dunkelschlag wurden unruhiger, letztendlich war sogar der Erhalt der Siedlung gefährdet. 1958 sollte eine zweite Ölleitung auf einem Teil der Strecke auch durch den Dunkelschlag führen, als Teil einer Rohölleitung von Wilhelmshaven nach Wesseling. […]
1973 gab es Versuche, die Siedlung auf ihren Erhaltungszustand zu prüfen. 1977 erhoben sich erste Proteste gegen eine geplante Kokskohlenmischanlage. Zwischen Februar 1979 bis September 1984 war die Siedlung wieder gefährdet. Nach der Erstellung eines Films über den Dunkelschlag folgte am 7.März 1987 die große Erlösung und Befreiung für die Bewohner: die Siedlung wurde unter Denkmalschutz gestellt. Wieder hatten die Bewohner ihre Wehrhaftigkeit bewiesen.
1985 schien das Ende der Kolonie besiegelt zu sein. Die Kosten für ihren Erhalt sollten sich auf 394000 DM belaufen – für die Bewohner eine nicht zu stemmende Summe. Aber … die Gelder konnten aus Städtebaufördermitteln des Landes und des Bergbaus fließen. Damit war der Erhalt der Siedlung gesichert.

*Die Gesellschaft entstand aus der Zerschlagung der GHH nach 1945.

Wir entnehmen den Text der Zeitschrift Schichtwechsel. Journal für die Geschichte Oberhausens, 18.Jg., Nr.1, Mai 2023, hrsg. Geschichtswerkstatt Oberhausen (www.geschichtswerkstatt-oberhausen.de), mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

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