Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

Bert Brecht hielt nicht viel vom Recht auf geistiges Eigentum. Wir auch nicht. Wir stellen die SoZ kostenlos ins Netz, damit möglichst viele Menschen das darin enthaltene Wissen nutzen und weiterverbreiten. Das heißt jedoch nicht, dass dies nicht Arbeit sei, die honoriert werden muss, weil Menschen davon leben.

Hier können Sie jetzt Spenden
PDF Version Artikellink per Mail  | Soz Nr. 07/2023

Mit Alexandra Kollontai durch Argentinien
von Gaston Kirsche

Trenque Lauquen, Argentinien/Deutschland 2022, Teil 1: 128 Min./ Teil 2: 132 Min. Regie: Laura Citarella, Drehbuch: Laura Citarella, Laura Paredes, OmU. Kinostart: 1.Juni

El Pampero Cine ist das bekannteste Filmkollektiv des neuen argentinischen Kinos und in Europa ein Festivalliebling.

Bekannt geworden 2018 mit dem 13stündigen Film La Flor von Mariano Llinás kommt jetzt ein ebenfalls von Pampero Cine produzierter, im Vergleich dazu kurzer, vierstündiger Film in die Kinos: Trenque Lauquen von Laura Citarella.
El Pampero heißt der stürmische Südwestwind, der kühlere Luft aus Patagonien in die argentinische Pampa weht. Die Pampa, diese subtropische, bis zum Horizont reichende flache Landschaft, in Trenque Lauquen kommt sie voll zur Geltung. Wenn die Hauptdarstellerin Laura nachts allein unter dem weiten Himmel in Gummistiefeln über eine ausgedehnte Weide durch den Matsch geht, nachdem es ergiebig geregnet hat, verbinden sich in den Kamerabildern Schönheit und Mühe.
Überhaupt die Bildersprache. Hier ist nicht das repräsentative bourgeoise Argentinien mit frisch gemalten Hausfassaden im Mittelpunkt, hier sind den Häusern und den Gärten die Benutzung und die Verwitterung anzusehen. Farbe blättert ab, das Leben spielt sich zwischen Gebrauchsspuren ab. Eine Stofflichkeit des Abgewetzten, Abgenutzten nimmt die Kamera in den Fokus. Dabei wird kein Elend vorgeführt, aber eben auch keine materielle, sich auch an properem Material zeigende, geleckte Abgesichertheit vorgespielt. Die Filmsprache ist kantig, Rost und schmutziger Beton sind neben ausdrucksstarken Gesichtern und verhaltener Mimik zu sehen. Gauchos und Kuhherden kommen auch vor, aber nur am Rande, in Alltagsbildern.

Liebesbriefe
Trenque Lauquen ist eine Kreisstadt in der Provinz Buenos Aires. Hierhin kommt Laura, die fast fertig ist mit ihrem Biologiestudium, um Blumen zu erforschen, die wild in der Pampa wachsen. Der städtische Angestellte Ezequiel fährt sie durch die weite Steppenlandschaft dorthin, wo sie Proben entnimmt. Der stille, schüchterne Mann verliebt sich in Laura, die so vertieft ist in ihre Forschungsarbeit, in die Mitarbeit an einer Sendereihe im örtlichen Radio und der sich daraus entwickelnden Nachforschung nach einer Serie von geheimnisvollen, in einer Sammlung alter Bücher versteckten Liebesbriefen, dass sie dies gar nicht bemerkt – oder sie ist zu selbstbewusst, um sich um das Gefühlsleben ihres Verehrers zu kümmern.
Auf die versteckten Liebesbriefe stößt Laura, als sie in der städtischen Bücherhalle auf der Suche nach Büchern über Wissenschaftlerinnen ist, die sie im Radio vorstellen könnte. Die Bibliothekarin muss passen – bis auf dieses eine Buch, das auf Spanisch »Autobiografie einer sexuell emanzipierten Frau« heißt, von Alexandra Kollontai. Laura liest es und findet darin den ersten Liebesbrief. Sehr passend zu ihrem eigenen selbstbewussten Umgang mit Männern, aber das spielt erst später im Film eine Rolle, als ihr Verlobter Rafael aus Buenos Aires kommt und zusammen mit Ezequiel nach ihr sucht. Kreuz und quer fahren sie durch die Provinz und die Stadt Trenque Lauquen. Anlass ist ein kurzer Abschiedsbrief, den Laura unter den Scheibenwischer von Ezequiels Auto geklemmt hat: Adiós, adiós, ich geh, ich geh. Es ist ein Zitat aus dem letzten der geheimen Liebesbriefe, mit dem sich die Schreiberin von ihrem Geliebten verabschiedet.

Abschied
Der eloquente Rafael versteht die Welt nicht mehr, Laura sei wohl verrückt geworden. In Ezequiels Auto hat Laura einen Rucksack zurückgelassen, darin das Buch von Alexandra Kollontai. Rafael, ganz der Akademiker, liest es und meint, in den eigenwilligen Schilderungen der emanzipierten Kommunistin zu erkennen, was Laura vorhat: sich nicht von ihrem Verlobten entfernen, ihren eigenen Weg notfalls auch alleine gehen wollen. Der schweigsame Ezequiel widerspricht knapp, sieht Laura eher auf der Suche nach etwas, aber Rafael ist ja der offizielle Verlobte. In ihrer Unterschiedlichkeit trauern beide Männer Laura nach und verstehen sie nicht. Auf ihrer Suche treffen sie auf angenehm souveräne, starke Frauen wie die Chefin von Laura im Rathaus und Juliana, ihre Kollegin vom Radiosender. Das vertraut aufeinander bezogene Paar Elisa und Verónica, bei dem Laura vor ihrem Weggang eine Zeitlang auf dem Land lebt, lernen die beiden Männer gar nicht kennen – weil Laura sie nicht in ihr ganzes Leben einbezogen hat.
Im Radiosender spielt sich eine der schönsten Episoden des Filmes ab: Juliana spielt Ezequiel den letzten Beitrag vor, den Laura ihr hinterlassen hat – es ist eigentlich kein Beitrag, es sind Überlegungen von Laura über das Geheimnis der beiden Frauen, bei denen sie gelebt hat. Schön ist, wie Lauras nächtlicher Aufenthalt, bei dem sie im Studio die Aufnahme gemacht hat, damit ineinander montiert wird, wie Juliana und Ezequiel sich Tage später die Aufzeichnung anhören. Sie trinken aus den gleichen Tassen Matetee, sie nutzen die gleichen Kopfhörer.

Eigenwillig
Es gibt viele solch behutsam wie originell auserzählte, dabei gleichermaßen unkonventionelle Sequenzen in dem Spielfilm. Denn das Kollektiv El Pampero Cine ist angetreten, um unabhängige Filmproduktion jenseits der standardisierten kommerzialisierten Filmindustrie zu ermöglichen: absolut Low Budget, autonom von staatlicher Filmförderung und Institutionen. Es ist ein Balanceakt: Fördergelder von nichtstaatlichen Fonds werden zwar ebenso angenommen wie staatlich finanzierte Filmpreise, aber Unabhängigkeit ist oberstes Gebot, Beratung im Hinblick auf kommerzielle Verwertbarkeit wird völlig abgelehnt. Die Filmcrews sind klein, gedreht wurde vom Beginn 2002 an nur digital, nicht auf Zelluloid. Die Regisseurin von Trenque Lauquen, Laura Citarella, ist bei den anderen Filmen von El Pampero Cine eine mittlerweile sehr erfahrene Produzentin. Um ihren Lebensunterhalt zu finanzieren, arbeitet Laura Citarella auch als Unidozentin.
Trenque Lauquen ist ihr vierter Langfilm als Regisseurin. In einem Interview zu ihrem Spielfilm La Mujer de los Perros mit dem Blog filmcomment.com erklärte sie 2015 anhand der Basisaufnahme für die Tonspur, was die Unabhängigkeit für sie beim Ton bedeutet: »Produzierter Ton ist nicht demokratisch«, so Laura Citarella: »Unsere Idee bestand darin, den Ton einer Kamera zu übernehmen, um den Ton gleichmäßiger und demokratischer zu machen und Schritte mit der gleichen Lautstärke wie alle anderen Geräusche zu hören«.
Sonst wäre die Crew auch gleich größer: Jemand müsste die Tonangel halten, jemand anderes das Tonband bedienen. Laura Citarella erläuterte, dass sie bei ihrem ersten Laura-Film das erste Mal mit Kameraton gearbeitet hat. In dem 2011 gedrehten Spielfilm Ostende gewinnt Laura einen Preis: einen Aufenthalt in einem alten, abgerockten großen Strandhotel in der Provinz Buenos Aires.
Laura Citarella wählte bereits für diesen ersten Laura-Film Laura Paredes als Hauptdarstellerin. So auch jetzt in Trenque Lauquen. Sie erklärt bereitwillig auf Festivals, dass dies ein Konzept sei: Die gleiche Hauptdarstellerin, Laura Paredes, in verschiedenen Lebensphasen mit mysteriösen, rätselhaften Herausforderungen zu konfrontieren. Laura Paredes, die jetzt beim zweiten Laura-Film auch das Drehbuch zusammen mit Laura Citarella geschrieben hat, ist eine Idealbesetzung für die souverän und mit leichter Selbstverständlichkeit zu spielenden feministischen Hauptrollen in den Laura-Filmen. Klar kann sie auch Verunsicherung darstellen, aber vor allem machen die Lauras in den Laurafilmen ihr eigenes Ding. Und es macht Spaß, dabei zusehen zu können.

Print Friendly, PDF & Email
Teile diesen Beitrag:
Kommentar zu diesem Artikel hinterlassen

Spenden

Die SoZ steht online kostenlos zur Verfügung. Dahinter stehen dennoch Arbeit und Kosten. Wir bitten daher vor allem unsere regelmäßigen Leserinnen und Leser um eine Spende auf das Konto: Verein für solidarische Perspektiven, Postbank Köln, IBAN: DE07 3701 0050 0006 0395 04, BIC: PBNKDEFF


Schnupperausgabe

Ich möchte die SoZ mal in der Hand halten und bestelle eine kostenlose Probeausgabe oder ein Probeabo.