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PDF Version Artikellink per Mail  | Soz Nr. 07/2023

Die Oder hat sich nicht erholt
dokumentiert

Schon wieder sterben Fische in der Oder. Am 10.Juni holten Mitarbeiter der polnischen Wasserbehörde Body Polskie 450 Kilogramm Totfisch aus dem Gleiwitzer Kanal; schon am 20. und am 30.April waren tote Fische unterhalb der Mündung des Kanals in die Oder gemeldet worden.
Im vergangenen Sommer sind 50 Prozent der Fische, 85 Prozent der geschützten Arten und etwa 90 Prozent der Weichtiere in dem vergifteten Fluss gestorben.

Anna Moskwa, Ministerin für Klima und Umwelt, schrieb am 14.6.2023 in der Berliner Zeitung: »Wir bekämpfen die Goldalgenblüte« (nicht die Einleitung von Grubenwasser!) und erweckte den Eindruck, sie habe alles im Griff. Die deutsche Umweltministerin Steffi Lemke (Grüne) bezeichnete die Zusammenarbeit mit Polen beim Schutz der Oder als »teilweise schwierig, teilweise zäh«.
Nachstehend ein Artikel der Zeitung Polityka vom 11.4.2023.

Es dauert viele Jahre, bis sich Arten regenerieren. Die Fische, die damals tot aus dem Wasser gezogen wurden, stellten nur einen kleinen Teil der toten Masse dar. Der Rest sank auf den Grund und zersetzte sich, wodurch günstige Bedingungen für das Gedeihen unerwünschter Organismen geschaffen wurden. »Es wird warm werden, der Stoffwechsel wird sich beschleunigen und es wird zur Blütenbildung kommen«, zeichnen Wissenschaftler das Szenario.
Der Sinn eines schnellen Fischbesatzes im Fluss ist fraglich. »Die Fische brauchen eine Nahrungsgrundlage, die sie derzeit nicht haben«, sagt Prof. Czerniawski. »Wenn wir jetzt aufstocken, besteht ein 50prozentiges Risiko, dass wir Geld verschwenden. Wir wissen, dass Abwässer eingeführt werden. Die Oder ist eine Kloake in einem stabilen, aber kritischen Zustand.«
Bogdan Wziatek, Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats des polnischen Anglerverbands, sagt über den Gleiwitzer Kanal, der zur Oder führt: »Wir haben natürlich angenommen, dass die Situation nicht rosig ist. Der Kanal wird mit Wasser unterschiedlicher Herkunft aus Teilen Schlesiens gespeist, so dass man kaum erwarten kann, dass das Wasser darin kristallklar ist. Leider haben die Testergebnisse gezeigt, dass es nicht schlecht ist, sondern einfach nur tragisch. Der Abschnitt des Kanals, in dem die Proben genommen wurden, ist im Prinzip kein Oberflächenwasser mehr, sondern reines Grubenwasser.«

Grubenwasser
Bergbau unter Tage kann nicht funktionieren, ohne große Mengen Wasser abzupumpen. Je tiefer ein Bergmann abbaut, desto salziger wird es. Man schätzt, dass ein Drittel des Salzes in der Oder und zwei Drittel in der Weichsel landen. Lukasz Weber, Spezialist für Umwelttechnik, kam zu dem Ergebnis, dass der Fluss zwischen dem 16.Oktober und dem 9.November 2022 zusätzlich 6000 Tonnen Salz (Chloride und Sulfate) pro Tag transportierte. Das sind 120 Kohlewaggons mit einer Kapazität von 50 Tonnen, über 140000 Tonnen Salz in 24 Tagen.
Der Transport dieser Millionen Tonnen Salz pro Jahr ist eine Schuld des Bergbaus gegenüber den Flüssen. »Bis Krakau ist die Weichsel so salzig, dass ihr Wasser unbrauchbar ist«, berichtet der Hydrologe Mariusz Czop, Professor an der Krakauer Universität für Wissenschaft und Technik AGH. »Besser wird es erst, wenn sie mit dem San zusammenfließt, der das Wasser der Weichsel verdünnt.«
Nur ein Bergwerk in Polen nutzt eine Entsalzungsanlage. Sie gehört der Jastrzebska Spoolka Weglowa (JSW), die Kokskohle abbaut. Sie wurde in den 1990er Jahren mit amerikanischer und schwedischer Technologie modernisiert. Anstatt in den Fluss Bierawka zu gelangen, werden hier jährlich etwa 70000 Tonnen hochwertiges Speisesalz gewonnen. Krzysztof Baradziej, Präses der zu JSW gehörenden Wasserwirtschafts- und Rekultivierungsgesellschaft, macht keinen Hehl daraus, dass die Erlöse aus dem Salz nicht einmal die Kosten für den im Entsalzungsprozess verwendeten Strom decken.
So etwas gibt es sonst nirgendwo in Europa, denn Europa hat aus Kostengründen Zechen geschlossen, Polen aber hat immer noch Probleme damit.
Krzysztof Berbeka, Professor an der Jagiellonen-Universität, der seit Jahren die Wirksamkeit des Umweltgebührensystems analysiert, räumt ein, dass die derzeitigen Strafsätze für Chloride und Sulfate so niedrig sind, wie sie niedriger nicht sein könnten. Sie sind einfach nur symbolisch. Außerdem wurden sie gegenüber den Zechen nicht durchgesetzt und gelten nach fünf Jahren als verjährt.
Es gibt keine Bereitschaft, der Oder zu helfen und die Weichsel zu schützen. Die Regierungsstellen tun alles, um die Angelegenheit zu verschleppen. Man will abwarten, das Problem verschleiern. Einen Notfallplan für den Fall einer toxischen Algenblüte im Jahr 2023 gibt es nicht.

Wir entnehmen den Artikel der Polnischen Presseschau Nr.194, die Norbert Kollenda regelmäßig auf die Webseite der SoZ stellt.

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