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PDF Version Artikellink per Mail  | Soz Nr. 07/2023

Von der Eifler Bauerntochter zur Professorin – eine beispiellose Karriere
von Irene Franken, Januar 2021

Maria Mies entwickelte Grundlagendiskurse zur Frauenforschung und beschäftigte sich besonders mit den Arbeitsbedingungen der Frauen des Südens. Sie war eine der bekanntesten und international am besten vernetzten Kritikerinnen der Globalisierung.

Maria Mies wurde am 6.Februar 1931 in der Vulkaneifel geboren, als siebtes von zwölf Kindern. Sie war sehr wissbegierig und schaffte als erste ihres Dorfes den Besuch einer höheren Schule. Sie wurde zunächst – auf Umwegen – Lehrerin für Englisch und Deutsch, dann wurde ihr das Umfeld zu eng und sie zog in die Welt. Die Anregungen aus ihrer agrarisch geprägten Kindheit nahm sie jedoch immer mit, u.a. später in ihrer Theorie der Subsistenzperspektive oder in den Titel ihrer Autobiografie, Das Dorf und die Welt.
Freiheitsliebe und Abenteuerlust führten die junge Lehrerin in den 60er Jahren fünf Jahre lang an ein Goethe-Institut im indischen Pune (früher Poona). Dort unterrichtete sie junge Inder:innen in der deutschen Sprache – und machte erste soziologische Beobachtungen, wie sie in ihrer Autobiografie schildert:
»Als ich nach Indien ging, war ich noch total unpolitisch. Im Goethe-Institut in Pune traf ich nicht nur Männer, sondern auch Frauen, die Deutsch lernen wollten. Was bezweckten die Frauen damit, fragte ich mich. Eine indische Professorin für Anthropologie hat mir vorgeschlagen, eine Umfrage durchzuführen, was ich zuvor noch nie gemacht hatte. Das Ergebnis des Fragebogens ›Why German?‹, also ›Warum Deutsch?‹, war wie erwartet, was die Männer betraf: Sie gehen nach Deutschland, um Ingenieure zu werden. Aber die Frauen hatten ganz unterschiedliche Beweggründe. Die meisten wollten die eigene Heirat hin­ausschieben, also im Klartext: nicht verheiratet werden. Das waren Mittelklassefrauen. Sie durften bis zum Bachelor studieren, dann mussten sie heiraten … Da ist mir erst einmal klargeworden, was Patriarchat bedeutet. Nicht über theoretische Studien, sondern über Praxis und Erfahrung. Und das ist meine Methode geblieben bis zum heutigen Tag.«
Zurück in Deutschland ging sie an die Kölner Universität und forschte bei dem Soziologen René König zum Patriarchat in Indien und Deutschland. Ihre Dissertation von 1971 wurde 1973 veröffentlicht unter dem ­Titel Indische Frauen zwischen Patriarchat und Chancengleichheit. Rollenkonflikte studierender und berufstätiger Frauen.
Sie war auch politisch aktiv. Zunächst beteiligte sie sich an mehreren Kölner Nachtgebeten in der Antoniterkirche, einer progressiven Form des politisch aufklärenden Gottesdienstes. »Eine Freundin hatte mich zu der Nachtgebetsgruppe mitgenommen und ich beschloss, dort mitzumachen. Ich war Studentin und trotz meiner Religionskritik noch in der Kirche«, heißt es in ihrer Autobiografie. »Ich wollte diese patriarchalischen Strukturen in einem Politischen Nachtgebet darstellen, kritisieren und zu Veränderungen aufrufen.« Schon damals hatte sie die Abwertung der Frauenarbeit im Blick: »Der Kern unserer Kritik galt der üblichen familialen Arbeitsteilung: Der Mann ist der ›Ernährer‹, der das Geld verdient. Die Arbeit der Hausfrau zählt nicht.«

Lehrtätigkeit
Im Anschluss an den Abend, der wegen des Andrangs sofort wiederholt wurde, gründeten sich in Köln VHS-Kurse zu der Thematik, die über Jahrzehnte fortgeführt wurden, sie wurden für unzählige Frauen zum Auslöser von Emanzipationsprozessen. Und es bildete sich die erste lokale Frauengruppe der neuen Frauenbewegung, das Frauenforum Köln e.V.
Ab 1974 übernahm Maria Mies Lehraufträge an der Universität Frankfurt und an der Fachhochschule Köln für Sozialpädagogik; dabei wandte sich zunehmend feministischen Inhalten zu. Die 1.Internationale UN-Frauenkonferenz in Mexiko 1975 hatte ihr weitere Erkenntnisse und Fragen verschafft. Sie stellte fest, dass sie kaum etwas über die »alte« Frauenbewegung in Europa, geschweige denn über die Bewegungen in anderen Teilen der Welt wusste, und dass sie dies auch ihren überwiegend weiblichen Studierenden nicht vermitteln konnte. Um dem abzuhelfen, richtete sie Frauenseminare an der Fachhochschule ein.
»Da war vor allem die Erfahrung der Gewalt: Um diese Zeit war von Erin Pizzey das erste Haus für geprügelte Frauen im Londoner Stadtteil Chiswick errichtet worden. Die Studentinnen beschlossen, auch in Köln ein Haus für geschlagene Frauen zu gründen.« So war Maria Mies eine der »Hebammen« des ersten Hauses für geschlagene Frauen, das aus der autonomen Frauenbewegung heraus entstand (vorher gab es erst eines des Berliner Senats).
1978 veröffentlichte sie ihren vielleicht meist rezipierten Text Postulate der Frauenforschung, der im deutschsprachigen Raum direkt großes Aufsehen erregte: Die Verfasserin verlangte nicht nur, den »subjektiven Faktor« der Forschenden offen zu legen, sondern sie forderte Parteilichkeit für Frauen, was gegen das Dogma der (vermeintlichen) wissenschaftlichen Objektivität verstieß. Nicht alle Wissenschaftlerinnen folgten ihr.

Die Hausarbeit
Als Marx-Kritikerin betrachtete Maria Mies Hausarbeit als Basis des Kapitalismus, im Gegensatz zu Marx, der die Lohnarbeit als Basis ansah. Daher folgte sie teilweise Rosa Luxemburg in deren ökonomischen Abhandlungen, erweiterte diese jedoch um Thesen zur Unterbewertung der Haus- bzw. Reproduktionsarbeit.
Die sichtbare Lohnarbeit sei weiß, männlich und in den Ländern des Nordens durch Arbeitsverträge geregelt, so Mies. Nur diese käme in den Berechnungen des Bruttosozialprodukts vor. Darunter läge wie bei einem Eisberg der Hauptteil unsichtbarer Arbeit von weißen und schwarzen Frauen (auch in der Prostitution) und auch bei Männern in sog. McJobs.
Unsichtbar sei des weiteren die Arbeit in der sog. Subsistenzwirtschaft durch Bäuerinnen/Bauern, die ihre Landwirtschaft zum eigenen Erhalt betrieben (Kleinbauern) oder durch kleine Handwerker:innen, die für den lokalen Markt arbeiten, sodann durch Kolonialisierte.
Mies entwickelte die These der Hausfrauisierung der Arbeit, die sie später in der Zeit der neoliberalen Globalisierung auf die Männer ausweitete, da auch sie immer weniger auf geschützte Beschäftigungsverhältnisse zählen könnten. Eines ihrer bekanntesten Bücher ist der Sammelband Frauen, die letzte Kolonie. Zur Hausfrauisierung der Arbeit (1983), das sie mit den sog. Bielefelderinnen (V.Bennholdt-Thomsen und C. von Werlhof) herausgab.
Nochmals ging sie nach Indien, produzierte eine beeindruckende Studie über Spitzen-Arbeiterinnen, in der sie darlegte, wie durch Entzug der Kenntnisse und Aufträge von Häkelmotiven eine erhöhte Ausbeutung der Frauen möglich war: Sie konnten nur noch einzelne kleine Rosetten häkeln und diese selbst nicht mehr verkaufen. Nach langer Fernbeziehung heiratete sie den indischen Wissenschaftler Saral Sarkar, der seit 1982 mit ihr in Deutschland lebt.
Ihre Forschungsschwerpunkte waren nun Landfrauen in der (wie es damals hieß) Ersten und Dritten Welt, Kapitalismus und Subsistenz, Gentechnik und immer wieder Alternativen zur globalisierten Wirtschaft. Sie publizierte feministische, ökologische und entwicklungspolitische Bücher, die auch ins Englische übersetzt wurden und weltweit Beachtung fanden. Sie folgerte, gerade von den Frauen müsse die Frage kommen, welche Wirtschaft und welche Gesellschaft wir wollten: »Was ist möglich auf einem begrenzten Planeten?«

Ökofeminismus
Maria Mies nahm heutige Diskurse wie »Es gibt keinen Planeten B« vorweg, forderte ein Zurückfahren des Konsums – heute wird diese Bewegung Degrowth genannt, Schrumpfen. »Wir sind der Überzeugung, dass die gemeinsamen Werte einer Postwachstumsgesellschaft Achtsamkeit, Solidarität und Kooperation sein sollten. Die Menschheit muss sich als Teil des planetarischen Ökosystems begreifen.«
Sie verstand Subsistenzwirtschaft nicht als Zurück ins Mittelalter, sondern als das Verfolgen eines anderen Ziels beim Wirtschaften: die Wiederherstellung des Lebens; die Grenzen der Natur, auch der eigenen Körperlichkeit, erkennen; Nahrungsproduktion vor Industrieproduktion; den Wachstumswahn beenden; Fülle und Vielfalt statt Monokultur; lokales Wirtschaften; Gemeingut- und Allmenden-Denken hochschätzen; die Verhinderung der Privatisierung von Wasser usf.
Ab den 80er Jahren hat Maria Mies zur internationalen Vernetzung der globalisierungskritischen Bewegung beigetragen. Sie gründete in Deutschland das Komitee Widerstand gegen das MAI (Multilateral Agreement on Investment) mit, das die bundesdeutsche Öffentlichkeit erstmals über länderübergreifende privatwirtschaftliche, heuschreckenfreundliche Abkommen informierte, die die Absenkung aller Standards für Beschäftigte und Umwelt beinhalteten und zu deren Verarmung bzw. Zerstörung führen würden. Mies gebrauchte auch früh den Begriff des Guten Lebens – heute gibt es in Kölner Stadtteilen den Tag des guten Lebens!
Auch nach ihrer Emeritierung blieb Maria Mies noch lange in der feministischen und globalisierungskritischen Bewegung, z.B. bei Attac Köln, feminist attac etc., aktiv. Jedoch ging sie den Weg des gender mainstream­ing nicht mit: »Ich bin gegen diese Gleichstellungspolitik. Mit dem, was Männer heutzutage im kapitalistischen Patriarchat machen, will ich nicht gleichgestellt werden … Was geändert werden müsste, ist dieses ganze Bild, die ganze Vorstellung und die ganze Weltanschauung, die den idealen Menschen im Mann sieht. Und das ist eine uralte Geschichte. Das hat nicht jetzt erst angefangen.«

Quelle:
www.frauengeschichtsverein.de/, mit freundlicher Genehmigung, von der Redaktion leicht gekürzt.

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