Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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PDF Version Artikellink per Mail  | Soz Nr. 09/2023

Formen gesellschaftlicher Arbeit und Klassenpolitik (VI – abstrakte und konkrete Arbeit)
von Ingo Schmidt

Vor dem Gesetz von Angebot und Nachfrage sind alle gleich. Trotzdem haben viele das Gefühl, übers Ohr gehauen zu werden. Dass die unsichtbare Hand des Marktes keinesfalls allen die gleichen Rechte und Chancen einräumt, ihr Leben nach eigenem Gutdünken zu gestalten. Dass Bibelwort gilt immer noch: Wer hat, dem wird gegeben; wer aber nicht hat, dem wird, was er hat, auch noch genommen.

Marx hat im Kapital erklärt, weshalb legale Freiheit und Gleichheit, wo sie gegen feudale Privilegien, Leibeigenschaft oder Sklaverei erkämpft wurden, die Ausbeutung nicht aufhebt, wenn die Produktionsmittel das Privateigentum einiger weniger sind und alle anderen ihre Arbeitskraft verkaufen müssen, um notwendige Lebensmittel zu kaufen – natürlich von den Privateigentümern, die neben den Produktions- auch über die Distributionsmittel verfügen.
Aber diese Form der Ausbeutung ist unsichtbar, weil Käufer und Verkäufer der Ware Arbeitskraft auf dem Markt gleiche Rechte haben und frei sind, einen Vertrag abzuschließen oder nicht. Dass es nur zum Vertragsabschluss kommt, wenn die Käufer von der Beschäftigung der gekauften Arbeitskraft die Produktion eines Mehrwerts erwarten und den Arbeitsvertrag kündigen, wenn diese Erwartung enttäuscht wird, ist den legalen Beziehungen zwischen Käufern und Verkäufern nicht anzusehen. Marx hat diese unsichtbare Form kapitalistischer Ausbeutung analytisch nachgewiesen und damit den unter Verkäufern der Arbeitskraft verbreiteten Eindruck des übers Ohr gehauen Werdens bestätigt.

Mit Marx
Marx’ Analyse fußte auf einer theoretischen Kritik der politischen Ökonomie und auf empirischen Studien zu Arbeitsprozessen im aufkommenden Industriekapitalismus. Sie wurde von unzähligen Aktivisten genutzt, um sich und andere über ihre Lage aufzuklären und Bewegungen zur Besserung oder Überwindung zu organisieren. So wurden marxistische Ideen zur materiellen Gewalt. Nicht zuletzt, weil sie über Marx’ Analysen hinaus erweitert wurden.
In den antikolonialen Bewegungen des 20.Jahrhunderts spielte Lenins Imperialismustheorie eine größere Rolle als Marx’ Analysen des Fabrikregimes des 19.Jahrhunderts. Kapitalismus und Imperialismus haben sich seither drastisch gewandelt, nicht zuletzt sind industrielle Produktionsprozesse und Beschäftigungsverhältnisse – nicht unähnlich denen, die Marx im Kapital beschrieben hat – in einigen Regionen des postkolonialen Südens aufgetaucht, die zu Lebzeiten Lenins noch ganz auf die Lieferung von Primärgütern spezialisiert waren. Trotzdem entspricht die Welt von heute mehr dem von Marx gezeichneten Bild des Kapitalismus als zu seinen Lebzeiten, als kapitalistische Produktionsverhältnisse im globalen Maßstab eine Seltenheit und selbst in den Kernländern des Kapitalismus alles andere als vollständig durchgesetzt waren.
Angesichts dessen sollte man annehmen, dass marxistische Ideen auch heute ein Instrumentarium zur Formulierung gemeinsamer Interessen und Strategien bieten. Das ist aber selten der Fall. Der Marxismus hat sich in Zirkel und Nischen des Wissenschaftsbetriebs zurückgezogen. Die einen sind hauptsächlich mit Traditionspflege beschäftigt, die anderen suchen Anschluss an die Diskurse ihrer nichtmarxistischen Kollegen, um ihre prekäre Stellung zu behaupten. Für notwendige Updates sozialistischer Theorie und Praxis bleibt in beiden Fällen wenig Zeit.

Gegen Marx
Der Mehrheit derer, die sich heute als links bezeichnen, wissen eines ganz genau: Mit Marx darf man ihnen nicht kommen. Mit Lenin schon gar nicht. Wegbereiter des Totalitarismus, Wachstumsfetischisten, Ökonomisten, blind für Diskriminierung nach Rasse und Geschlecht heißt es da. Damit zeigen die Anti- und manchmal Postmarxisten, dass sie den theoretischen und praktischen Ausgangspunkt des marxistischen Sozialismus nicht zur Kenntnis genommen haben. Dem geht es nicht darum, eine Welt auszumalen, wie sie sein sollte. Und nur teilweise um die Beschreibung der elenden Lage der arbeitenden Klassen. Sondern zuallererst darum, innerhalb dieser Klassen das Verständnis ihres Elends und das Selbstvertrauen zu dessen Überwindung zu fördern.
Die Kritik der politischen Ökonomie ist eine immanente Kritik. Sie blickt hinter den Gleichheits- und Freiheitsschein des Marktgeschehens, zeigt wie lebendige Arbeitskraft unter das Kapital subsumiert, ausgebeutet und zwecks Vergleichbarkeit der von ihr produzierten Waren auf abstrakte Arbeit reduziert wird. Nicht weil Marx Arbeit und Arbeitskraft so sieht, sondern weil die kapitalistischen Produktionsverhältnisse Kapitalisten dazu zwingen, sie so behandeln.
Entsprechend werden Rasse und Geschlecht nur insofern behandelt, als die damit verbundenen Diskriminierungen es dem Kapital erlauben, verschiedene Gruppen von Arbeitern gegeneinander auszuspielen und so den durchschnittlichen Wert der Ware Arbeitskraft zu senken. Es ist der Standpunkt des Kapitals, dass nichtkapitalistischen Milieus selbstverständlich zur Erschließung neuer Märkte und der Beschaffung von Primärgütern und Arbeitskräften zur Verfügung stehen sollen. Marx unterstellt daher im Kapital eine vollständig von der kapitalistischen Produktionsweise durchdrungene Gesellschaft.
Dass die Akkumulation des Kapitals von der fortschreitenden Expansion in nichtkapitalistische Milieus abhängt, deren vollständige Durchdringung aber zu fehlender Nachfrage und Stagnation führen würde, hat Rosa Luxemburg hinreichend deutlich gemacht. Und damit einen analytischen Rahmen geschaffen, in dem die Kämpfe gegen die Kolonisierung von den Haushalten in den Metropolen des Kapitalismus bis zu den Subsistenzlandwirtschaften der Peripherien verstanden und in strategische Überlegungen einbezogen werden können. Nicht nur Lohnarbeiter stehen in Opposition zum Kapital, sondern auch Menschen, die dem Kapital noch nicht subsumiert sind.

Totalitarismus
Nicht so leicht von der Hand zu weisen ist der Totalitarismusvorwurf. Nicht weil die Marxsche, oder schon die Hegelsche Theorie notwendig zum Totalitarismus führen würde. Sondern weil der große Sozialismusversuch des 20.Jahrhunderts zu Partei- und Bürokratenherrschaft, zeitweilig auch zu Terror geführt und Masseninitiativen von unten erstickt hat. Bis der Staat gewordene Sozialismus an seinen eigenen Widersprüchen zusammengebrochen ist. Dieser Geschichte müssen sich Marxisten stellen. Ehemalige Befürworter, weil sie an der Tragödie mitgewirkt haben. Dissidenten, weil sie die Tragödie nicht verhindern konnten.
Dabei geht es nicht darum, mit der Geschichte abzuschließen, sondern für künftige Sozialismusversuche zu lernen. Nur so ist der zur materiellen Gewalt gewordene Glaube, dass es zum Kapitalismus keine Alternative gäbe, zu überwinden. Nur so lässt sich aus den Niederlagen und Fehlern der Vergangenheit eine konkrete Utopie sozialistischer Möglichkeiten entwickeln, an der eine ebenfalls noch zu entwickelnde Klassenpolitik sich orientieren kann.
Neben der selbstkritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte bedarf sozialistische Klassenpolitik einer erneuerten Kritik der politischen, vielleicht sollte man heute sagen: neoliberalen, Ökonomie, einer Kritik der abstrakten Arbeit und die Organisierung der konkrete Arbeit leistenden Hände in ihrer ganzen Vielfalt.

Kritik und Organisation
Dabei geht es nicht um die (Selbst-)Vergewisserung, dass die von Marx entdeckten Bewegungsgesetze auch noch Gültigkeit haben, sondern um das Aufdecken der Formen, in denen diese Gesetze sich heute durchsetzen. Heute muss die Kritik an Friedman, Hayek und Schumpeter ansetzen. Zu lange haben sich Marxisten darauf zurückgezogen, (neo)liberale Ökonomen als »bezahlte Klopffechter der Bourgeoisie« zu titulieren, und angenommen, von (neo)liberalen Ökonomen sei nichts als Apologetik zu erwarten.
Sie haben nicht gemerkt, dass das sozialistische Projekt, an dem sie beteiligt waren, eine tatsächliche Herausforderung der Bourgeoisie darstellte, die nun wirkungsmächtige Gegenmittel schuf. Keynesianer und Neoliberale haben nicht nur Massenideologien produziert, sondern auch Handlungsanleitungen zur Eindämmung und Zurückdrängung des Sozialismus. Die daran orientierte Klassenpolitik von oben hatte durchschlagenden Erfolg.
Von links fehlt nun ein neues Angebot. Dieses könnte in der Schaffung von Räumen bestehen, in denen diejenigen, die konkrete Arbeit verrichten, ihre Erfahrungen, Ängste und Sehnsüchte austauschen, ihr gedankliches Eingebundensein in die neoliberale Gedankenwelt zu durchschauen und abzuschütteln lernen und sich dadurch zur Formulierung von Ansprüchen und Strategien befähigen. Dabei wird die Kritik der neoliberalen Ökonomie eine wichtige Rolle spielen, weil diese zur dominanten Denkform im Alltag geworden ist. Eine Art Totalitarismus des Marktes, der nur die verwertbare abstrakte Arbeit kennt.
Aber auch die Anerkennung der Vielfalt der konkreten Arbeit spielt für die Erneuerung sozialistischer Klassenpolitik eine wichtige Rolle. Dann wird eine Vielzahl verschiedener Gruppen arbeitender Hände sichtbar – verschieden nach Tätigkeit, Ausbildung, kulturellem und nationalem Hintergrund, Geschlecht. Eher eine Multitude als eine Klasse. Letztere wird erst im Zuge kollektiver Lern- und Organisierungsprozesse entstehen und dabei eine eigene Stimme entwickeln.

Ingo Schmidt ist marxistischer Ökonom und lebt in Kanada und in Deutschland.

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