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PDF Version Artikellink per Mail  | Soz Nr. 12/2023

Die CO2-Produktion wird noch kräftig gesteigert
von Hanno Raußendorf

Vom 30.November bis zum 12.Dezember findet in Dubai die 28.Weltklimakonferenz (Conference of the Parties, COP 28) statt. Der Gastgeber, die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), haben 2022 pro Tag rund 4 Millionen Barrel Erdöl gefördert. Ihre Hauptstadt Dubai ist synonym mit umweltzerstörenden Megaprojekten und rücksichtslosem, verschwenderischen Luxus, Refugium der Reichen und Superreichen dieser Welt – kein gut gewählter Tagungsort.

In Dubai soll zum erstenmal eine globale Bestandsaufnahme des Pariser Klimaabkommens erhoben werden. Sie soll, beginnend mit COP 28, alle fünf Jahre den weltweiten Fortschritt beim Klimaschutz überprüfen. Acht Jahre nach Abschluss des Übereinkommens von Paris (COP 21) sieht die Bilanz allerdings ernüchternd aus.
Die Erwärmung der Atmosphäre sollte deutlich unter 2 Grad, möglichst auf 1,5 Grad begrenzt werden. Inzwischen scheint es kaum noch möglich, letzteres Ziel zu erreichen. Die durchschnittlichen Temperaturen lagen 2023 bisher bei 1,4 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau. Das 2-Grad-Ziel wird gerade verspielt.
»So schnell wie möglich« sollte auch der Höhepunkt der CO2-Emissionen erreicht werden. Doch nach wie vor beschleunigt sich das Tempo, mit dem die CO2-Konzentration in unserer Atmosphäre zunimmt. Lediglich die Kurve dieser Beschleunigung hat sich abgeflacht. Das mag unter weltweiten kapitalistischen Vorzeichen »so schnell wie möglich« sein, so schnell wie nötig ist es sicher nicht.
Bislang besteht nicht mal Einigkeit über den globalen Ausstieg aus den fossilen Energieträgern.
Zum Beispiel will Sultan Al Jaber, Präsident der COP 28 und Chef der staatlichen Ölgesellschaft der VAE, nur »aus den Emissionen aussteigen«, unter anderem dadurch, dass CO2 abgeschieden und unterirdisch gespeichert wird (CCS – Carbon Capture and Storage). Ein sehr umstrittenes Verfahren, dessen Tauglichkeit bislang noch völlig ungesichert ist.
Er steht mit dieser Haltung offensichtlich nicht allein: Ein kürzlich veröffentlichter UN-Bericht (Production Gap Report 2023) zeigt auf, dass nach den Planungen von Regierungen weltweit im Jahr 2030 69 Prozent mehr fossile Brennstoffe gefördert werden sollen, als mit einer Begrenzung der Erwärmung auf 2 °C vereinbar ist. Bis 2050 liegt die geplante Produktion gar um 150 Prozent über diesem Niveau.
UN-Generalsekretär António Guterres dazu: »Mit anderen Worten: Die Regierungen intensivieren buchstäblich die Produktion fossiler Brennstoffe, und das bedeutet doppeltes Leid für die Menschen und den Planeten.« Die bevorstehende Konferenz in Dubai müsse deshalb dringend den globalen Ausstieg aus den Fossilen beschließen. Ob sie die Kraft dazu findet, muss bezweifelt werden. Entscheidungen dürfen nur einstimmig getroffen werden.
In Dubai wird außerdem über globale Ausbauziele für die erneuerbaren Energien diskutiert werden. Die Internationale Agentur für erneuerbare Energien (IRENA) rechnet vor, dass die regenerativen Kapazitäten bis 2030 mindestens verdreifacht werden müssen. Das Ziel teilt selbst Konferenzpräsident Al Jaber.
Ein weiteres Thema: 100 Milliarden Dollar jährlich sollten die alten Industriestaaten schon seit 2020 aus öffentlichen wie privaten Quellen zur Verfügung stellen, um vom Klimawandel bedrohte Regionen im globalen Süden abzusichern und ihre Energieversorgung umzustellen. Dies wurde bereits 2009 auf der COP 15 in Kopenhagen beschlossen und dann im Übereinkommen von Paris bekräftigt. Letztes Jahr hat COP 27 die Einrichtung eines solchen Fonds endlich auf den Weg gebracht. In Dubai soll er nun beschlossen werden.
Aus seinen Mitteln soll denjenigen Ländern geholfen werden, die am wenigsten zur Klimakatastrophe beigetragen haben, aber heute schon am stärksten unter ihren Folgen leiden. Darüber, ob die vorgesehenen Mittel auch zusammenkommen, gibt es unterschiedliche Aussagen, denn zugesagte Mittel sind nach aller Erfahrung etwas ganz anderes als hinterher tatsächlich geleistete. Es bleibt außerdem zu hoffen, dass hier nicht ein weiteres Instrument neokolonialer Gängelung entsteht.
Betrachtet man den internationalen Klimaprozess, so oszillieren die Gefühle schnell zwischen Wut und Resignation. Fortschritte gibt es nur im Zeitlupentempo. Beschlüsse kommen viel zu spät und anschließend hapert es am Willen zur entschlossenen Umsetzung. Längst haben sich die jährlichen Konferenzen selbst zu einer nennenswerten CO2-Quelle entwickelt. Letztes Jahr sind 40000 Menschen aus der ganzen Welt nach Sharm El Sheikh angereist. Dieses Jahr haben auch Großbritanniens König Charles und Papst Franziskus ihr Kommen angekündigt. Schlimmer als diese jährlichen Massenspektakel wäre nur, wenn der internationale Klimaprozess gänzlich zum Erliegen käme.

Der Autor ist klimapolitischer Sprecher der Linksfraktion im Rat der Stadt Bonn.

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