Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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PDF Version Artikellink per Mail  | Soz Nr. 12/2023

Dämonisierung, Enthumanisierung und Kriminalisierung arabischer Existenz in Deutschland
Gespräch mit Mohammad Abu Hajar

Mohammad Abu Hajar floh vor neun Jahren aus Syrien nach Deutschland. Dort war er Mitglied der Kommunistischen Partei. Nun schreibt er eine Dissertation in Politischer Ökonomie.

Mohammad Abu Hajar nimmt seit dem 7.Oktober regelmäßig an den Demonstrationen in Berlin und Kassel teil. Violetta Bock sprach mit ihm über die arabische Community, den antikolonialen Widerstand, fehlende Solidarität und Unterdrückung und Unterdrückte.

Wie geht es dir angesichts der aktuellen Situation?

Ich fühle mich sehr unter Druck und ängstlich. Selbst als ich in Syrien im Gefängnis war, hatte ich immer klar, was ich tun kann oder was notwendig ist. Jetzt fühle ich mich sehr hilflos.

Global befinden wir uns in einer Zeit wachsender Spannungen, die Polarisierung nimmt schnell zu. Wir konnten das in der Ukraine sehen, in den westafrikanischen Ländern und jetzt in Palästina. Der Kapitalismus ist in einer Krise. Marxist:innen wissen, die einzige Lösung, die ihm bleibt, heißt Krieg. Die Zukunft ist düster und ungewiss.

Und dann ist da der Mangel an Solidarität, der sich in Deutschland sehr deutlich zeigt. Die Fähigkeit der Internationalen ist mehr als in Frage gestellt. Im Moment gibt es so etwas nicht. Sie ist nicht aktiviert. Ich bin so enttäuscht über die Mehrheit der weißen Linken in Deutschland, weil es scheint sie haben uns völlig verlassen. Es ist, als würde die deutsche Linke Befehle des Staates annehmen. Das geht bis zum Level, dass ich zu manchen Freunden aus der Antifa sage, ruht euch aus, die Polizei macht gerade euren Job. Die Polizei setzt die Positionen eines Diskurs durch, bei dem die Antifa Teil davon ist. Wir sahen zahlreiche Gewerkschaften, die ihre Solidarität mit den Unterdrückern in Palästina erklärt haben, was auf ein sehr erschreckendes Begriffsverständnis von internationaler Solidarität hinweist. Die Kluft zwischen dem Norden und dem Süden ist nicht nur akademisch, wie sie in den letzten 20 Jahren theoretisiert wurde, sondern hat sehr klare Formen angenommen. Bei den Protesten in Berlin sieht man Repräsentation aus allen Regionen des Globalen Südens, aber das Fehlen westlicher Gruppen oder Institutionen. Es gibt ein paar Flaggen von deutschen linken Gruppen, aber in der Masse sind sie nicht sichtbar. Im Gegenteil sieht man mehr veröffentlichte Deklarationen und Statements Seite an Seite mit dem Staat. Das ist sehr beängstigend, weil wir eine der Grundlagen der marxistischen Identität verlieren.

Wie sind die Demonstrationen in Berlin? Was ist die gemeinsame Basis?

Es gibt einen sehr großen gemeinsamen Grundkonsens. Hauptziel ist die Demonstrationen so groß wie möglich und innerhalb des legalen Rahmens in Deutschland zu halten. Letzteres ist gerade eine sehr große Herausforderung. Denn es ist der Polizei überlassen diesen jeweils zu definieren. Sobald jemand auf arabisch spricht, zwingen sie die Organisatoren zur Übersetzung. Das übt einen großen Druck aus, weil die Organisatoren nicht die Kapazität haben, ständig für die Polizei da zu sein. Aber auch aus revolutionärer Sicht ist das ein Problem. Es wird so wahrgenommen, dass die Organisatoren der Polizei die Arbeit erleichtern. Es gibt berechtigte Kritik daran, dass die Organisatoren uns sagen, was wir zu sagen haben, und nicht die Polizei. Und jede Woche schränkt die Polizei die Bereiche ein, in denen wir unsere Wut ausleben können. Jede Woche gibt es zwei oder drei Slogans, die zusätzlich verboten werden. Es gibt schon den Witz, dass Ende des Monats nur noch "Danke Deutschland" erlaubt sein wird.

Das Ziel des Staates scheint zu sein, durch schrittweise Einschränkungen die Reaktion zu domestizieren. Es scheint, als ob unsere Gefühle an einen Ort führen, von dem es kein zurück gibt. Es ist nicht nur eine momentane Reaktion und jeder wird wieder herunterkommen. Der einzige Weg, wie wir wieder runterkommen, ist der, dass wir ein Ende des Völkermordes sehen. Wenn er noch andauert, sehen wir immer noch, dass unser Volk stirbt. Wir kennen Menschen, die ihr Leben verlieren, gerade jetzt in Gaza. Wir werden uns nicht beruhigen. Diese Spannung innerhalb Deutschlands ist ein Spiegelbild der globalen Spannungen, aber hier besonders polarisiert.

Ein Freund von mir, dessen Eltern Holocaust-Überlebende waren, sprach zu mir einmal von seiner Angst vor den Deutschen. Denn als Hitler sagte, dass sie die Juden töten sollen, hätten sie es sehr ernst genommen und nicht hinterfragt. Sie hätten die Befehle sofort befolgt. Das erzählte er mir, als Merkel Kanzlerin war und für die Mülltrennung warb. Und alle haben es so ernst genommen und umgesetzt. So nehme ich Deutschland im Moment wahr. In diesem Moment verstecken sich alle hinter dem Staat. Sie haben ihre Gefühle und unverarbeitete Geschichte. Aus meiner Sicht ist sie nicht verarbeitet, ganz egal wie viel sie von Entnazifizierung sprechen. Ich denke nicht, dass das wirklich passiert ist. Und wir sehen jetzt die Auswirkungen davon. Auf einer Demonstration für Palästina kam ein weißer Deutscher und machte den Hitlergruß. Er beleidigte die Demonstranten. Die Polizei verhaftete Menschen aus dem Protest und nicht den Nazi. Das wirkt auf mich wie ein konsolidiertes Deutschland, ganz egal, woher man kommt, ob von links oder von rechts, ob Nazis oder Antifa. Es scheint wie eine vereinigte Front und die Zielscheibe jetzt gerade sind arabische Menschen.

Eine der ersten Lehren, die Deutschland und der Westen versuchen uns beizubringen, ist, dass unsere Leben wertlos seien. In dem Moment, als Israelis starben, wurden viele auf der Welt aktiv, um etwas zu tun, zum Teil symbolische Lichter wie am Eifelturm. Und Olaf Scholz wagt es sich gegen einen Waffenstillstand auszusprechen. Was auch immer er damit sagen wollte, die Botschaft ist: Menschen mit meiner Hautfarbe, mit meiner Existenz sind wertlos. Ich werde das nicht akzeptieren. Niemand sollte das.

Und gab es aus deiner Sicht Versuche von tatsächlich antisemitischen Gruppen oder Positionen bei den Demonstration, auf denen du warst?

Es gibt zwei Definitionen von Antisemitismus, die natürlich auch immer in Bewegung sind.

Ich weiß sehr gut, wie sich Antisemitismus, und um es genau zu sagen antijüdische Haltungen, im arabisch sprechenden Raum präsentieren. So etwas habe ich auf den Demonstrationen, auf denen ich war, nicht gesehen.

Ich weiß nicht so viel, wie er sich im europäischen Kontext präsentiert, denn es gibt manche Symbole, die in Europa entstanden und nie bis zu unserer Region kamen. Das kann ich nicht so gut beurteilen. 

Kritik an Israel ist definitiv auf den Protesten. Und das werde ich nie Antisemitismus nennen. Es würde bedeuten, dass die einzige Lösung für passenden Philosemitismus der Aufruf nach einem ruhigen Tod der Palästinenser ist. Denn jede Kritik an dem, der Palästinenser gerade tötet, wird antisemitisch betrachtet. Das ist nicht fair. Man kann nicht von allen Palästinensern verlangen, dass sie stillschweigend sterben. Das ist ein Versuch der Deutschen, sich mit ihrer Geschichte auszusöhnen. Nur bezahlen andere Leute dafür, nicht die Deutschen.

Dann gibt es die Kritik, dass viele Palästinenser sagen „Israel hat unsere Kinder getötet.“ Nun habe ich verstanden, dass in Deutschland viele Menschen es als historischen Antisemitismus ansehen, wenn Deutsche sagen, dass Juden unsere Kinder töten. Aber wenn Palästinenser darüber sprechen oder Araber, wenn sie sagen, dass Israel unsere Kinder tötet, müssen sie nicht die deutsche Geschichte in den Mittelpunkt stellen. Wenn sie das sagen, müssen sie nur den Fernseher anmachen und sehen, dass fast 5000 Kinder getötet wurden. Trotzdem ist das nicht meine Aussage. Ich werde das niemals sagen, weil ich das Leben eines Kindes nicht für wichtiger als das Leben eines anderen Menschen halte. Dieser ganze Diskurs des Mitleids um das unschuldige Kind, das nicht getötet werden sollte, sondern lieber andere, ist nicht meiner. Aber es hat nichts mit dem europäischen Kontext des Antisemitismus zu tun, es sei denn, wir machen den deutschen konzeptionellen Rahmen des Antisemitismus universal. Die wörtliche Anwendung von Aussagen der Deutschen im 18., 19. und 20. Jahrhundert auf alle anderen Länder der Welt, ist eine exekutive Definition von Eurozentrismus ist.

Unterstützen antikoloniale Gruppen?

Ja, glücklicherweise. Es gibt antikoloniale Blocks aus Lateinamerika, Ost- und Südasien und auch viele afrikanische Gruppen. Der Globale Süden scheint vereint zu sein hinter der palästinensischen Forderung den Völkermord zu beenden. Es gibt viele Punkte, bei denen man sich in der arabischen Community nicht einig ist, aber für gewöhnlich ist man sich einig, wenn es um Palästina geht. Wir alle erbten antikoloniale Kämpfe. Unsere Eltern mussten gegen die Franzosen in Syrien und gegen die Briten in Ägypten, gegen den italienischen Kolonialismus in Libyen oder den französischen in Algerien kämpfen. Wir verstehen, was Kolonialismus ist und wie wichtig Antikolonialismus nicht nur für ein Land selbst sondern für die ganze Region ist. Auch in Syrien haben wir ein Regime, das Legitimität durch die Existenz des israelischen Staates in seiner jetzigen Form erhält. Israel ist per Definition ein ethnischer, nationalistischer Staat für eine bestimmte auserwählte Gruppe. Das legitimiert arabische Nationalisten, die in Syrien nur bestimmte Araber oder andere in ihrer Freiheit einschränken wollen. Es ist alles dialektisch verbunden. Dieser Moment politisiert viele Menschen. Menschen, die ich viele Jahre lang nicht gesehen habe. Wenn ich nach Berlin gehe, muss ich mich nicht verabreden, um jemand beim Protest zu treffen. Wir werden uns dort sehen.

Manchmal frage ich mich auch, warum ich solchen Druck habe mich mit Deutschen zu verbünden. Es kann sein, dass unsere Communities genug sind. Sie wissen, wie man Dinge macht, viele haben bereits koloniale Gewalterfahrungen gemacht im Unterschied zu Deutschen. Da gibt es eher die Erfahrung als Kolonialschänder, aber nicht die der kolonialen Gewalt. Es ist sehr schwer für sie unsere Argumente zu verstehen. Viele sagen, es gehe um die deutsche Schuld. Aber um ehrlich zu sein, ich glaube nicht, dass es um die deutsche Schuld geht. Es geht um finanzielle und kapitalistische Interessen. Waffen zu exportieren ist eins der Dinge, die Deutschland am besten kann. Und was ist besser als Krieg zu exportieren. Das könnte für Deutschland der Weg aus der Krise sein.

Sowohl jüdische als auch arabische Leben werden auf ähnliche Weise instrumentalisiert. Ich denke nicht, dass Deutschland sich um die jüdischen Leben sorgt. Beide werden für das europäische Interesse instrumentalisiert, um Waffenexporte global zu befördern. Auch die Geiseln sind nicht wichtig für die israelische Regierung. Sie hat ein anderes Ziel. Die deutsch-israelische Schriftstellerin Deborah Feldmann hat von einem Gespräch mit einem deutschen Regierungsvertreter erzählt. Als sie ihn fragte, was Deutschland für die Befreiung deutscher Geiseln tun würde, sagte er „aber sie sind nicht ‚reine‘ Deutsche“. Es gibt so viele Gemeinsamkeiten, wie sie auf uns und Juden blicken. Wir sind aus ihrer Sicht nie Deutsche, ganz egal, was wir tun. Wir sind in ihren Augen nicht zivilisiert genug.

Wird die Identität als arabische Community jetzt noch weiter gestärkt?

Sicherlich hat die Idee, ein Araber zu sein, seit dem 07. Oktober in Deutschland eine andere Gestalt. Es gibt ein Wiedererkennen und eine Verbindung, wenn wir nun Menschen von Marokko bis zum Irak beim Abendessen sehen. Das war der arabische Traum. Sie haben immer gesagt, wir wollen einen Staat von Marokko bis Irak und dann sehen wir sie alle aber nicht als einen Staat und unterdrückende Kräfte. Und ich denke, in der Beziehung zwischen Arabern im Allgemeinen und Deutschland hat es am siebten Oktober einen Riss gegeben. Ich weiß nicht, ob dieser Riss repariert werden kann. Als Reaktion darauf gibt es eine Konsolidierung des Arabischen unter den Arabern. Ich treffe zufällige Araber auf der Straße oder im Zug, und wir tun zwei Dinge: Wir flüstern, weil wir das Gefühl haben, dass unsere Sprache im Moment ins Visier genommen wird. Und wir sprechen darüber, wie sehr wir die unterdrückende Art der deutschen Debatte ablehnen.

Als ich vor ein paar Tagen aus Berlin kam, war ich im Zug mit drei, vier verschiedenen Leuten aus Tunesien, Irak, Ägypten.  Ich musste viel umsteigen und wir haben uns im Zug unterhalten. Es war so beängstigend, dass wir alle Kufiyas in der Tasche hatten und uns nicht trauten, sie zu zeigen.

Jetzt hat Deutschland die moralische Grundlage verloren, uns über irgendetwas zu predigen. Ich finde es toll, dass viele Araber, selbst diejenigen, die früher Liberale waren, jetzt das gesamte Völkerrecht als Rahmen für Veränderungen in Frage stellen. Es radikalisiert also auch die Bewegung und rückt Palästina wieder in den Mittelpunkt der arabischen Befreiung. Seit Beginn des Arabischen Frühlings gibt es einen Zustrom westlicher Fonds und NGOs, die uns Demokratie und bla, bla, bla predigen wollen. Das alles ist an einem Tag zusammengebrochen. Und Palästina ist wieder das Zentrum, denn ich glaube nicht, dass es ohne Palästina einen Weg zu einem richtigen Arabischen Frühling gibt.

Gibt es bei dem gemeinsamen Grundverständnis eine Diskussion, wie man zur Hamas steht?

Das ist gerade nicht der Zeitpunkt dafür. Hamas war immer in der Kritik aus der arabischen Community, speziell der progressiven. Es war keine gute Beziehung, wir sind nicht im gleichen Kampf wie die Hamas.

Aber was bedeutet das in einem Moment, in dem Israel Gaza täglich bombardiert? Hamas ist gerade nicht die Frage, niemand hat jetzt gerade die Muße dazu. Manchmal gibt es Kritiken an einzelnen Kommunisten und das eigentliche Ziel ist die gesamte Idee des Kommunismus zu delegitimieren. Ich würde jede Kritik an der Hamas diskutieren, sobald wir uns grundsätzlich über die palästinensische Befreiung einig sind. Wenn wir über diese Notwendigkeit nicht einig sind, brauche ich darüber keine Diskussion führen. Einer unser Theoretiker, der in der Westbank getötet wurde, sagte, wenn du ein Intellektueller sein willst, dann beteiligst du dich. Wenn du dich nicht beteiligst, brauchen wir dich und deinen Intellekt nicht. Es ist ähnlich wie Gramscis Bild des „organischen Intellektuellen“. Schließ dich unserem Kampf an und dann diskutieren wir alles. Aber wenn du vom hegemonialen unterdrückenden Diskurs kommst, brauchen wir das nicht mit dir zu diskutieren.

Gibt es weitere Punkte eines gemeinsamen Grundverständnis, etwa die Ein- oder Zwei-Staaten-Lösung?

Aus meiner Sicht war die Perspektive der Ein-Staaten-Lösung in meiner Generation nie eine Frage. Es ist die einzige Perspektive, die wir uns für ein Ende des Konflikts vorstellen können. Menschen, die Zugang zu Wohlstand hatten und von der Zwei-Staaten-Lösung profitierten, haben sie immer promoted und werden das weiterhin tun, wie die Korrupten der PLO. Sie haben Macht erhalten und diese wollen sie behalten für finanzielle Hilfe, Kollaboration etc., aber für meine Generation war die Ein-Staaten-Lösung immer ein Konsens. Wir diskutieren das nicht mal mehr, weil wir dort einen Rahmen sehen, der Arabern, Moslems, Christen, Juden und allen Sicherheit bieten kann. Wir sehen darin einen Weg aus dem Konflikt, der allen Sicherheit garantiert, ganz egal woher sie kommen oder welcher Religion sie angehören.

Wenn wir „Decolonize Palestine“ sagen, wird das oft aus einem kolonialen europäischen Verständnis heraus verstanden. Es bedeutet eben nicht ein ganzes Volk rauszuschmeißen. Denn das wäre, was Kolonialisierung ist. Dekolonialisierung ist das Gegenteil. Als ich mit einer Freundin darüber sprach, verstand sie Dekolonialisierung de facto als Rekolonialisierung, wenn man anderen erlaubt in ein Gebiet zu kommen. Das ist ein seltsames, aber sehr europäisches Verständnis von Befreiung. Man geht wohin, dort leben Menschen, man schmeißt sie raus und siedelt sich da an, wo sie waren. So wurde das im Kolonialismus gemacht, und dieses Denken ist noch verhaftet und manche kommen da nicht aus ihrer Perspektive raus oder versuchen das aus einem anderen Blickwinkel zu sehen. Als wir hierher kamen, versuchten wir Deutschland und die europäische Geschichte zu verstehen. Wir versuchten manche Elemente unserer Sicht an den europäischen Diskurs anzupassen. Aber Europäer denken, dass sie aus ihrer privilegierten Position das gesamte Universum beurteilen können, egal ob in Sri Lanka, Afrika und in Palästina. Sie denken, sie wissen über die Situation Bescheid, ohne je dort gewesen zu sein. Aber das erfordert Arbeit. Wenn man über Palästina sprechen will, muss man versuchen das aus der Sicht der Menschen, die dort leben, zu begreifen. Man kann nicht die globale Geschichte aus dem europäischen Blickwinkel betrachten. Das ist die Voraussetzung für internationale Solidarität. Sonst beschränkt sich die Solidarität auf Geflüchtete. Aber Geflüchtete sind auch eine europäische Frage. Wenn die Solidarität auf das Bleiberecht beschränkt bleibt, und nicht das Recht auf Rückkehr einschließt, dann ist das sehr europäisch. Denn mein Kampf als Geflüchteter gilt ebenso dem Anliegen nach Syrien sicher und in Würde zurückkehren zu können. Es geht nicht nur darum hier zu bleiben.

In Deutschland gibt es derzeit eine allgemeine Rechtsverschiebung. Denkst du, die Wut darüber springt auf andere Themen über?

Es leben Tausende von Arabern hier und ihr Interesse in politische Debatten in Deutschland ist allgemein sehr gering. Viele wählen oder beteiligen sich nicht. Nach 2014/5 sahen wir etwas politische Präsenz, aber in den vorhergehenden Generationen sah man wenig politische Vertretungn in Deutschland. Ich war zuerst schockiert, als ich sah, dass wenige hier politisch aktiv sind. Viele sind organisiert, aber in ihren Heimatländern. Inzwischen verstehe ich, dass der Einstieg einen sehr schwierigen Diskurs erfordert. Mir ging das in der LINKEN auch so. Selbst hier werden wir oft nicht gefragt.

Wir werden als apolitische Existenz gesehen, vielleicht als ein ökonomischer, sozialer oder auch humanitärer Faktor, aber nicht mit unserer politischen Botschaft. Das ist für mich das Schlimmste an Deutschland. Ich wurde oft für Inputs zu Syrien angefragt, aber andere Deutsche sprachen dann über den Output. Ich war mal bei einer Veranstaltung über die europäische Union. Und wir sprachen über Syrien und die Befreiungsfrage in der Zeit nach dem Arabischen Frühling. Und dann sagten sie, jetzt sprechen sie darüber, wie Europa auf diese Krisen reagiert, du kannst bleiben, wenn du willst, aber es wird auf Deutsch sein. Nach ihrer Ansicht war Europa eine schutzstiftende Identität gegen lokalen Nationalismus. Europa also als die Einheit, die vor deutschem oder französischen Nationalismus schützt. Und das ist eine sehr normale Sicht, wenn man nicht-europäische Stimmen weglässt. Denn dann gibt es sicher Angst vor den Nationalisten und Europa bietet einen Schutz. Aber von außerhalb, bezieht man sich auch auf den Kolonialismus und wie eingebettet er ist beim Export von, wie Öcalan sagt, modernem Kapitalismus, vor allem in den globalen Süden. Und sie diskutierten das nicht, sondern exkludierten mich bei der Diskussion, als hätte ich dazu nichts zu sagen. Und diese Erfahrung ist nicht einmalig. Auch wenn jetzt Statements über Palästina geschrieben werden ohne Aktivisten von dort zu fragen, ist das Teil einer kolonialen Meinungsbildung.

Wenn ich jetzt darüber nachdenke, kommt es mir vor wie ein Tal, nicht nur wie ein Riss. Die Grundlagen der europäischen Moderne haben einen Riss zwischen uns im Süden und den Menschen im Norden oder dem Westen geschaffen. Aber jetzt ist es ein Tal und in diesem Tal ist ein dunkles Loch, das alle Stimmen absorbiert. Wir können uns nicht mehr hören und einander zuhören und uns umarmen. Wir brauchen einen politischen Wandel in Deutschland und in unserer Region, um die kolonialen Beziehungen zwischen dem Norden und dem Süden umzustrukturieren. Im Zentrum dieser Fragen steht Palästina.

Was würdest du dir als Solidarität wünschen?

Sprecht mit Palästinensern, verurteilt öffentlich die Unterdrückung durch den Staat in Deutschland. Vergesst Palästina. Seht hin, was in Deutschland passiert. Das ist ganz grundsätzlich. Ihr müsst nicht ein riesiges Statement schreiben. Sagt etwas klar und laut gegen die Dämonisierung, Enthumanisierung und Kriminalisierung arabischer Existenz in Deutschland. Wer nur später für die Rechte Geflüchteter sprechen will und sich als pro-Flüchtlinge hinstellt aber jetzt nichts sagt, dann lasst es. Wenn ich nur als Arbeitskraft, die Steuern zahlt oder auch nicht, hier existieren soll, als Objekt von Mitleid – das ist nicht Existenz. Wenn man sagt: „Refugees welcome“ umfasst das nicht nur unsere Körper und physische Präsenz, sondern auch unsere Narrative, unsere Geschichte und unsere politischen Visionen. Sonst braucht man nicht von Willkommen zu sprechen.

Wie siehst du die Unterstützung hier im Vergleich zu anderen europäischen Ländern?

In ganz Europa sind Linke sehr klar in ihrer Position, Deutschland ist die Ausnahme, zumindest in diesem Ausmaß. Auch dort gehen Regierungen nach rechts, und wenn es in Deutschland nur die Regierung wäre, wäre ich nicht so wütend. Von Regierungen überrascht mich das nicht. Was mich wütend macht, sind die Reaktionen des politischen Spektrums. Es hat sich hinter der Regierung vereinigt. Ob DGB oder LINKE oder selbst zwischen den Parteien, man sieht keinen Unterschied. Statements des DGB sind sehr ähnlich zu dem, was CDUler sagen. Und das ist erschreckend und ist im Rest Europas nicht so. Deshalb ist es typisch, dass Amnesty International Israel einen Apartheidsstaat nennt und Amnesty Deutschland sich davon distanziert. Fridays for Future International sagt das eine, und Fridays for Future Deutschland das andere.

Ich kämpfe gerade sehr gegen Essentialismus. Es ist kontraproduktiv. Antideutsche sind problematisch wegen ihres Essentialismus, nicht nur wegen ihrer Haltung zu Israel. Sie schreiben einer bestimmten Gruppe oder Demographie einen wesentlichen Charakter zu, indem sie sagen, Deutschland sei reinweg böse und es sei egal, unter welchen Bedingungen. Diesen essentialistischen Teil kritisiere ich und jetzt muss ich selbst dagegen ankämpfen, weil es wirklich etwas Seltsames hier gibt. Dieser Schulterschluss, der Deutschland vom DGB bis zur AfD vereinigt, ist wie ein Wettlauf. Ehemals ging es darum, wer am loyalsten zum europäischen Erbe der Moderne, wer am demokratischsten, inklusivsten ist. Jetzt ist es eine Spirale des Rassismus. Jemand von der CDU sagt etwa, jemand von der SPD ist eifersüchtig und setzt noch einen drauf. Das ist erschreckend.

In letzter Zeit hinterfrage ich meine Entscheidung, in Deutschland zu bleiben. Dieser Konsolidierungsprozess scheint die weiße Mehrheit in Deutschland gegen die Araber aufzubringen. Und wenn sie mit den Arabern fertig sind, werden die nächsten dran sein. Es geht nicht um Araber oder Israel-Palästina. Deutschland geht nach rechts und dabei müssen sie Elemente der Gesellschaft opfern und gerade ist es die arabische Existenz.

Großbritannien, Italien und Frankreich unterstützen ebenfalls Israel auf Regierungsebene. Das ist ganz normal. Imperialismus verteidigt sich selbst. Ich erwarte keine humanitäre Haltung vom deutschen, französischen oder einem anderen imperialistischen Staat. Frustrierend ist, dass Menschen eine Theorie der internationalen Solidarität entwickelt haben, aber nicht anwenden. In Italien dagegen führt die Linke die Proteste auf der Straße an, die arabische Community ist in der Minderheit bei den Protesten, ebenso wie in Frankreich. Das ist eine sehr normale antihegemoniale Position. Es ist sehr normal, dass die Unterdrücker gegenseitig solidarisch sind. Aber es ist auch sehr normal, dass die Unterdrückten zueinander stehen. Da ist Deutschland sehr enttäuschend. In Indien haben mehrere Gewerkschaften, die zusammen 100 Millionen Arbeiter:innen vertreten, erklärt, dass sie nichts liefern, was derzeit nach Israel geht. Ein vollständiger Boykott von allem, was mit dem Staat Israel zu tun hat. Das ist eine normale Position von Leuten, die kämpfen. Denn auch wir werden das tun, wenn wir wissen, dass der Staat in Indien ein faschistischer Staat ist. Wir werden unser Bestes tun für unsere Genossen in Indien, die gegen die Hegemonie dort kämpfen. Sie sind unsere Verbündeten, nicht der Staat. Aber Deutschland ist der einzige Ort, an dem ich Linke sehe, die gegen jeden nationalistischen Staat sind, aber in Israel ein Modell des rein nationalen Staates sehen, sich mit ihm verbündeten und damit unsere Stimmen unterdrücken.

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