Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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PDF Version Artikellink per Mail  | Soz Nr. 12/2023

Alte Gewissheiten, neue Konzepte
von Kurt Hofmann

Auch heuer war die Viennale, ein Festival von überregionaler Bedeutung, wieder der Höhepunkt des österreichischen Kino­jahres. Es wurde ein innovatives Programm geboten.

Le Grand Chariot (The Plough)
Frankreich, Schweiz 2023
Regie: Philippe Garrel

Simon lässt die Puppen tanzen. Er leitet The Plough (den »großen Wagen«, eigentlich: den »Streitwagen«), ein Marionettentheater, und seine Kinder kennen die Welt nur aus dieser Perspektive. Die Geschichten, die hier von Simon und den Seinen erzählt werden, sind ebenso plakativ (um dem kindlichen Publikum gerecht zu werden) wie weise. Nicht zu vergessen das Vergnügen, das das eingeschworene Ensemble – ergänzt durch wenige andere, mittels der Theater-DNA ebenfalls als Familienmitglieder ausgewiesene Akteure, für die Simon zwar nicht Vater, doch unübersehbar Vaterfigur ist – beim Spiel empfindet. Die Puppen sprechen, kämpfen, leiden und lieben durch sie – ein Lob der Imagination.
Als Simon stirbt, soll alles so weiter gehen wie zuvor. Aber das funktioniert nicht: Der eine spannt dem anderen die Freundin aus, die angebliche Harmonie bröckelt ebenso wie die kurze Einigkeit nach Simons Tod, weiterzumachen. Einer will Schauspieler werden, der andere Maler, dem einen kommt mangelndes Talent dazwischen, der andere verfällt dem Wahnsinn.
Die Frauen der Kompanie wollen das Theater fortsetzen, doch es kommt Streit um neue Konzepte auf – kann The Plough überleben? ?Le Grand Chariot (The Plough), der neue Film von Philippe Garrel, erzählt zum einen von der Ablösung der Kinder von der Welt des Vaters, die sie, als er noch da war, nie in Frage gestellt haben. In der Umdefinierung ihrer Leben sind sie neugierig und zugleich ratlos.
Zum anderen erzählt Garrel, dessen Kinder hier seine Kinder spielen, von etwas, das zu Ende geht. So wie das Marionettentheater ein Gegenentwurf zur aufwändigen Maschinerie der großen Theater ist, stellen die Filme von Garrel, einer der Letzten aus dem Umfeld der Nouvelle Vague, einen Gegenentwurf zum computergenerierten Kino der digitalen Einheitlichkeit dar. Kann der »Große Wagen«, der notwendig ein »Streitwagen« sein muss, weiterfahren?

Music
Deutschland 2023
Regie: Angela Schanelec
Jon tötet Julian, der ihn begehrt. Im Gefängnis verliebt sich Iro, seine Wärterin, in ihn. Sie versorgt die wunden Knöchel des »Schwellfußes«, dessen Schuhwerk Kothurnen (Bühnenschuhen mit hoher Sohle) ähnelt: Jon ist (ein Wiedergänger von) Ödipus
Iro gebärt einen Sohn, sie wartet auf Jon. Dessen Entlassung aus dem Gefängnis verheißt den beiden eine gemeinsame Zukunft. Bis Iro durch Zufall vom Tod ihres Bruders Julian erfährt und erkennen muss, wer ihn getötet hat – sie stürzt sich in den Tod.
Music, der neue Film von Angela Schanalec, erzählt von einem Ödipus, der von seiner Schuld nichts erfährt, aber dennoch durch Blindheit gestraft wird. Jon/Ödipus weiß auch nichts davon, dass er von Hirten adoptiert wurde und eine tote Frau, die sie an ihm vorbeitragen, seine Mutter ist.
Blind sein – das heißt bei Schanalec auch: frei von Erkenntnis. Doch der blinde Tor wird mit Kreativität beschenkt und zum Sänger – Musik als Heilung?
Naturgemäß wird das bei Schanalec nicht linear erzählt, das Assoziative erscheint Schanalec-Unerfahrenen wie immer als Wirrwarr, andere forderten den »korrekten« Umgang mit dem Mythos oder störten sich an der zeitgenössischen Verortung. Schanalec legt Fährten, die nicht falsch sein können, weil ihre Zuschauer:innen sie weiterdenken müssen.

Animal
Griechenland u.a. 2023
Regie: Sofia Exarchou

Ein All-inclusive-Hotel in Griechenland: Hier sollen die Tourist:innen bei Laune gehalten werden. Stimmung! Dafür sind allen voran die Animator:innen und deren »Anführerin« Kalia zuständig. Was diese allabendlich vorzeigen, erweist sich (eine Überraschung) nicht nur als stupide, sondern (auch) als stupend. Eine junge Frau, die ursprünglich vom Zirkus kommt, hat sich beworben und passt ins Anforderungsprofil. Denn für jeden Auftritt wird hart trainiert, es werden Choreographien entwickelt, Kostüme geschneidert, ganz so, als würde für eine Theateraufführung geprobt. Und sie ziehen weiter, wie eine Zirkustruppe, die allerorten ihre Kunststücke vorführt. Mitten drin Kalia, die wie keine andere das Spiel mit dem (touristischen) Publikum beherrscht.
Sofia Exarchous Animal, eine Dokufiction mit österreichischer Produktionsbeteiligung, die bisweilen an die Arbeiten von Covi/Frimmel erinnert, verschweigt nicht, wie schon der Titel verrät, die harten Arbeitsbedingungen bei geringer Bezahlung, fordert aber Respekt für ihre Protagonist:innen ein. Sie müssen immer »funktionieren«, auch wenn ihnen nicht der Sinn danach steht. Zuletzt wird ausgerechnet Kalia, die immer schon da war, das hinterfragen.

Mal viver
Portugal, Frankreich 2023
Regie: João Canijo

In einem Hotel: Drei Frauen, die einander bekämpfen: eine dominante Mutter, deren Tochter, die Schauspielerin werden will, und wiederum deren Lebensgefährtin, die ihr ein Casting ermöglicht hat, indem sie unabgesprochen private Probeaufnahmen ins Netz gestellt hat, die die Neugierde einer Filmfirma erweckt haben. Die Mutter stört sich an der lesbischen Beziehung ihrer Tochter und ignoriert deren Privatsphäre. Die Tochter steht unschlüssig zwischen Mutter und Geliebter, die beide an ihr zerren.
Mal viver ist ein Psychodrama – Strindberg lässt grüßen. Doch die Versatzstücke dieses Dramas sind zeitgenössisch, angesiedelt im Interieur eines Hotels, das schon bessere Zeiten gesehen hat.

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