Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail  | Soz Nr. 01/2024

von Elfriede Müller
Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin, ist am 22.April 1870 geboren und am 21.Januar 1924 gestorben.

El Lissitzky hat in den 20 Jahren ein für Lenin adäquates Denkmal entworfen: die Lenintribüne, eine schräge Stahlkonstruktion mit einer vorgeschobenen flugbereiten Plattform, von der aus Lenin loszuschnellen scheint in Tage und Jahre, die die Welt erschütterten. Zum 50.Geburtstag der Oktoberrevolution wurde vor dem Kreml ein anderes Lenin-Denkmal errichtet: Ein Amtsleiter sitzt mit strenger Miene, Quadratschädel und tadelloser Bügelfalte auf seinem Sockel. Ersteres entspricht Lenins Leben, zweiteres ist Produkt des Leninismus, der aus ihm eine autoritäre Kunstfigur schuf, in deren Namen die Oktoberrevolution verraten wurde.

Lenin war nicht die große strenge und breitschultrige Gestalt, die humorlos wahlweise Arbeiter- und Bäuerinnen oder ganz allein mal mit ausgestreckter Hand, mal sitzend den Weg wies und die wir aus vielen Skulpturen in Osteuropa kennen, allein in Russland wurden 2013 5311 gezählt. Er war ein kleiner, drahtiger, ungemein schlagfertiger und kluger Mensch voller Widersprüche, ein heute unzeitgemäßer Revolutionär, der Wege vorschlug, die zum Erfolg, und andere, die in den Abgrund führten. Lenin war ein Mensch seiner Zeit, der über seine Zeit hinaus wirkt. Selten wird er in seinen Widersprüchen gesehen, sondern eher binär als gut oder böse betrachtet. Dieser Vortrag versucht eine kritische und aktuelle Einschätzung.

Biographie und prägende Ereignisse: die Pariser Commune von 1871, die erste russische Revolution von 1905, der Verrat der Sozialdemokratie 1914 und die Februarrevolution 1917
Bei der Betrachtung der Vergangenheit geht es immer um die Zukunft. In Zeiten der Gegenreformen, neuer Kriegsregime und des nicht nur rechten Antikommunismus ist der Name Lenin fast unaussprechbar geworden. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion (SU) und der Kommunistischen Parteien gilt Lenin als toter Hund. Wenn es heute in der zersplitterten neuen Linken einen Konsens gibt, dann ist man sich einig, das Erbe Lenins hinter sich zu lassen, oft ohne es wirklich zu kennen, sondern nur die Geschichtsschreibung der stalinistischen Sieger. Obgleich sich in der illegalen Samisdatliteratur der Sowjetunion alte Bolschewiki und junge Kommunistinnen auf ihn beriefen und eine Rückkehr zu „Leninschen Normen“ forderten.

Auch wird gerne eingeräumt, dass der Mann, der Schmach und Schande über jeden Antisemiten donnerte und vor den großrussischen Halt-die-Schnauze-Nationalisten warnte, Babij Jar nie ein Denkmal verweigert hätte, was die spätstalinistischen Bürokraten aber taten. Lenin hätte nie ganze Ethnien deportieren lassen. Er hat in der jungen SU dem Menschewiken Martow zur Flucht verholfen und ein offizielles Begräbnis für Kropotkin mit den schwarzen Fahnen der Anarchie zugelassen, hätte nie die Moskauer Schauprozesse organisiert. Er hat nicht nur Gutes getan, was auch nicht unerwähnt bleiben wird, aber er war ein Mensch, dem wie Bertrand Russell berichtet, jedes Gefühl für die Wichtigkeit seiner eigenen Person, jede Selbstzufriedenheit abging und der jeden Personenkult verachtete, dessen Opfer er direkt nach seinem Tod wurde.

Lenin orientierte sich auf die Oktoberrevolution, weil er von der Unvermeidlichkeit der nahen Weltrevolution überzeugt war, deshalb hatte er auf die Gründung der Weltpartei Kommunistische Internationale gedrungen. Seine Biographie ist von der ersten erfolgreichen Arbeiterinnenrevolution untrennbar. Die Oktoberrevolution 1917 brachte eine Wende in die koloniale Welt, wo sich eine neue Generation revolutionärer Intellektueller bildete. Der bolschewistische Appell zur Weltrevolution und die materielle Unterstützung der Sowjetunion für dieses grandiose Projekt waren die Bedingung für den Übertritt vieler Anarchisten zum Marxismus und manchmal auch Nationalismus.

Die ersten, die diesem Aufruf folgten, waren Student:innen, junge Journalist:innen, Exilierte und nationalistische Migrant:innen, die zwischen verschiedenen westlichen Metropolen lebten. Bekannte Beispiele unter vielen anderen sind der schöne Nath Roy, der „Brahmane der Komintern“, oder Hô Chi Minh, der Vater der vietnamesischen Unabhängigkeit. Unter den vielen Gründen, die aus der Oktoberrevolution ein herausragendes historisches Ereignis gemacht haben ist einer, dass mit der Geburt der UdSSR die marginalisierten Rebell:innen aller Kontinente eine Heimat gefunden hatten. Für viele unter ihnen handelte es sich um ein prekäres Refugium, eine Übergangserfahrung und eine schreckliche Enttäuschung. Für andere wurde die UdSSR ein mächtiger Anker, ein dauerhaftes Domizil.

Für alle war sie eine existentielle Erfahrung. Erstens veränderte sich ihr materieller Status. Im russischen Reich wurde eine Generation verbannter, verfolgter und exilierter Intellektueller auf einmal zur politischen, ökonomischen, kulturellen und auch militärischen Elite eines neuen Staates, den es inmitten eines Krieges zu gestalten gab. Nur wenige Monate bevor er an der Spitze der ersten Räteregierung stand, lebte Lenin ein prekäres Exil in Zürich. Für diejenigen, die sich in den Kommunistischen Parteien engagierten, wurde Moskau zur Hauptstadt einer neuen Welt.

Heute wird, um das Recht auf Revolution ein für alle Mal zu diskreditieren, gerne eine strikte Kontinuität zwischen Lenin und Stalin behauptet, im antikommunistischen Totalitarismus gar mit Hitler, dem NS und dem Faschismus oder, harmloser, mit Breschnjew. Es gab nie eine unentrinnbare Kontinuität, doch haben die Rückständigkeit Russlands, die Verwüstungen durch Bürger- und Interventionskrieg und die Preisgabe der revolutionären Chancen durch die Sozialdemokratie zu einem Zentralismus geführt, der in dem bedrohten Land und der als unvermeidlich begriffenen gigantischen Industrialisierung den Übergang zum Stalinismus erleichterte.

Die stalinistischen Verbrechen werden als tragische Verlängerung des revolutionären Ereignisses und der Einparteienherrschaft eingestuft. In der Tat begriff Lenin zu spät die bürokratische Brutalität, die sich mit dem Bürgerkrieg in der Sowjetunion durchsetzte und an deren Durchsetzung er beteiligt war. Manche falschen Entscheidungen Lenins wurden von seinen Epigonen genutzt. Aber zuerst mussten er und hunderttausende Kommunistinnen sterben, ehe der autokratische Zentralismus Lenins Erbe auffressen konnte.

Vom Kopf auf die Füße
Die Figur Lenin eignet sich also besonders gut zur Dekonstruktion. Lenin ist allein schon deshalb suspekt, weil er erfolgreich war und weil er Opfer eines Personenkultes wurde, den er nicht in Gang gesetzt und nicht zu verantworten hat. Wenn Marx betonte, er sei kein Marxist, so konnte Lenin den nach seinem Tod dekretierten Leninismus nicht mehr ablehnen. Lenin war Personenkult jeder Art zuwider. Er war einer der uneitelsten Revolutionäre seiner und unserer Zeit. Es war Sinowjew, der den Begriff des Leninismus auf dem V. Kongress der Kommunistischen Internationale erfand, um die jungen Kommunistischen Parteien auf Linie zu bringen, was damals „Bolschewisierung“ hieß. Der Kongress fand Ende Juni statt, Lenin war am 21.Januar 1924 verstorben, er wurde nur 54 Jahre alt.

Lenin als Autor hat vor allem Gebrauchstexte geschrieben, vierzig Bände liegen von ihm vor, darunter keine großen literarischen Werke wie die von Marx oder Trotzki. Doch Lenin ist viel mehr als ein vulgärer Techniker des Staatsstreichs. Rudi Dutschke hat sich in den Siebzigerjahren daran versucht, Michael Brie hat 2017 den empfehlenswerten Band „Lenin neu entdecken“ herausgebracht. Beide versuchen, Lenin vom Kopf auf die Füße zu stellen. Da der Neoliberalismus mehr und mehr hinterfragt wird und für viele Kapitalismus wieder zum Schimpfwort geworden ist, lohnt es sich, Lenin erneut und anders zu betrachten. Zum einen, um seine Fehler nicht zu wiederholen, zum anderen, weil Lenin weder der Pappkamerad war, zu dem er von Totalitarismusgegnern und auch vielen Linken häufig gemacht wird, noch der leuchtende Stern am Himmel des Marxismus-Leninismus, sondern ein kluger Politiker und konsequenter Revolutionär, der ein Produkt seiner Zeit und politischen Erfahrung war und dessen häufig falsche Entscheidungen wir nicht wiederholen sollten, aber aus dessen Fähigkeit, Situationen zu kontextualisieren und daraus emanzipatorische Handlungsoptionen zu entwickeln, wir sehr viel lernen können.

Prägende Ereignisse: Die Pariser Commune
Um Lenins politische Entscheidungen und Strategien zu verstehen, müssen auch wir uns an seinen historischen Kontext halten, wovon neben der historischen Erfahrung der Pariser Commune drei Ereignisse prägend waren, die er selbst miterlebte: die Russische Revolution von 1905 und ihr Scheitern, der imperialistische Weltkrieg von 1914 und das Versagen der sozialdemokratischen Parteien angesichts dieses Massakers sowie die Februarrevolution von 1917.

Das Spannungsfeld zwischen Gesetzmäßigkeit und Entscheidungen übersetzte sich bei Lenin vor allem ins Verhältnis zwischen Avantgarde und spontanen Bewegungen. Er war davon überzeugt, dass das sozialistische Bewusstsein nur von außen, von Marxist:innen in die Klasse getragen werden könne, weil diese von allein höchstens ein gewerkschaftliches Bewusstsein entwickelte. So entstand sein viel gescholtenes Organisationsmodell für die Illegalität. Rosa Luxemburg wie auch andere kritisierten dieses Modell bereits 1904.

Relevant wurde diese Kritik allerdings erst, als sich 1905 in der ersten russischen Revolution Räte formiert hatten. Aber 1917, als sich diese Räte erneut als Organe des Aufstands und der Macht konstituierten, zögerte Lenin nicht, diese Produkte revolutionären Elans, die ihre Ideen nicht von außen und nicht von Marxist:innen gewonnen hatten, als die entscheidende Form der Arbeiter:innenmacht anzuerkennen. „Alle Macht den Räten“ war die Grundlosung der Aprilthesen von 1917. Lenin hat die Räte immer wieder als obligatorisch für jede sozialistische Revolution gefeiert, als die großartige Realisierung der Hauptidee der Pariser Commune: der Aufhebung der Trennung von Legislative und Exekutive, von Politik und Wirtschaft, der Kontrolle über Bürokratie und Exekutive und der wachsenden Heranziehung der Bevölkerung zur Verwaltung, um jenen Staat zu errichten, der eigentlich keiner sei, weil schließlich alle an der Regierung teilnehmen. Daher sein berühmtes Diktum: Jede Köchin soll den Staat regieren!

Die 72 Tage der Pariser Commune, dem theoretischen Vorbild von Staat und Revolution, haben in einer Stadt die Selbstverwaltung der Besitzlosen Realität werden lassen. Sie wurden von der Bourgeoisie und der Reaktion gnadenlos massakriert. Deshalb tanzte Lenin am 73. Tag der Sowjetregierung vor Freude im Schnee, weil sie einen Tag länger existierte, als es die Pariser Commune vermocht hat. Sein Tanz hat eine symbolische Bedeutung, weil Lenin nicht davon ausging, dass die Sowjetregierung so lange Bestand haben würde. In den Plänen der Bolschewiki hing die Zukunft der Revolution von ihrer Ausdehnung auf Europa ab. Zwischen 1918 und 1923 herrschte mit den Revolten und Revolutionen in Italien, Österreich, Deutschland und Ungarn eine wahrhaft europäische Krise, die diese Hoffnung genährt hatte.

Die Revolution von 1905
1905 entstanden die Räte, die sich aus verschiedenen linken Parteien zusammensetzten: den Sozialrevolutionären, den Menschewiki und den Bolschewiki (beide Fraktionen der Sozialdemokratischen Partei Russlands 1898, die auf dem 2.Parteitag 1903 entstanden. Die Menschewiki standen für bürgerliche Demokratie, doe Bolschewiki für die sozialistische Revolution). Die zweite Erfahrung aus diesem Ereignis war die schnelle Spaltung der Bewegung in die bürgerlichen Kräfte und die Arbeiter:innenbewegung. Nach der Niederlage von 1905 wüteten die Schwarzhundertschaften im Land. Lenin verinnerlichte, dass die revolutionäre Bewegung sich nicht spalten lassen darf, wenn sie gewinnen will und dass ein Bündnis mit den Besitzenden nur in der Konterrevolution enden kann.

Der Ausbruch des 1. Weltkrieges
Gerade der Ausbruch des Ersten Weltkriegs prägte Lenins Haltung in der Russischen Revolution. Die Mobilisierungen der Arbeiterbewegung im Verlauf der zweiten Marokkokrise 1911 und ein außerordentlicher Kongress der II. Internationale bekräftigten die Solidarität der Arbeiter:innen angesichts eines möglichen imperialistischen Krieges. Bei Kriegsausbruch war es zuerst die deutsche Sozialdemokratie, die kapitulierte. Sie rief zur Vaterlandsverteidigung gegen die „russischen Barbaren auf“ und zog eine Kettenreaktion anderer Arbeiter:innenparteien nach sich.

Lenin wurde von der sozialdemokratischen Kapitulation überrascht, er hielt sie zunächst für eine Fälschung des russischen Geheimdienstes, der Ochrana. Kein anderer Revolutionär hat die Wahrheit dieser Katastrophe unmissverständlicher formuliert, keiner der Verzweiflung des historischen Moments klarer Ausdruck verliehen. Die einzige Partei, die unbeirrt den internationalistischen Kurs beibehielt, waren die Bolschewiki. Aber selbst im anti-militaristischen Lager waren sie isoliert mit ihrer Forderung, den imperialistischen Krieg in einen revolutionären Bürgerkrieg zu verwandeln. Lenin zog aus dem Debakel die Erkenntnis, dass es die Führungen sind, die die Klasse korrumpieren.

Er gehörte zu der winzigen Minderheit von Internationalisten, die sich diesem ekelhaften Schauspiel entgegen stellten. Mit fortschreitender Schlächterei wurden diese Internationalist:innen immer einflussreicher. Diese Spaltung der Arbeiterbewegung zog eine weitere nach sich: Die Frage, ob eine sozialistische Gesellschaft über Reform oder Revolution zu erreichen ist, ist bis heute nicht beantwortet. Nach dem Krieg vollzog sich an dieser Frage die Spaltung zwischen Kommunismus und Sozialdemokratie. In Staat und Revolution formulierte Lenin bereits die Trennungslinie. Er sah die Revolution aus dem Krieg entstehen. Die Umwandlung des imperialistischen Krieges in einen revolutionären Krieg war für ihn die Voraussetzung für eine Gesellschaft ohne Kriege, Ausbeutung und Unterdrückung. Das ist auch das Thema von Staat und Revolution. In der Russischen Revolution sollte dieser Bürgerkrieg die Form der Diktatur des Proletariats annehmen. Das ungeklärte Verhältnis zwischen Räten und Partei, zwischen einem sozialdemokratischen Marxismus, der in Russland eigentlich zunächst eine bürgerliche Revolution vorsah, und der direkten Demokratie waren Dilemmata, denen sich Lenin nicht wirklich entziehen konnte.

Die Entwicklung der Revolution nach dem Oktober 1917
Die Verwüstungen des Bürger- und Abwehrkrieges gegen 14 intervenierende Staaten zwangen dazu, einen Teil der alten Bürokratie auch im neuen Staat zu verwenden. Die führende Klasse verflüchtigte sich. Petrograd, das 1914 2,4 Millionen Einwohnerinnen zählte, hatte 1920 nur noch 740.000, in Moskau betrug der Unterschied 800.000 Menschen. Ein Teil der Klasse war an der Front oder tot. Viele waren aufs Land geflüchtet, um nicht zu verhungern. Im März 1919 sagte Lenin auf dem 8. Parteitag, dass die Sowjets Organe der Verwaltung der Werktätigen sein müssten, aber in Wahrheit Organe der Verwaltung für die Werktätigen seien. Eine blutige Zeit bereits unter Lenin hatte die direkte Produzentendemokratie aufgeweicht, wobei Lenin noch überzeugt war, dass es sich nur um vorübergehende Tribute an die jämmerlichen Zustände handele.

Lenin betrachtete die Forderung nach Produzentenselbstverwaltung nicht als Unsinn – wie in der Auseinandersetzung später zur jugoslawischen Selbstverwaltung behauptet wurde –, sondern als verfrüht. Sein Slogan lautete: „Kommunismus ist Sowjets plus Elektrifizierung Russlands." Als die Elektrifizierung großenteils erfüllt war, gab es die Errungenschaft der Sowjets im eigentlichen Sinn des Wortes nicht mehr.

Rosa Luxemburg und Kautsky haben Lenin vorgeworfen, die Diktatur des Proletariats der Demokratie gegenüberzustellen. Doch hatte Lenin in seinem Pamphlet gegen Kautsky deutlich gemacht, dass jene Übergangsperiode, deren Staat Marx und Engels als Diktatur des Proletariats bezeichnet hatten, millionenfach demokratischer sei als die bürgerliche Demokratie, weil in ihr die formalen Freiheiten mit realem – d. h. sozialem – Inhalt für die größten Bevölkerungsteile erfüllt seien. Auf dem Gründungskongress der Kommunistischen Internationale bekannte sich Lenin zu einer Pressefreiheit, in der der Profit nicht mehr existierte, so dass jeder Werktätige oder eine Gruppe das gleiche Recht auf Nutzung der Druckereien und Papiervorräte besitze und von diesem Gebrauch machen dürfe.

Allerdings hatte er eine Woche vorher das Verbot einer menschewistischen Zeitung wegen „Untergrabung der Landesverteidigung“ unterstützt. Im Interventions- und Bürgerkrieg hatte eine Entwicklung begonnen, die der Austromarxist Otto Bauer so beschrieb: „Weil alle anderen Parteien sich mehr oder minder auf die Seiten der Intervenenten schlugen, wurden sie mit ihnen geschlagen.“
Weder waren das Einparteiensystem – bis Sommer 1918 waren die linken Sozialrevolutionäre Teil der Regierung – noch das Pressemonopol der Kommunistischen Partei geplant. Die aus der Not und dem Krieg geborenen Maßnahmen konnten im nachhinein als Sprossen einer Entwicklung empfunden werden, weil sich diese nach Lenins Tod durchsetzte.

Imperialismus
Ein Schwerpunkt meines Vortrags soll Lenins Imperialismusanalyse sein. 1916 ist das Schlüsseljahr. Nicht nur weil Lenins wirkungsmächtiges Werk Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus im Juli 1916 im Züricher Exil abgeschlossen wird und 1917 in Petrograd nach dem Sturz der Monarchie erscheint, sondern auch weil es das Jahr der Zimmerwalder Linken ist und Lenin die Idee einer III. Internationale entwickelt.

Die etwas mehr als hundert Seiten richteten sich vor allem gegen die vom deutschen Sozialdemokraten Karl Kautsky vertretene Auffassung, der Imperialismus könne innerhalb des Kapitalismus ohne Krieg systemimmanent überwunden werden. Darin sah Lenin die Gefahr eines neuen apolitischen Ökonomismus, der von selbst zur Erschöpfung des Systems führe. Für Lenin konnte nur der politische Kampf das Ende des Imperialismus einleiten. Der Text fasst den Stand der Imperialismustheorien seiner Zeit zusammen (vor allem Hobson und Hilferding) und aktualisiert diese aufgrund des Verrats der II. Internationale an der Arbeiterbewegung. Aufgrund der Zensur war Lenin gezwungen, seine Theorie als rein wirtschaftliche Analyse der kapitalistischen Weltwirtschaft in ihren internationalen Verflechtungen zu formulieren. Erst 1920 ergänzte er in einem Vorwort seine politischen Schlussfolgerungen.

Lenin sah den modernen Imperialismus als eine Kombination von Konzentration und Zentralisation des Kapitals in der Form von Monopolen, der Fusion von Bank- und Industriekapital in einer Finanzoligarchie, dem Export von Kapital, der Bildung von internationalen Kartellen und einer territorialen Aufteilung der Welt. Das Besondere an Lenins Herangehensweise an den 1. Weltkrieg ist seine Epochendefinition, dass die Zeit sozialistischer Revolutionen begonnen habe verbunden mit der Fähigkeit zur konkreten Analyse der Situation und der Aufstellung spezifischer Handlungsorientierungen.

Sein Nein zum Krieg beinhaltete sofort sein Ja zur sozialistischen Revolution, denn aus den tiefen Widersprüchen des Imperialismus leitete er die Möglichkeit einer erfolgreichen sozialistischen Revolution in gleich mehreren Ländern ab. Und anders als alle anderen Linken ihrer Zeit waren die Bolschewiki strategisch wie mental darauf vorbereitet, die Waffen gegen die eigenen Regierungen zu wenden. Es gab für Lenin nur die Alternative Imperialismus oder Sozialismus: „Außerhalb des Sozialismus gibt es für die Menschheit keine Rettung vor Kriegen, vor Hungersnot, vor dem Untergang weiterer Millionen und Abermillionen von Menschen.“ (LW 24/19)

Die Ursache von Kriegen sah Lenin im Imperialismus. Das Neue an der imperialistischen Epoche bestand ihm zufolge darin, dass die Großmächte die Welt unter sich aufgeteilt hätten und die friedliche Zeit des Kapitalismus beendet sei. Jetzt herrsche nur noch Gewalt: Kriege und verschärfte Klassenkämpfe regierten die Epoche. Lenin sah durch die Niederlage der eigenen Bourgeoisie im Krieg die revolutionäre Machtergreifung erleichtert.

Noch weit entfernt vom nationalbolschewistischen Weg des Sozialismus in einem Land, den seine Nachfolger einschlagen sollten, bezog Lenin im Ersten Weltkrieg eine deutlich antinationalistische Haltung: „Ein Proletarier, der sich auch nur mit dem kleinsten Gewaltakt ‚seiner Nation‘ gegen andere Nationen abfindet, kann nicht sozialistisch sein.“ (LW 21, 318) Lenin argumentierte gegen die Vaterlandsverteidigung und setzte die soziale Revolution dagegen. Seine Forderung, die Waffen umzudrehen, war ein Aufruf zur Abschaffung von Krieg und Ausbeutung.

Die Beendigung des Krieges durch eine siegreiche Revolution verband Lenin mit dem geschichtsphilosophischen Theorem des historisch notwendigen Endes des Kapitalismus. Die revolutionäre Erfahrung seit dem 19. Jahrhundert bildete die empirische Basis für Lenins Revolutionstheorie. Er knüpfte an die Aufarbeitung der Revolution von 1848 und der Pariser Commune durch Marx und Engels an, biographisch an seine illegale Arbeit in der russischen Sozialdemokratie. Er versuchte dabei die revolutionären Traditionen Russlands mit einer Gesellschaftskritik zu verbinden, die aus der westeuropäischen Revolutionsgeschichte hervorging.

Das Pamphlet zum Imperialismus war von Lenins unbeugsamen Voluntarismus geprägt, der vom Primat der Politik ausging. Lenins Spiel von Brüchen und Kontinuitäten ist auch eine Auseinandersetzung über eine Revolution innerhalb revolutionärer Theorie und Praxis: Das Ziel bestimmt die Bewegung, die Strategie die Taktik, die Politik die Geschichte.

Am 5.–8. September 1915 hatte die Internationale Sozialistische Konferenz in Zimmerwald statt, auf der das heute wieder aktuelle Zimmerwalder Manifest gegen den Krieg beschlossen wurde. Im nachhinein kann es als Gründungsdokument der III. Internationale gelesen werden.

Am 8. Februar 1916 sprach Lenin zum ersten Mal auf einer öffentlichen Veranstaltung in der Schweiz im Berner Volkshaus, auf einer internationalen Kundgebung gegen den imperialistischen Krieg und die Aufgaben des Proletariats. Er verkündete in dieser düsteren Zeit die hoffnungsvolle Botschaft, „dass nach dem europäischen Kriege die proletarische Revolution gegen den Kapitalismus kommen wird“. Lenins Botschaft findet sich kurz darauf im Sozial-Demokrat Nr. 52 vom 25.3.16: „Über das Friedensprogramm: Der Krieg ist die Fortsetzung der Politik, die die herrschenden Klassen der kriegführenden Mächte lange vor dem Krieg getrieben haben, mit Mitteln der Gewalt.“ Wer den Bevölkerungen einen „demokratischen Frieden verheiße, ohne gleichzeitig die sozialistische Revolution zu propagieren“, betrüge das Proletariat.

In seiner im selben Jahr geschriebenen Broschüre „Der Imperialismus und die Spaltung des Sozialismus“ (LW 23) stützt sich Lenin auf seine These von der Entstehung der Arbeiteraristokratie. Deren Vertretung sei die bürgerliche Arbeiterpartei in den imperialistischen Ländern. Diese hellsichtige Analyse vertieft Lukács in Geschichte und Klassenbewusstsein. Bar jeder Klassenanalyse taucht sie im letzten Jahrzehnt des 20.Jahrhunderts ohne historischen Bezug als „imperiale Lebensweise“ wieder auf.

Ein für heute ebenso interessanter Artikel ist „Über die Losung der Entwaffnung“ (LW 23), in dem Lenin die Entwaffnung als „ein Ideal des Sozialismus“ bezeichnet. Aber auch, dass es erst im Sozialismus keine Kriege mehr geben werde. Im imperialistischen Zeitalter sei Sozialismus aber nur durch Revolution möglich, denn Gewalt „ist … das Heer“ der Staatsmacht. Dass der damalige Krieg zwar die erste proletarische Revolution hervorbringen, diese aber verraten wird mit dramatischen Folgen für die kommunistische Weltbewegung, ahnte Lenin damals nicht.

Das offene Erbe der III. Internationale (1919-1941)
Die 1919 gegründete internationale Organisation repräsentierte den ersten Versuch einer zugleich globalen, antikolonialistischen, antirassistischen und antiimperialistischen Politik. Nach dem Ersten Weltkrieg bot sie den verschiedenen nationalen Befreiungsbewegungen in den kolonialen Ländern eine Befreiungsideologie und organisatorische, personelle und materielle Ressourcen an. Nach der Revolution hatten die Bolschewiki die europäischen Geheimabkommen zur Aufteilung der noch nicht kolonisierten Regionen des Globus veröffentlicht. Und im Gründungsmanifest der Komintern 1919 hatten Lenin und Trotzki „die Kolonialsklaven Afrikas und Asiens“ zur Befreiung aufgerufen. Mit seiner in der Komintern verkörperten emanzipatorischen und internationalistischen Weltsicht lieferte der Kommunismus vielen sozialen Gruppen, Arbeiterinnen, Frauen, Schwarzen und Jugendlichen Identitäts-, Deutungs- und Handlungsangebote. Sie vermittelte ein Zugehörigkeitsgefühl, in welchem ethnische, nationale und soziale Herkunft und auch Geschlecht keine Rolle spielten.

Internationalismus war in kommunistischen Augen der Weg zur Moderne. Er ermöglichte die Überwindung des Kapitalismus, der Klassengesellschaft, des Kolonialismus, der weiblichen Unterdrückung, des Rassismus und Antisemitismus. Die Geschichte der Komintern ist aber auch während ihrer ganzen Existenz eine Geschichte von Konflikten, Differenzen, Dissidenzen und Abspaltungen, die in den 1930er Jahren durch Repression und Mord homogenisiert wurde. Doch 1920 sahen die Welt und die Komintern noch anders aus, sie vereinte marxistische Intellektuelle, revolutionäre Syndikalisten, Suffragetten, Sozialdemokraten, Anarchisten und Abenteurer. Sie hatte noch offene Ränder.

Die ersten Jahre der Kommunistischen Internationale waren die Lichtjahre der Russischen Revolution, Jahre der strategischen Suche nach der Definition einer revolutionären Politik. Es ging um nichts weniger als die universelle Tragweite der Oktoberrevolution. Aus der alten Sozialdemokratie entwickelte sich nicht von selbst eine neue Arbeiterbewegung. Während der ersten vier Kongresse präzisierte sich eine revolutionäre Strategie für Europa.

Der Gründungskongress der III. Internationale ging von der Aktualität der Revolution aus und wusste sich in einer Epoche der Krisen, Kriege und Revolutionen. Die bürgerliche Demokratie hatte auf allen Ebenen versagt, auch der Parlamentarismus der Arbeiterbewegung. Die neue Internationale wollte ein Instrument sein, das sich in den bevorstehenden Auseinandersetzungen bewährte und die Versager vor dem 1. Weltkrieg – d.h. die Sozialdemokratie – daraus ausschloss.

Für Lenin war die Gründung im März 1919 eine strategische Notwendigkeit. Er sah die Praxis und Orientierung der Sozialdemokratie mit dem Kommunismus als unvereinbar an. Nach der Revolution hatte sich Lenin in Staat und Revolution auf die Pariser Commune bezogen, d.h. die Räte als überlegene Form der Demokratie propagiert und die Idee „Alle Macht den Räten“ als strategische Alternative zum Parlamentarismus der Sozialdemokratie erklärt. Das Manifest des 1. Kongresses der KI stellte die Räte ins Zentrum der revolutionären Politik auf der ganzen Welt. Doch bleibt eine gewisse Unklarheit zurück, denn nicht überall entstanden Räte und nicht immer entwickelten sie sich so radikal wie in Russland. Beim Rückzug der revolutionären Welle entwickelten sich die Räte wie in Deutschland zu inhaltsleeren Komitees bestimmter Minderheiten oder als Alternativen zu Gewerkschaften (wie bei der KAPD oder den Bordigisten in Italien). Als Gegenmittel gegen den Reformismus und die Bürokratie festgeschrieben, wurden sie durch die Autorität der KI bestärkt und etwas zu formalistisch interpretiert.

Die ersten beiden Kongresse sind durch einen starken Voluntarismus und einen theoretisierten Subjektivismus geprägt: So wird der Kampf um die Macht als unmittelbare Aufgabe des Klassenkampfes festgeschrieben. Der 2. Kongress im Juli 1920 tagt inmitten einer revolutionären Offensive. Die internationale Arbeiterbewegung – mehr noch als unmittelbar nach der Oktoberrevolution – wendet sich an Moskau, die KI wird hip. Die 21 Bedingungen zur Aufnahme, redigiert von Lenin, die der 2. Kongress annimmt, sollen vermeiden, dass diejenigen sich bewerben, die die Arbeiterbewegung an ihre Nation verraten haben, und verpflichtet die Mitglieder zur Aufrechterhaltung eines illegalen Apparates und einer effektiven antimilitaristischen Arbeit, die Diktatur des Proletariats der parlamentarischen Kollaboration entgegenstellend.

Diese 21 Bedingungen führen zu Spaltungen der Sozialisten in Spanien und Italien. Die ersten beiden Kongresse sind stark linksradikal geprägt und weniger von einer Einheitsfrontidee getragen. Aus diesem Grund verfasst Lenin seinen verschmähten Text Die Kinderkrankheit des Kommunismus, in dem er sich weigert, die Spaltungen von links und rechts gleichzusetzen. Die Reformisten sind für ihn Verräter, die revolutionären Linksradikalen Bündnisgenoss:innen, weshalb sich die KI über die deutsche Fusion zwischen Spartakisten und der USPD freut.

Bereits Monate vor dem 2. Weltkongress hatte Lenin Thesen zur National- und Kolonialfrage entworfen, worin er einen wenig präzisen Begriff von unterdrückten Völkern definierte. Die Komintern sollte endlich die Aufgaben erfüllen, welche die II. Internationale sträflich vernachlässigt hatte, nämlich alle revolutionären Befreiungsbewegungen abhängiger, rechtloser Nationen, wie z.B. die Irländer oder die Schwarzen in den USA und der Kolonien. Dadurch wurden politische Gemeinsamkeiten nicht nur zwischen den Kolonialländern, sondern auch zwischen rassistisch Unterdrücken geschaffen. Diese unklare Definition führte später zu internationalistischen Versuchen wie der Westindischen Föderation in der Karibik, zur Idee der Sozialistischen Staaten Afrikas (propagiert von Nkrumah und Nyere, Walter Rodney in Guyana, Amilcar Cabral, dem Panafrikanismus und auch zum Teil den Blockfreien), aber auch zu nationalistischen Befreiungsbewegungen ohne emanzipatorische Dimension.

Der III. Kongress begründete, wenn auch etwas konfus, die neue Linie der Einheitsfront. Der Kronstädter Aufstand wurde niedergeschlagen, die Neue Ökonomische Politik wurde eingeführt, in Europa wurden entscheidende Schlachten verloren, der Rückzug war eingeleitet. Wie der 10. Kongress der Bolschewiki, so sanktionierte der III. Kongress der KI einige Monate später die Linie: Von nun an ging es darum, die Mehrheit der Arbeiter:innen für den Kommunismus zu gewinnen. Die Absicht war, gegen putschistische Tendenzen vorzugehen. So wurde die internationale Sozialdemokratie erneut zum dauerhaften Ansprechpartner erkoren und die KI stimmte auf dem III. Kongress die „Thesen über die Taktik“ ab, die der Sozialdemokratie eine Plattform für gemeinsame Aktionen vorschlugen. Damit einher ging auch die erneute Annäherung an die Gewerkschaften. Der grausame Verrat der II. Internationalen war weder vergessen noch vergeben, aber angesichts der internationalen Lage erachteten die Initiatoren der neuen Linie - Lenin und Trotzki – die Einheitsfront als notwendig.

Sie waren sich keineswegs sicher, eine Mehrheit auf dem Kongress dafür zu erlangen, denn der politische Apparat der KI, angeführt von Sinowjew, hatte bereits seine eigene Logik und Reflexe. Rakosi, Béla Kun und andere hatten die deutsche KPD zur Märzaktion animiert, um zu beweisen, dass die revolutionäre Offensive noch nicht vorbei sei. Die Gegenargumente waren die einer neuen Konjunktur, die eine neue Taktik erfordere, was durchgehend eine Stärke von Lenin war. Heute könnten wir sagen, dass dieser Kongress die Grundlagen einer revolutionären Strategie für das kapitalistische Europa begründete, die heute noch sinnvoll ist, zumal in der desolaten aktuellen Lage.

Es gab andere Stimmen, wie die von Karl Radek z.B., die eine mechanische Übertragung des russischen Modells auf andere europäische Länder vornahmen. Aber der Krieg war vorbei, die deutschen Bauern waren nicht so kämpferisch wie die russischen, die deutsche Bourgeoisie viel besser organisiert und erfahrener, und dann gab es noch die Arbeiteraristokratie. Die Wende auf dem III. Kongress der KI war eine radikale Neuorientierung und zielte auf eine politische Stärkung der kommunistischen Weltbewegung, die mehr war als eine neue Taktik, es ging um das Überleben der Internationale. Der italienische Kommunist Gramsci hat in seinen Gefängnisheften eine ähnliche Strategie entwickelt. Doch blieb die Strategie eine Baustelle. Nach dem IV. Kongress steckte sie fest. Nachdem sich die Revolution auf Russland begrenzt hatte und die Internationale den staatlichen Interessen der SU untergeordnet wurde, kehrte eine große theoretische Stille ein. Die Weltrevolution hatte sich zurückgezogen.
Sie wurde später von Trotzki im Kampf gegen den Nationalsozialismus wieder aufgenommen. Die theoretische Aktivität wurde nur von einer für Jahrzehnte besiegten Minderheit fortgeführt. Die Abzweigungen und Möglichkeiten des häretischen Kommunismus gerieten bis 1968 fast ins Vergessen.

Lenin heute
Warum Lenin für eine heutige Linke noch von Bedeutung ist:

Lenin bestand auf dem Primat der Politik, immer vielgestaltiger und lebendiger als es möglich ist. Er versuchte, so links zu sein, wie es die Verhältnisse erlaubten. Politik war für Lenin eine Zeit voller Kämpfe, Krisen und Niederlagen. Das Spezifische der Politik drückt sich bei ihm in der revolutionären Krise aus. Sein viel geschmähtes Parteikonzept war geschmeidiger, als allgemein behauptet wird. Für Lenin war die Rolle der Organisation immer abhängig von den aktuellen Kräfteverhältnissen, der Legalität, der Repression, den Möglichkeiten. Die Partei verkörperte die spezifische Form, unter der sich der Klassenkampf im politischen Feld einschreibt. Die revolutionäre Partei war der organisierte Ausdruck gemeinsamen Handelns. Sie sollte ein Element der Kontinuität in den Fluktuationen des kollektiven Bewusstseins und der sozialen Bewegungen werden, geprägt von Kämpfen, Krisen und Brüchen.

Lenin wird häufig als autoritär und undemokratisch erachtet, was auch nicht falsch ist, denn die Bürokratisierung der SU begann schnell, die Aktivitäten der Tscheka liefen aus dem Ruder, die Strafkolonie auf der Solowski-Insel wurde direkt nach dem Bürgerkrieg eröffnet. Obgleich in dieser ersten Phase falsche Entscheidungen getroffen wurden, war damals noch alles möglich.

Die falsche Entscheidung auf dem 10. Parteitag, die Fraktionsbildung vorübergehend zu verbieten, ging nach hinten los und wurde verstetigt. Doch verlief die Entwicklung schrittweise. Von 1927 bis 1929 – fünf Jahre nach Lenins Tod – gab es noch öffentlich kontroverse Diskussionen vor jedem Parteitag. Aber die Richtung war eindeutig, bis schließlich die Formel von der führenden Rolle der Partei nur mehr die Rolle der Parteiführung beschrieb und jedes Regulativ einer Korrektur, jede Möglichkeit einer politischen Alternative verloren ging.

Der Bruch in der Kontinuität der Bolschewiki erfolgte durch die große Wende der Dreißigerjahre, die Millionen von Menschenleben kostete. Der bürokratische Terror räumte komplett auf mit dem Erbe der Oktoberrevolution, also auch mit der Politik Lenins. Der Kongress der Sieger von 1934 bedeutete die Konsolidierung der bürokratischen Macht.

Ich möchte auf Lenins demokratische und libertäre Qualitäten und Erkenntnisse hinweisen, denn genau wie Marx verfügte er über beides: Lenin war gegen die Professionalisierung der Politik, gegen das imperative Mandat, für die jederzeitige Abwählbarkeit von Repräsentantinnen, gegen Privilegien aufgrund eines Amtes. Lenin hat – bis 1921 – die Rechte von Minderheiten in einer Partei stark gemacht, mit Rede und Publikationsrecht. Dabei orientierte er sich an der Erfahrung der Pariser Commune. In seinem Werk Staat und Revolution verlieren die Parteien an Bedeutung gegenüber der direkten Demokratie.

1923, nach dem Scheitern des Hamburger Aufstands, begann Lenins letzter Kampf: gegen die ansteigende Macht der Sowjetbürokratie, den er nicht gewinnen konnte, nicht nur, weil er bereits sieben Schlaganfälle erlitten hatte, sondern weil er die Umgestaltung des Staatsapparates immer noch als Parteiangelegenheit betrachtete, statt als Prozess der befreienden Abschaffung und Umgestaltung der ganzen Gesellschaft. Lenin sprach von einem Sowjetstaat mit bürokratischen Auswüchsen, von der alten Bürokratie, die nur mit Sowjetöl gesalbt sei. In einer Bildungsrevolution und in der wachsenden Anteilnahme der Bevölkerung an der Verwaltung sah er die einzige Möglichkeit, dieser Gefahr Herr zu werden. Von der allgemeinen Arbeiter- und Bauerninspektion erhoffte er sich eine Bändigung der Bürokratie. In seinem letzten Text, Lieber weniger, aber besser, warnte er vor dem alten Apparat im neuen Staat. Auch in seinem Testament wollte er die allgemeine Arbeiter- und Bauern-Inspektion mit der Parteikontrolle vereinen, um die Bürokratie in Partei und Staat besser zu bekämpfen. Die Problematik der Identifizierung von Partei- und Staatsführung war ihm nicht bewusst. Entscheidend für die Bürokratisierung war die fortwährende Unterminierung der Demokratie in Partei, Staat, Produktion und im Nationalitätenverhältnis, an der Lenin einen beträchtlichen Anteil hatte.

Lenin entwickelte in seinen Ideen eine eigene Zeitlichkeit, die Revolutionen und grundlegenden Veränderungen entspricht. Die revolutionäre Krise, auf die er sein ganzes politisches Leben hinsteuerte, hatte für ihn mehrere Zeitlichkeiten. Die Zeit erhält für Lenin durch den Kampf ihren Rhythmus und ihre Unterbrechung durch die Krise. Eine Zeit des günstigen Augenblicks und der besonderen Konjunktur, in der sich Notwendigkeit und Zufall verbinden, Akt und Prozess, Geschichte und Ereignis. Revolutionen besitzen ihr eigenes, durch Beschleunigungen und Verlangsamungen gegliedertes Tempo. Die Partei Lenins ist nicht mehr das Resultat einer kumulativen Erfahrung oder der bescheidenen Pädagogik, damit befasst, die Proletarier:innen aus ihrer dunklen Ignoranz ins Licht der Aufklärung zu erheben. Die Partei im Verständnis von Lenin wird zur strategischen Technikerin, zur Beschleunigerin und Lotsin des Klassenkampfs.

In der Herausbildung von Lenins Theorie existiert ein Spiel von Brüchen und Kontinuitäten. Lenin widerspricht wie Walter Benjamin dem blinden Glauben an einen linearen Fortschritt, wie ihn die Orthodoxie der II. Internationale vertritt. Für Lenin bestimmt das Ziel die Bewegung, die Strategie die Taktik, die Politik die Geschichte. Er hat erkannt, dass der politische Kampf viel komplexer ist, als der Kampf der Arbeiter:innen gegen das Unternehmertum und die Regierung. Die Klassen ließen sich nur durch den politischen Kampf aufheben. Man könne nie wissen, welcher Funke, das Feuer ausbrechen lässt, denn der Kommunismus ergebe sich aus allen Aspekten des gesellschaftlichen Lebens.

Lenin hat ausdrücklich darauf hingewiesen, dass der Sozialismus – als Vorstufe zum Kommunismus – sich nicht allein auf die Vergesellschaftung der Produktionsmittel reduziere. Die Kunst der richtigen Forderung ist eine Kunst des günstigen Augenblicks, die Lenin verstand. Am 29.9.1917 schrieb er an das schwankende ZK, dass die Krise reif sei. Warten werde zu einem Verbrechen. Am 8. und 24. Oktober legte er nach. Lenin lehnte das schrittweise Vorgehen ab und forderte Sprünge! Sein strategisches Denk:en definierte eine Bereitschaft für das unerwartete Ereignis, das sich in bestimmte historische Möglichkeiten einschreibt.

Heute ist es verpönt, eine Machtübernahme überhaupt zu erwägen, die Macht scheint zerstreuter denn je zu sein. Aber wir können ruhig vortäuschen, die Macht zu ignorieren, sie selbst vergisst uns nie. Von Lenin können wir lernen, dass eine Strategie der Gegenmacht, der kulturellen Hegemonie nur in der Perspektive einer Doppelherrschaft und ihrer Auflösung einen Sinn macht: Wer wird gewinnen, ohne sich dabei zu verlieren?

Beim vorstehendem Artikel handelt es sich um einen Vortrag, den Elfriede Müller am 10.1.23 in der Jungen Panke in Berlin gehalten hat.

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