Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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PDF Version Artikellink per Mail  | Soz Nr. 01/2024

Ein Offener Brief an die Klimagerechtigkeitsbewegung
dokumentiert

Ziemlich einsam, so berichtet jedenfalls die Tageszeitung Taz, war es für die Vertreter:innen von Fridays for Future und anderen Klimabewegten aus Deutschland und Österreich bei den Protesten auf dem Weltklimagipfel COP 28 in Dubai: An vielen der international organisierten Aktionen konnten sie nicht teilnehmen, weil der Krieg im Gazastreifen dort immer wieder zur Sprache kam, sein Ende gefordert wurde, ebenso ein Ende der Apartheid und des Siedlerkolonialismus.

Nach offizieller deutscher Lesart – und offensichtlich hat sich die auch ein relevanter Teil der Klimabewegung zu eigen gemacht – ist das »israelbezogener Antisemitismus« nach der umstrittenen Definition der International Holocaust Remembrance Alliance, der auch die Bundesregierung folgt (siehe SoZ 5/2021).
Die Taz zitiert Asad Rehman, einen britischen Aktivisten, der Proteste auf dem UN-Gelände mit organisiert hat: »Wie können wir uns mit deutschen Organisationen verbünden und zusammenarbeiten, die nicht bereit sind, gegen ihre eigene Regierung aufzutreten?« Immerhin wurde auch deutlich, dass der Bruch von FfF Deutschland mit der internationalen Struktur nicht endgültig sein soll, es sei nur eine zweimonatige Pause, so die deutsche FfF-Sprecherin in Dubai.

Der Brief
Internationalismus wurde von der Klimagerechtigkeitsbewegung bislang groß geschrieben. Das drückte sich nicht nur in Debatten über Kolonialismus aus. Besondere Highlights waren dabei die internationalen Besuchsdelegationen aus dem globalen Süden im globalen Norden, z.B. im Rheinischen Braunkohlerevier. Doch nun hat die Auseinandersetzung über den Nahostkrieg Auswirkungen auf den radikaleren Teil der Bewegung.
Wir dokumentieren hier auszugsweise einen Ende Oktober verfassten Offenen Brief des »Gastivist-Collective«, einem internationalen Zusammenschluss von Gruppen, die sich dem Kampf gegen die fossile Gasinfrastruktur verschrieben haben. Das Kollektiv hat seine Kooperation mit der AG Internationalismus von Ende Gelände eingestellt. – gk

»Wir wenden uns an unsere Freund:innen, Kolleg:innen und Mitstreiter:innen in der Gemeinschaft für Klimagerechtigkeit, um ihnen unsere Gedanken mitzuteilen und sie einzuladen, mit uns zu diskutieren und – was besonders wichtig ist – zu handeln. […] Wir alle spüren die Dringlichkeit, die unsägliche Gewalt zu beenden, deren Zeug:innen wir sind und die einige von uns erleben […]
Gastivist Collective ist ein kleines Kollektiv, in dem viele eine tiefe persönliche Verbindung zu der andauernden und sich rapid verschlechternden Krise im Nahen Osten haben. Viele von uns sind Juden und Jüdinnen, wir haben Gruppenmitglieder und Familien, die in Israel, im Libanon und im östlichen Mittelmeerraum leben. Viele von uns sind in Ländern wie dem Vereinigten Königreich, den USA und den Ländern der EU aufgewachsen – imperialistischen und weißen Vorherrschaftsmächten, die sowohl eine historische als auch eine aktuelle und materielle Verantwortung für das Geschehen tragen […]
In den letzten Jahren haben wir im östlichen Mittelmeerraum aktiv daran gearbeitet, eine Vision für Klimagerechtigkeit mitzugestalten, die in diesem Teil der Welt relevant erscheint. Unsere Arbeit konzentrierte sich auf den Aufbau von Vertrauen und Verständnis zwischen Gruppen, die normalerweise nicht miteinander reden oder reden können (Israelis und Libanesen, Türken und Griechen, Palästinenser und Israelis usw.).
Es war schwer, sehr schwer. Wir haben Fehler gemacht, wir haben uns gegenseitig verletzt, wir mussten uns an Vermittler wenden. Aber wir sind uns absolut sicher, dass der Aufbau von Empathie, Vertrauen und Verständnis ein notwendiger erster Schritt zur Schaffung von Gerechtigkeit in der Region ist.
Seit Jahren setzen wir uns gegen das israelische Apartheid- und Besatzungsregime in Palästina ein. Ein Teil unserer Aufgabe besteht darin, die Zusammenhänge zwischen fossilem Gas, Militarisierung und Konflikten aufzuzeigen. Als die Nachricht vom Hamas-Angriff am 7.Oktober die Runde machte, bereiteten wir die Veröffentlichung unseres Comics Peace Is Fossil Free vor, der Geschichten des Widerstands in Palästina und Israel zeigt, um deutlich zu machen, wie die Förderung von fossilem Gas die bestehenden Spannungen in der Region verschärft.*

Warum engagieren wir uns? Wir lassen uns von unserem unerschütterlichen Engagement für die Befreiung des palästinensischen Volkes von Besatzung und Apartheid leiten. Wir lassen uns von unserer Wut und unserem Entsetzen über den Völkermord in Gaza leiten. Wir lassen uns von unserer Trauer um die Israelis leiten, die bei dem Angriff der Hamas getötet wurden, und um die Familien, die auf Nachrichten über entführte Angehörige warten … Wir lassen uns von unserer Sorge und Bewunderung für unsere aktivistischen Freunde in Israel leiten, die so viel riskieren – einschließlich der Androhung von Gewalt –, weil sie ihre abweichende Meinung äußern. Wir lassen uns von unserer Angst vor der Zunahme von Islamophobie und Antisemitismus auf der ganzen Welt leiten und davon, wie diese Gewalt Rassismus und flüchtlingsfeindliche Rhetorik in unseren Gemeinschaften schürt.
Wir glauben nicht, dass es sich dabei um »Einseitigkeit« handelt. In unserem Kern lassen wir uns von unserer gemeinsamen Menschlichkeit und unserem Mitgefühl leiten. Im Zentrum dieses Krieges steht ein klares und grobes Machtungleichgewicht. Diese Welle der Gewalt wird zweifellos zu noch mehr Hass führen, mit Auswirkungen auf Israelis und Palästinenser:innen und mit Ausstrahlungseffekten auf Juden und Araber in der ganzen Welt … Macht euch nichts vor, der Nahe Osten leidet unter den Aktionen, der Legitimierung und der Militarisierung der westlichen Mächte. Wir sind entsetzt darüber, dass der Holocaust benutzt wird, um diese Welle der Gewalt zu rechtfertigen, ohne ihn jemals in einen neuen Kontext zu stellen und die Verantwortung der westlichen Mächte dafür und für den jahrhundertelangen Antisemitismus zuvor in den Mittelpunkt zu stellen.

Was können wir tun? Wir rufen unsere Freunde in den USA, in Großbritannien und in der EU öffentlich dazu auf, Druck auf unsere Regierungen auszuüben, um zumindest Folgendes zu fordern: Hilfe für Palästina, ein Ende der militärischen Unterstützung für Israel, einen sofortigen Waffenstillstand, die sofortige Verhandlung über die Freilassung der Gefangenen. Danach sollten Verhandlungen über eine politische Lösung stattfinden, die ein Ende der Besatzung und der Apartheid beinhalten muss.
Es ist für uns klar, dass diese Forderungen Teil unserer Arbeit sind. Es ist keine Abweichung von unserer Arbeit für Klimagerechtigkeit. Wir müssen unsere Forderungen nicht rechtfertigen … um die Klimaperspektive zu finden. Ohne soziale Gerechtigkeit gibt es keine Klimagerechtigkeit. Wenn wir als globale Gemeinschaft unsere gemeinsame Menschlichkeit aus den Augen verlieren – wofür kämpfen wir dann?«

*www.gastivists.org/wp-content/uploads/2023/10/ENG-PeaceIsFossilFree.pdf

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