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PDF Version Artikellink per Mail  | Soz Nr. 01/2024

Die Freikorps. Eberts Regierungstruppen 1920
von Rolf Euler

Norbert Kozicki: Friedrich Eberts Regierungstruppen nach der Novemberrevolution. Die Geschichte des Freikorps Aulock, der 3.Marine-Brigade Loewenfeld und des Freikorps Ep. Beiträge zum Ursprung des deutschen Faschismus. Berlin: trafo, 2023. 496 S., 42,80 Euro

Wer sich von früher einiges historische Wissen über den Kapp-Putsch und die folgenden Kämpfe zwischen Arbeitern und Regierungstruppen aneignen konnte, wird mit dem Buch Friedrich Eberts Regierungstruppen nach der Novemberrevolution und darin der Geschichte dreier Freikorps aus konterrevolutionären Truppen erneut in die Zeit versetzt, als die Weimarer Republik, gerade neu aufgestellt, schon den Ursprung des deutschen Faschismus gebar.
Kozicki, unter anderem bekannt für ein gutes Buch über 1968 und den »Aufbruch im Revier«, hat umfangreiches Material zusammengetragen, das die Untaten der Freikorps Aulock, Epp und der Marinebrigade Loewenfeld nach der Niederschlagung des Kapp-Putsches darstellt. Die Kommandeure dieser Freikorps waren auch am Kapp-Lüttwitz-Putsch beteiligt, wurden aber hinterher von der Reichsregierung unter Ebert zur Niederschlagung der Arbeiter eingesetzt.
Kozicki zeigt auf, wie diese Männer früh die nationalsozialistische Bewegung unterstützten, und später höhere Posten während des deutschen Faschismus einnahmen. Ihr brutales Vorgehen gegen die Arbeitergruppen, die gerade vorher durch ihr Vorgehen die Reichsregierung »gerettet« hatten, kommt in zahlreichen Dokumenten zum Ausdruck. Dabei zitiert Kozicki die selbsterstellten »Säuberungsberichte« der Offiziere wie auch die Zeitungen und Zeitschriften etwa der SPD, der USPD und vieler Autoren, die diese Zeit dargestellt hatten. Auch die Herkunft vieler Freikorpsbefehlshaber aus kleinadligen und militaristischen Kreisen und ihre Entwicklung hin zu aktiven Nationalsozialisten werden in dem Buch ausgebreitet.
Kozicki fasst das Vorgehen des Freikorps Aulock bei den Massakern etwa in Schlesien 1919 und im Ruhrgebiet 1920 so zusammen: »Von der terroristischen Hochverrätertruppe vom 13.März 1920 zur kriminellen Regierungstruppe im April 1920 im Ruhrgebiet, auf dem Weg in den Faschismus.« Was man leicht vergessen kann: Rund 80 Prozent der als Reichswehr gegen die Arbeiter eingesetzten Truppen gehörten den Kapp-Lüttwitz-Putschisten an, die die Reichsregierung unter Ebert stürzen wollten.

Sozialdemokraten – Befehlsgeber und Opfer
Liest man etwa die Geschichte der 3.Marinebrigade Loewenfeld nach, bekommt man ein Bild davon, wie alle rechtsextremen und terroristischen Ansichten und Taten der Nationalsozialisten bereits in den Jahren 1918, 1919 und 1920 angelegt, vorbereitet und in konterrevolutionäre Taten umgesetzt wurden. Noske, der SPD-Minister, ermächtigte den Aufbau der Brigade Loewenfeld. Sie wurde gegen streikende Arbeiter eingesetzt. Sie nahm am Putsch teil. Sie richtete in Breslau ein Putsch-Regime »gegen die Mehrheitssozialisten« (also die SPD-Regierung) ein.
Schon kurze Zeit später kam der sozialdemokratische Befehl zum Kampf gegen die Rote Ruhrarmee – ein weiteres Kapitel mörderischer Aktionen bei der Besetzung des nördlichen Reviers. Vergewaltigungen, als Standgericht deklarierte Morde, Hakenkreuze auf jüdischen Geschäften – Kozicki zieht diese Untaten mit seinem Buch aus dem drohenden Vergessenwerden.
Ähnliches schildert er aus vielen Quellen über die Untaten des Freikorps Epp in Bayern gegen die Münchener Räterepublik und ebenfalls im nördlichen Ruhrgebiet gegen Arbeiterwehren. Die Karriere dieses Militaristen und Rechtsextremisten bis in die NSDAP wird aufgezeigt.
Seitenlang lässt sich nur mit großem Zorn verfolgen, wie die Reichsregierung diesen Soldaten und Mördern freie Hand ließ. Die wenigen Prozesse gegen die schlimmsten Täter waren eine absolute Ausnahme. Spätere Beförderungen wurden trotz aller Putschbeteiligungen und gegen den politischen Protest im Reichstag vorgenommen. Es wird eine direkte Linie von den Untaten der antidemokratischen und konterrevolutionären Truppen 1919/20 bis zum Faschismus gezogen.

Kontinuitäten
Kozickis materialreiches, zitatenvolles und aufwühlendes Tatsachenbuch ist eine weitere Bestätigung der Untersuchungen von Klaus Theweleit über faschistisches Bewusstsein und soldatischen Gehorsam in seinem Werk Männerphantasien.
Kozicki folgert: Die unter dem sozialdemokratischen Reichspräsidenten Ebert verordneten Ausnahmezustände, die Aufhebung demokratischer Grundrechte und, damit einhergehend, die Erhebung der Putschisten und Freikorps zum militärischen Arm der Republik haben die Grundlagen für den deutschen Faschismus geschaffen.
Das Buch ist nicht gerade ein geeignetes Weihnachtsgeschenk, aber politisch notwendig und vielleicht Anlass, Parallelen und Kontinuitäten zu den heutigen Reichsbürgern und militärischen Rechtsextremisten zu untersuchen.

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