Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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PDF Version Artikellink per Mail  | Soz Nr. 01/2024

Hunderte fliehen vor der Gewalt israelischer Siedler in der Westbank
von Imad Abu Hawash

Für israelische Siedler ist der Gazakrieg eine goldene Gelegenheit, im Westjordanland endlich aufzuräumen; ganze palästinensische Gemeinden wurden im Gebiet C bereits vertrieben – C bezeichnet die zwei Drittel des Westjordanlands, die vollständig von Israel kontrolliert werden und in denen sich alle israelischen Siedlungen befinden.*

Am 13.Oktober um 22 Uhr erhielt ich einen Anruf von Amer Abu Awad, einem palästinensischen Bewohner von Khirbet Al-Radeem, einer kleinen ländlichen Gemeinde südlich von Hebron im besetzten Westjordanland. »Die Siedler haben mich angegriffen«, erzählte er mit verängstigter Stimme. »Einige von ihnen trugen Armeeuniformen.« Die Angreifer kamen von dem israelischen Siedleraußenposten Havat Meitarim, der von Yinon Levy geführt wird. Er ist den Palästinensern von Al-Radeem bekannt, zwei Monate zuvor hatte Levy einen anderen Bewohner bedroht und ihn und seine Familie gezwungen, sein Haus zu verlassen.
»Sie griffen mich an, schlugen meinen älteren Vater, stießen ihn zu Boden, schleiften ihn durch die Pfützen und richteten Waffen auf uns«, fuhr Abu Awad fort und hielt inne, um Luft zu holen. »Sie sagten, ich müsse bis morgen früh verschwinden, sonst würden meine Familie und ich vernichtet werden.«
In den frühen Morgenstunden des nächsten Tages rief mich Abu Awad erneut an. »Ich will weg, aber die Straßen sind gesperrt.« Nach stundenlangen Interventionen gelang es ihm, mit seiner fünfköpfigen Familie und seiner Schafherde in die Stadt As-Samu zu fliehen, Haus, Möbel, Viehställe und das Getreide für die Schafe ließ er zurück. Abu Awad und seine Familie mussten ihr gesamtes Hab und Gut zu Fuß tragen; die israelische Armee ließ keine Fahrzeuge in das Gebiet. Später in der Nacht kamen die Siedler mit einem Bulldozer nach Al-Radeem und demolierten Abu Awads Haus und Viehstall, zerstörten sein Getreide und beschädigten seine Solaranlagen. Außer Ruinen blieb nichts übrig.
Seit über einem Monat richtet sich die Aufmerksamkeit der Medien vor allem auf den Gazastreifen, nachdem Israel diesem nach dem Angriff der Hamas am 7.Oktober den Krieg erklärt hat. Doch viele vergessen, dass die Kriegserklärung auch für das Westjordanland gilt. Seit dem Tag haben sich israelische Siedler mit Soldaten zusammengetan, um palästinensische Gemeinden in den besetzten Gebieten anzugreifen; einige Siedler, wie in Al-Radeem, trugen bei ihren Angriffen sogar Armeeuniformen.
Mit voller Wucht findet diese gewalttätige Kampagne in den ländlichen Gebieten um Hebron im südlichen Westjordanland statt. Tage und Nacht zünden Siedler Häuser an, stehlen Schafe, blockieren Straßen, verwüsten Eigentum. Sie schießen auf palästinensische Bewohner, schlagen und bedrohen sie und führen Leibesvisitationen durch. Selbst die Stadt Hebron bleibt von dieser Kampagne nicht verschont. Die israelische Armee und die Siedler haben das als H2 bekannte Gebiet abgeriegelt und Notstandsgesetze erlassen, die die Täter von ihrer Verantwortung befreien.
Mehrere Gemeinden in der Umgebung von Hebron im Gebiet C wurden vollständig geräumt, ihr Land von Siedlern in Besitz genommen. Dazu gehören Al-Radeem, Khirbet Zanuta, ’Atiriyah, Khirbet A’nizan, Maqtal Msalam und Al-Qanoub. Schätzungsweise 400 Palästinenser – darunter über 150 Kinder und 100 Frauen – sind seit dem 7.Oktober aus der Region Hebron vor den Gräueltaten geflohen.
Es scheint, die israelischen Siedler wollen die Gunst der Stunde nutzen, um die Existenz der Palästinenser im Gebiet C zu vernichten. »Der Krieg mag zu Ende sein, aber werden die Bewohner zurückkehren?«, fragte Abu Awad wiederholt. Es gibt keine Antwort auf seine Frage. Im Moment gibt es kein palästinensisches Leben in Al-Radeem mehr. Und die Zukunft verheißt nichts Gutes.

Hand in Hand: Siedler und Soldaten
Nicht weit vom Haus der Familie Abu Awad in Al-Radeem entfernt, griffen Siedler die Familie von Issa Abu al-Kabash an. Diese Siedler kamen aus Asa’el, einem Außenposten, der vor zwei Monaten von der Regierung Benjamin Netanyahus formell nach israelischem Recht legalisiert wurde, einer von zehn Außenposten, die in diesem Jahr im Westjordanland legalisiert wurden (alle Siedlungen in den besetzten Gebieten sind nach internationalem Recht illegal).
Der neue Status scheint die Bewohner von Asa’el ermutigt zu haben, ihre Übergriffe auf Palästinenser zu intensivieren. Seit Monaten legen die Siedler in dem Gebiet Weinberge an, um das Land zu kontrollieren. Palästinensische Beschwerden bei den israelischen Behörden haben nicht geholfen. Am 19.Oktober haben Siedler Abu al-Kabash angegriffen und gedroht ihn zu töten, wenn er sein Haus nicht verlässt; kurz darauf floh er mit seiner zwölfköpfigen Familie, darunter sechs Kinder. Seitdem ist kein Palästinenser mehr in das Gebiet zurückgekehrt. Die Straffreiheit, die den Siedlern nicht nur vom israelischen Staat, sondern auch von internationalen Akteuren gewährt wird, hat sie in ihrem Krieg nur bestärkt.
In der Region Masafer Yatta in den südlichen Hebron-Bergen hat die israelische Armee zwölf palästinensische Gemeinden unter dem Vorwand belagert, dass ein Großteil des Gebiets als »Feuerzone« eingestuft wurde. Anfang 2022 genehmigte der Oberste Gerichtshof Israels die Pläne der Armee, über 1200 palästinensische Bewohner aus der ausgewiesenen Zone zu vertreiben. Das war weit vor dem 7.Oktober. Seitdem ist die Gewalt des Militärs und der Siedler gegen die Dörfer eskaliert, die Lage der palästinensischen Familien wird immer unerträglicher.
Im nahe gelegenen Dorf Tuba war die Nacht des 19.Oktober für Huda Zain Awad, 60, ihre Tochter Dalal und ihren Sohn Issa im Teenageralter ein Horror. Maskierte und bewaffnete israelische Siedler – Jugendliche vom Außenposten Ma’on – griffen ihr Haus an, zerstörten und verstreuten ihr Hab und Gut und stahlen die Schafe; sogar Küchenutensilien wurden gestohlen. Am nächsten Morgen wurde die Familie einem ähnlichen Angriff ausgesetzt, als eine weitere Gruppe von Siedlern in ihr Haus eindrang; diesmal trugen zwei der Siedler Armeeuniformen. Sie nahmen Huda und ihre Familie mit vorgehaltener Waffe mit und zwangen sie, stundenlang in der heißen Sonne zu sitzen. Als die Siedler das Haus verließen, riefen sie: »Das nächste Mal werden wir euch töten.«

›Unser Leben in Al-Qanoub ist vorbei‹
Die palästinensischen Bewohner waren bisher machtlos gegen die Siedlermilizen. Am 9.Oktober griffen mehr als 40 israelische Siedler die Gemeinde Al-Qanoub, östlich von As-Sa’ir und nördlich von Hebron, an. Einige der Angreifer waren maskiert und trugen Gewehre, andere trugen Schlagstöcke.
Mohammed Shalaldeh, 76, und seine zehnköpfige Familie, darunter fünf Kinder, leben seit Jahren in dem Dorf. Ich kenne die Familie Shalaldeh seit langem. Sie haben immer von ihrer Liebe zu ihrem Land und ihrer Verpflichtung zu sumud, Standhaftigkeit, in Al-Qanoub gesprochen, damit die Siedler es nicht in die Hände bekommen. Nun wurde der Familie die gesamte Existenzgrundlage geraubt:
»Um 16 Uhr umkreisten die Siedler meine Familie und begannen ihren Angriff, indem sie die Sonnenkollektoren zerschlugen«, berichtete Shalaldeh. »Das Geschrei der Siedler, als sie in unsere Wohnräume eindrangen, war erschreckend, die Kinder begannen zu weinen. Wir waren verängstigt, in Panik und konnten uns nicht bewegen. Wir versuchten, uns von ihnen fernzuhalten, damit sie uns nichts antun, also sammelte ich meine Familie in einem kleinen Raum. Das war die Gelegenheit für die Siedler. Sie zerschlugen alles und ließen nichts unangetastet. Als sie schließlich abzogen, stahlen sie Shalaldehs Herde von 150 Schafen und führten sie in Richtung der Siedlung Metzad. Shalaldeh versuchte, ihnen zu folgen, aber die Siedler ›richteten ihre Waffen auf mich und drohten, mich zu töten. Ich stand unter Schock. Die Schafe waren alles, was wir besaßen. Jetzt werde ich sie nie mehr zurückbekommen. Ich habe alles verloren.‹«
Sechs Stunden später, um 22 Uhr, begannen die Siedler wie in einem Hollywoodfilm die letzte Phase ihres Angriffs. »Es war überall dunkel«, berichtet Shalaldeh. »Es gab kein Licht, da die Solarzellen, die unser Haus mit Strom versorgen, zerstört worden waren. Wir zündeten ein Feuer an, und alles war still. Plötzlich umzingelten maskierte Siedler unser Haus und machten furchterregende Geräusche aus den Bäumen, als sie sich näherten«, fuhr er fort. »Sie brachen in das Haus ein und schrien uns an. Andere gingen in die nahe gelegene Höhle und begannen, alle Möbel und Inhalte zu zerschlagen. Meine Familie und ich waren anderthalb Stunden lang in völliger Angst. Sie stahlen unser Geld, 10000 jordanische Dinar (etwa 15000 US-Dollar), die ich durch den Verkauf von Schafen gespart hatte und mit denen ich hoffte, Getreide für meine Herde kaufen zu können.«
Augenblicke später, so Shalaldeh, »schrien die Siedler und befahlen uns, den Raum zu verlassen. Sie verfolgten uns in ein nahegelegenes Gebiet und sagten uns, wir sollten uns fernhalten. Ich versuchte, mit ihnen zu reden, aber es war vergeblich. Ich fragte sie: ›Wohin sollen wir gehen? Dies ist mein Land, dies ist mein Haus.‹ Sie haben nicht geantwortet. Aber ihre Schreie auf Hebräisch ließen nichts Gutes ahnen. Wir bemerkten ein Licht von dort, wo wir gewohnt hatten. Die Siedler brannten mein Haus nieder. Unser Leben in Al-Qanoub war vorbei.«
22.11.2023

Der Autor ist ein palästinensischer Aktivist und Forscher aus Al-Tabaqa bei Dura, südwestlich von Hebron, www.972mag.com/hebron-area-settler-violence-expulsions/.

*Die dreistufige Klassifizierung der besetzten Gebiete, die mit den Osloer Verträgen in den 90er Jahren eingeführt wurde, teilt palästinensisches Land und Bevölkerungszentren in verschiedene Einheiten auf und weist den Palästinensern in jeder Einheit ein anderes Paket von Rechten zu – sie sind alle den Rechten, die israelischen Siedlern in denselben Gebieten gewährt werden, weit unterlegen. Im Gebiet C arbeitet die israelische Besatzung aktiv daran, die Vorherrschaft der Siedler zu sichern.

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