Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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PDF Version Artikellink per Mail  | Soz Nr. 02/2024

Heißt kürzer arbeiten auch besser arbeiten?
von Violetta Bock

Die Arbeitszeitverkürzung (AZV) war immer ein zentrales Thema der Arbeiter:innen-, Frauen- und inzwischen auch Klimagerechtigkeitsbewegung. Die Arbeit ist ungleich verteilt, nicht nur in der Care-, sondern auch in der Lohnarbeit. Während die einen bis zum Burnout schuften, kommen die anderen nicht über die Runden, weil sie in der Teilzeitfalle sitzen. Ein gängiger Bezugspunkt ist inzwischen die Viertagewoche. Sie wird von der IG Metall unterstützt – aber auch Unternehmen wittern Chancen.

Teil der sozialökologischen Transformation
Das Konzeptwerk Neue Ökonomie legte Anfang 2023 ein Modell vor. Teilzeitbeschäftigte sollen einen Volllohn erhalten, andere ihre Arbeitszeit reduzieren. Sie plädieren für eine kollektive Arbeitszeitverkürzung auf 28 Stunden und eine Viertagewoche bei vollem Lohn- und Personalausgleich als zentrales Element einer sozialökologischen Transformation. Arbeit, Zeit und Einkommen werden gesellschaftlich umverteilt.
So soll etwa durch die Verkürzung der Arbeitszeit in umweltschädlichen Bereichen wie dem fossilen Energiesektor, der Rüstung und der Chemieindustrie der notwendige Rückbau abgefedert werden – finanziert durch die Umverteilung von Unternehmensgewinnen in den einen Bereichen, unterstützt durch staatliche Subventionen in anderen. Statt neoliberal Leistung immer weiter zu steigern, werden nach ihrer Vorstellung Beschäftigte an den Produktivitätsgewinnen beteiligt.
Klingt also wie ein nettes Modell. Doch sie sagen selbst: »Wir begreifen Arbeitszeit nicht nur als ökonomische Kategorie, sondern auch als politische, demokratische und kulturelle Kategorie. Bei der Verteilung von Zeit und Arbeit geht es um Herrschaftsverhältnisse und damit um Fragen von Klasse, Geschlecht, Rassismus und Ableismus.« Ableismus ist die ungerechtfertigte Ungleichbehandlung wegen einer körperlichen oder psychischen Beeinträchtigung oder aufgrund von Lernschwierigkeiten.
Umso erstaunlicher ist daher, dass ihr konkretester Schritt zur Durchsetzung von Arbeitszeitverkürzung das Vorantreiben von realen Experimenten ist, »um Beschäftigte, Unternehmen und Politiker:innen von den Vorteilen einer AZV zu überzeugen. Daher sollten wir darum kämpfen, auch in Deutschland großflächige Versuche einer Viertagewoche durchzuführen.« Doch dazu später mehr. Denn tatsächliches Kräftemessen um jede Stunde findet derzeit in einem für das Erreichen der »Transformation« wesentlichen Bereiche statt, nämlich im Verkehrssektor.

Kampf um jede Stunde
Die Arbeitskämpfe im Verkehrsbereich starten in die heiße Phase. Neben dem Lohn ist das zentrale Konfliktfeld die Arbeitszeit. Der notwendige Ausbau der Infrastruktur trifft auf eine Situation des Fachkräftemangels. Die Gewerkschaften drängen auf eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen.
Die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) fordert die Reduzierung der Wochenarbeitszeit von 38 auf 35 Stunden bei vollem Lohnausgleich. Die Deutsche Bahn dagegen bleibt stur. Das lächerliche Angebot von einer Stunde Reduzierung ab 2026 bei Verzicht auf 2,7 Prozent mehr Lohn soll zudem von ausreichender Arbeitszeitkapazität abhängig gemacht werden, also ob ausreichend Personal zur Kompensation bis dahin eingestellt worden ist. Die GDL antwortet mit der Ankündigung von sechs Tagen Streik. Jede Stunde ist hart umkämpft.
Bei den Kämpfen von Ver.di im Nahverkehr, die im Februar mit Arbeitskampfmaßnahmen starten, wurden ebenfalls in vielen Bundesländern Forderungen zur Arbeitszeit aufgestellt. Die 35-Stunden-Woche ist Teil der Forderungen in Schleswig-Holstein und bei der Hamburger Hochbahn AG.
Während in den Arbeitszeitdebatten oft vom Achtstundentag ausgegangen wird, zeigen die Bedingungen bei Bus und Bahn, also bei der Beförderung von Fahrgästen, dass dort die Realität eine andere ist. In Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern wird eine maximale Schichtlänge von zehn Stunden gefordert bzw. eine Mindestruhezeit zwischen zwei Diensten von 11 (Hamburg), 12 (Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen) oder 13 Stunden (Hessen).
Die Zeit zwischen zwei Diensten wird nicht selten zusätzlich gekappt, wenn der Ort zu Dienstbeginn von dem zu Dienstende abweicht und dadurch zusätzliche Wege Lebenszeit stehlen. In Bremen und Niedersachsen will man dem ein Ende setzen.
Vor allem geht es um die Arbeitszeitgestaltung. Da im Nahverkehr die Stoßzeiten auf verschiedene Tageszeiten verteilt sind, sind geteilte Dienste gängige Praxis – morgens ein paar Stunden, nachmittags ein paar Stunden, wenig freie Zeit am Stück. Darauf reagieren die Tarifkommissionen der Bundesländer unterschiedlich.
Die einen fordern Zuschläge und Zulagen für ungünstige Dienste (Hamburg, Hessen), Entschädigungen (Sachsen-Anhalt, Thüringen, Saarland), eine Begrenzung der Möglichkeit von geteilten Diensten pro Beschäftigten auf maximal einmal pro Monat (Sachsen) oder Festlegungen, wie geteilte Dienste zu gestalten sind. In Hessen will Ver.di, dass ein Dienstteil mindestens drei Stunden beträgt und ab einer Arbeitsunterbrechung von 1,5 Stunden ein Dienst als geteilt eingestuft wird.
Im Unterschied zur GDL macht das gesellschaftliche Bündnis »Wir fahren zusammen« diese Arbeitsbedingungen bekannt. Denn der jetzige Zustand ist nicht aufrechtzuerhalten. Die Krankenquoten sind hoch und neue Fahrer:innen dringend gesucht. Gerade die Verbesserungen der Gesundheitssituation und das Wohlbefinden werden zunehmend zum Thema, weshalb es in anderen Ländern inzwischen mehrere Versuche mit der Viertagewoche gab.

Die Viertagewoche weltweit
Das Konzeptwerk Neue Ökonomie hat Pilotprojekte zusammengefasst. 2015 und 2017 reduzierten über 2500 Beschäftigte in Island ihre Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich von 40 auf 35 oder 36 Stunden. In Irland und den USA nahmen 2022 insgesamt 33 Unternehmen an einem Experiment zur Viertagewoche teil, die Arbeitszeit wurde von 40 auf 32 Stunden reduziert.
Zeitgleich fanden ähnliche Experimente in Australien, Kanada, Neuseeland und Großbritannien statt. Bei vielen von ihnen wurde das Modell nach einer Pilotphase fortgeführt, auch im Interesse der Unternehmen. Denn Ziel war bei den Projekten immer, zwar die Arbeitszeit zu reduzieren, aber den »Output« zu erhalten oder sogar zu steigern.
In Belgien wurde 2022 ein Gesetz eingeführt, das eine Wahlmöglichkeit zwischen einer Viertage- und einer oder Fünftagewoche vorsieht. In Portugal nahmen 41 Unternehmen mit insgesamt tausend Beschäftigten an einem sechsmonatigen Pilotprojekt teil. Auch hier steigerte sich durch Umstrukturierung von Arbeitsabläufen (konzentriere Arbeitsphasen ohne Beantworten von Mails oder Anrufen, weniger Besprechungen, Einsatz von Technik) die Produktivität.
In einem Interview mit der Taz fasst der Wirtschaftsprofessor Pedro Gomez die Auswirkungen auf das Wohlbefinden wie folgt zusammen: »65 Prozent der Befragten geben an, dass sie mehr Zeit mit ihrer Familie haben, 60 Prozent widmen sich mehr als bisher ihren Hobbys und 45 Prozent verbringen mehr Zeit mit Freunden … Angstgefühle und Beklemmung gehen um 21 Prozent zurück, Müdigkeit um 23 Prozent, Schlafstörungen um 19 Prozent und depressive Zustände um 21 Prozent. Die Indikatoren für Burnout sind 19 Prozent niedriger als vor dem Pilotprojekt. Insgesamt sinkt der Krankenstand.«
Vorangetrieben werden diese Pilotprojekte von 4DayWeek Global. Die Organisation wirbt mit der einfachen Formel: 100 Prozent Lohn, 80 Prozent Zeit, 100 Prozent Produktivität. In Deutschland ist es die IG Metall, die offensiv damit wirbt, dass mit einer Verkürzung der Arbeitszeit keine Verluste für Unternehmen verbunden sind. Die Gewerkschaft kündigt einen Feldversuch von 50 Unternehmen von Februar bis August 2024 an, begleitet von der IG Metall.

Den relativen Mehrwert in den Blick nehmen
Was heißt das also für die Kräfteverhältnisse, wenn inzwischen selbst Unternehmen Interesse zeigen, weil Burnout und Krankenstände zum Problem werden? Natürlich ist es zu begrüßen, wenn mehr Zeit für Freizeit, ehrenamtliches Engagement, Pflege und Erholung bleibt.
Angesichts der weiter wachsenden Ungleichheit bei der Verteilung von Vermögen und Eigentum dürfen wir aber nicht nur auf die Ausbeutung der Arbeitskraft durch Steigerung des absoluten Mehrwerts achten, sondern ebenso des relativen Mehrwerts, also der Produktivität. Um Kräfteverhältnisse zu ändern, kommen wir um die Frage nicht rum, wer sich welchen Teil des Mehrwerts aneignet.

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