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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail  | Soz Nr. 02/2024

Der Streik bei der Deutschen Bahn AG ist bis zum 3.März unterbrochen.
Am 29.Januar 2024 ist der fünftägige Streik der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) bei der Deutschen Bahn AG beendet worden. Avanti hat mit Danny Grosshans über die Hintergründe des aktuellen Tarifkonflikts bei der DB AG gesprochen. Kollege Grosshans ist 2. stellvertretender Vorsitzender des Bezirks Süd-West der GDL.*

Hat der Streik Wirkung gezeigt und wie geht es weiter??

Bei der DB AG hat man immer den Eindruck, dass – koste es was es wolle – die berechtigten Forderungen der GDL immer bis zur Ultima Ratio, bis zum Äußersten, getrieben werden müssen. Es hat den Anschein, dass Arbeitskämpfe bei den Verantwortlichen erst Eindruck hinterlassen, wenn der Druck aus Öffentlichkeit und Politik steigt.

Die Streikauswirkungen beim letzten Arbeitskampf scheinen die Blockadehaltung im Vorstand der Deutschen Bahn AG endlich etwas gelöst zu haben. Die beeindruckenden Auswirkungen und Streikteilnahmen unter anderem auch im Bereich der Infrastruktur lassen sich jetzt nicht mehr vom Tisch wischen. In Hintergrundgesprächen haben sie nun die Verhandlungsverweigerung zum Beispiel zur 35-Stunden-Woche für Schichtarbeiter und zum Tarifvertrag für die Infrastruktur abgelegt. Ob das im Laufe der Verhandlungen so bleibt, erfahren wir frühestens am 3.März 2024. Bis dahin besteht jetzt Friedenspflicht und Stillschweigen über den Stand der Verhandlungen.

Im Gegensatz zu den Transdev-Unternehmen haben es die Verantwortlichen bei der Deutschen Bahn AG noch einmal wissen wollen. Schon nach dem Streik im Januar hatte Transdev erklärt, die mit 18 Unternehmen bereits vereinbarte Verringerung der Arbeitszeit ohne anteilige Absenkung des Entgelts 1:1 übernehmen zu wollen. Daraufhin haben wir im Januar die Arbeitskampfmaßnahmen bei Transdev vorzeitig beendet. Warum wir bei der Deutschen Bahn AG dafür nochmals fünf Tage lang streiken mussten, erschließt sich mir nicht wirklich.


Welchen Stellenwert hat die Forderung nach Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich für die GDL??

Unsere Forderung nach einer Absenkung der Arbeitszeit ohne anteilige Absenkung des Entgelts hat für unsere Kolleginnen und Kollegen einen sehr hohen Stellenwert und ist abschlussrelevant. Die Frage nach dem "ob" stellt sich nicht, hier geht es lediglich um das "wie". Dass wir bei dem "wie" kompromissbereit sind, zeigen die eben angesprochenen Tarifabschlüsse bei aktuell 18 Eisenbahnunternehmen. Dort haben wir die stufenweise Absenkung der Arbeitszeit bis 2028 bereits verbindlich vereinbart. 

Was sich erstmal unlogisch anhört, erscheint am Ende doch logisch. Die Arbeitszeitabsenkung wird sogar dazu führen, dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Wir stellen seit Jahren fest, dass gerade Berufe – fernab von „Homeoffice“ und einer Vier-Tage Woche – rund um die Uhr an 365 Tagen im Jahr auf dem Bewerbermarkt nicht gut ankommen. Es müssen Anreize geschaffen werden, damit sich wieder Leute für die Berufe und für die Eisenbahn begeistern können. Passiert das nicht, finden Klima- und Verkehrswende weiterhin nur in Sonntagsreden statt. In der Realität können aber Stellwerke oder Züge nicht besetzt und Instandhaltungen nicht durchgeführt werden, weil das Personal schlichtweg nicht vorhanden ist.


Welche Rolle spielen die Medien in dieser Auseinandersetzung?

?Wir finden es schade, dass die Medien ausschließlich Interesse an der GDL haben, wenn diese einen Streikaufruf verkündet. Bereits seit 2016 fordern wir zum Beispiel die Trennung von Netz und Betrieb. Ein zentraler Punkt dabei ist, dass gerade die Infrastruktur (Schiene, Bahnhöfe, Energie) dem Gemeinwohl zugeführt und somit Investitionen des Bundes und die Einnahmen daraus wieder für den Erhalt und Ausbau der Infrastruktur verwendet werden und nicht – wie jetzt – im schwarzen Loch der DB AG verschwinden.

Auch fordern wir seit Jahren, dass ein aus Steuergeldern finanzierter und defizitärer Staatskonzern Beteiligungen auf der ganzen Welt einstellen muss. Dem Fahrgast in Deutschland nützt es nichts, wenn die DB eine Catering-Firma in Großbritannien betreibt, während er nach einer verspäteten Zugfahrt und dem verpassten Anschlusszug im Wartehäuschen auf dem Bahnsteig auf den nächsten Zug warten muss.


Die Medienhetze gegen die GDL und insbesondere gegen den Vorsitzenden Claus Weselsky soll ja verhindern, dass der Streik Akzeptanz und Unterstützung erfährt. Was setzt ihr dem entgegen??

Das muss man differenziert betrachten. Gerade in der aktuellen Auseinandersetzung stellen wir fest, dass ein Großteil der Medien versucht, sachlich zu berichten. Dabei ist uns klar, dass das „Große Ganze“ in der schnellen und oberflächlichen Medienwelt in seiner Komplexität nicht immer rübergebracht werden kann. Außerdem finden wir bei der DB AG eine PR-Abteilung vor, die ihresgleichen sucht. Unzählige hoch bezahlte Mitarbeiter kümmern sich den ganzen Tag um nichts anderes als die Kommunikation mit den Medien. Wir als GDL filtern bereits seit vielen Jahren raus, wer von uns Interviews und Hintergrundinformationen erhält und wer nicht. Der grossen Tageszeitung mit den vier Buchstaben zum Beispiel haben wir schon lange den Stuhl vor die Tür gestellt.


Wie stehen die EVG-Mitglieder zu eurem Streik??

Ein Großteil der EVG-Mitglieder ist enttäuscht von ihrer Interessenvertretung, und das merken wir selbstverständlich auch an unserer positiven Mitgliederentwicklung. Gerade in den neuen Berufsgruppen (Fahrdienstleiter, Instandhaltung usw.), welche wir erst seit November 2020 gewerkschaftlich vertreten, erkennen wir fast täglich Neueintritte beziehungsweise Übertritte. Mit der Forderung nach einem Tarifvertrag für unsere Mitglieder bei der Infrastruktur der Deutschen Bahn AG werden wir den Grundrechten unserer Mitglieder gerecht. Doch – wie soll es anders sein – das hat die DB bis jetzt natürlich anders gesehen und versucht vehement, die Stellung ihrer Hausgewerkschaft zu schützen, und verweigerte uns die Verhandlungen darüber.

Deshalb heißt es jetzt „Farbe bekennen“, und wir fordern alle Kolleginnen und Kollegen auf, nicht abzuwarten und zuzuschauen, sondern jetzt einzutreten und aktiv mitzumachen.

Quelle: Avanti² Rhein-Neckar, Februar 2024.
Die Fragen für Avanti² stellte H. S.

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