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PDF Version Artikellink per Mail  | Soz Nr. 03/2024

Vor 120 Jahren streikten im roten Sachsen die Textilarbeiterinnen
von Gisela Notz

Die Stadt Crimmitschau war im 19.Jahrhundert ein Zentrum der aufstrebenden Textilindustrie. Sie spielte schon früh eine Rolle in der deutschen Arbeiterbewegung. Bereits 1860 wurde hier ein Arbeiterbildungsverein gegründet, in dem die Weber:innen Unterricht im Rechnen und Schreiben, in Sprachen und Buchführung erhalten konnten.

1863 zog der erste proletarische Abgeordnete ins Stadtparlament ein; 1869 wurde ein Ortsgruppe der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) gegründet. Der Crimmitschauer Bürger- und Bauernfreund, gegründet 1870 und gedruckt in einer Genossenschaftsdruckerei, gilt als die erste sozialdemokratische Tageszeitung.

Die Arbeitsbedingungen
Die Textilindustrie war weiblich geprägt. Viele junge Frauen, meist Landarbeiterinnen oder Dienstbotinnen, wurden von der Industrie angezogen. Sie erhofften sich von der Arbeit in der Fabrik eine Verbesserung ihrer Lebensumstände, was sie jedoch vorfanden, waren Hungerlöhne, fehlende soziale Absicherung, mangelnde Sicherheitsstandards und Sexismus.
»Alle Näherinnen«, sagte ein englischer Arzt, »leiden an dreifachem Elend – Überarbeit, Luftmangel und Mangel an Nahrung.« Manche Frauen gingen an Überarbeit zu Grunde, wie die arme Näherin Mary Anne Walkley, von der Karl Marx im ersten Band des Kapital (im Abschnitt »Englische Industriezweige ohne legale Schranke der Exploitation«) spricht: Mary Anne starb im Alter von 20 Jahren am 14.Juni 1863 im Londoner West End, nachdem sie dreiundzwanzig Stunden ohne Pause für die Hofkleidung gearbeitet hatte. Als Todesursache bestätigte ein Arzt: ein Schlaganfall, verursacht durch »lange Arbeitsstunden in einem überfüllten Arbeitszimmer und überengem, schlechtventiliertem Schlafgemach«. Die bürgerliche Presse berichtete über den Fall.
Obwohl die Lage der Arbeiterinnen noch elender war als die der Arbeiter und obwohl dies die Streikbereitschaft angeblich eher hemmt, waren Arbeiterinnen mindestens im gleichen Maße an Streiks beteiligt, auch wenn meist nur von Arbeitern die Rede war.
Die Arbeitsmänner betrachteten ihre Arbeitsgenossinnen mit Misstrauen. »Schmutzkonkurrenten« sahen sie in ihnen, die die Löhne der Männer drückten, als sei es die Schuld der Frauen, dass sie nicht den gleichen Lohn für die gleiche Arbeit erhielten. Noch 1872 wurde auf dem Erfurter Gewerkschaftskongress beschlossen, »gegen alle Frauenarbeit in den Fabriken und Werkstätten zu wirken und dieselbe abzuschaffen«. Die Frau sollte im Haus des eigenen Mannes bleiben, davon würden beide profitieren.

Der Streik als Machtkampf
»Eine Stunde für uns! Eine Stunde für unsere Familie! Eine Stunde fürs Leben!« Dieser Spruch wurde zum Ruf der Textilarbeiterinnen von Crimmitschau. Mit dem Streik, der im Juli 1903 auf einer öffentlichen Gewerkschaftsversammlung beschlossen wurde und vom August 1903 bis in den Januar 1904 dauerte, wollten sie den Zehnstundentag, eine Verlängerung der Mittagspause von einer auf anderthalb Stunden und eine Lohnerhöhung von 10 Prozent durchsetzen. Der Zehnstundentag bedeutete nicht nur für die Textilarbeiterinnen ein kleines bisschen mehr Zeit, er wirkte sich auch auf die Gesundheit aus und auf die Möglichkeit sich weiterzubilden.
Dass vor allem Frauen beteiligt waren, ist in der sozialdemokratischen Frauenzeitung Die Gleichheit von 1904 nachzulesen. Der gewerkschaftliche Organisierungsgrad der Frauen war hoch, sogar höher als bei den Männern. Im 29köpfigen »großen Streikkomitee« befanden sich dennoch nur sechs Weberinnen und Näherinnen, die allerdings als Hauptaktivistinnen auftraten und nicht selten als Streikposten verhaftet und misshandelt wurden.
600 Textilarbeiterinnen aus fünf Fabriken kündigten am 7.August 1903. Die Kündigung wollten sie zurücknehmen, wenn es akzeptable Verhandlungsergebnisse gebe. Die vom Streik betroffenen Unternehmer kündigten daraufhin ebenfalls im August 1903 allen Beschäftigten. Von der Aussperrung waren etwa 7000 Arbeiter:innen betroffen. In 26 Spinnereien, 52 Webereien und vier Färbereien des Ortes ruhte die Arbeit.
Der Arbeitskampf verlor zunehmend seinen lokalen Charakter und entwickelt sich zu einer reichsweiten Kraftprobe zwischen den Gewerkschaften und den Arbeitgeberverbänden. Gnadenlos wurde die brutale Macht der Kapitalisten gegenüber dem Proletariat sichtbar.

Reichsweite Unterstützung für beide Seiten
Die beteiligten Arbeitgeber konnten nicht nur mit der Unterstützung durch den Zentralverband der Textilarbeiter und den Centralverband Deutscher Industrieller rechnen, auch nicht betroffene Unternehmen, Behörden, Polizei und einflussreiche Kirchenvertreter unterstützten die Arbeitgeberseite. Der Centralverband Deutscher Industrieller stilisierte den Konflikt zum Kampf »der gesamten deutschen Sozialdemokratie gegen die gesamte deutsche Arbeitgeberschaft um die Frage, ob der Arbeitgeber Herr in seiner Werkstätte sein soll oder die Sozialdemokratische Organisation«.
Die Crimmitschauer Bevölkerung solidarisierte sich weitestgehend mit den Streikenden. Auch weiter entfernte SPD-Genoss:innen, Gewerkschafter:innen und selbst bürgerliche Frauen unterstützten den Streik der Arbeiterinnen »moralisch, organisatorisch und agitatorisch.«
Ottilie Baader, selbst Näherin und ab 1904 die erste hauptamtliche Funktionärin der SPD, bewunderte in ihrem Buch Ein steiniger Weg (1921) die feste, besonnene Haltung der Arbeiterinnen, die zum erstenmal in einem solchen Kampf standen. Sie schrieb: »Nach zehn Wochen erklärten sich die Fabrikanten bereit, die Arbeiterinnen zu den alten Bedingungen wieder einzustellen. Die meisten Beschäftigten gingen nicht darauf ein und hielten am Streik fest. Die Streikenden boten den Arbeitgebern Verhandlungen an. Die Arbeitgeber lehnten ab.«
August Bebel brachte den Streik am 10.Dezember 1903 im Reichstag zur Sprache. Er schloss mit den Worten: »Die Arbeiter sind die Grundlage unserer heutigen Gesellschaftsordnung. Diese kann weit eher 30000 Köpfe aus den oberen Gesellschaftskreisen entbehren als 30000 Arbeiter!« Daraufhin flossen die Spenden für die Kolleginnen.

Die Streikfront wird gebrochen
Mit Einschüchterung, Druck auf Familienmitglieder und mit Geldangeboten, die ein Vielfaches der Streikunterstützung ausmachten, versuchten die Unternehmer, die Streikfront zu brechen. Doch mit Bestechungsgeldern wollten sich die Arbeiterinnen nicht korrumpieren lassen. Unter falschen Versprechungen angeheuerte, auswärtige männliche Streikbrecher wurden durch Flugblätter von den Arbeiterinnen aufgeklärt: »Kommt nicht nach Crimmitschau! In Crimmitschau werden Arbeiter nicht gebraucht! … Ihr werdet euch nicht zu Verrätern an der Arbeiterklasse stempeln lassen. Der Sieg … ist auch euer Sieg!«
Am 4.November wurde ein Königliches Gendarmerie-Corps nach Crimmitschau verlegt, am 4.Dezember wurde der Belagerungszustand über die Stadt verhängt. Öffentliche und private Versammlungen waren unmöglich geworden. Die Auszahlung der Streikgelder erfolgte unter polizeilicher Kontrolle. Männer und Frauen, die Streikposten standen, wurden verhaftet und bestraft.
Nach fünf Monaten war kein einziges Streikziel erreicht. Der Zuzug von 1700 »Arbeitswilligen« von außerhalb gelang.
Im Januar 1904 kam die Nachricht, dass die Vorsitzenden des Unternehmerverbands und der Generalkommission der Gewerkschaften zur Verhütung schwerer wirtschaftlicher Schäden, die doch letzten Endes die Arbeiter am empfindlichsten treffen würden, die Ausgesperrten zum Abbrechen des Streiks und zur bedingungslosen Aufnahme der Arbeit auffordern. Eine Entscheidung, auf die viele Arbeiterinnen wütend waren. Sie fühlten sich von den Gewerkschaften im Stich gelassen.
Wenige Monate nach dem Ende des Streiks, im April 1904, gründete sich der Verein Deutscher Arbeitgeberverbände als Vertretung der Arbeitgeber in der verarbeitenden Industrie und im selben Jahr die Hauptstelle der deutschen Arbeitgeberverbände als Vertreter der schwerindustriellen AG. Sie fusionierten 1913 zur »Vereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände« (VDA), heute BDA.
Der Streik wurde später immer wieder als gescheitert, als klare Niederlage der Arbeiterinnen hingestellt. Ottilie Baader schrieb dazu: »Unterlegen, aber nicht besiegt war die tapfere Arbeiterschaft. Der Crimmitschauer Kampf um den Zehnstundentag war zu Ende, nun aber stand der Kampf um den gesetzlichen Zehnstundentag auf der Tagesordnung.« Die Arbeiterinnen hatten gelernt, dass man sich solidarisieren muss, wenn man sich für etwas einsetzt.
Vier Jahre später wurde die Gewerbeordnung novelliert und die gesetzliche Höchstarbeitszeit der gewerblichen Arbeiter:innen in ganz Sachsen auf zehn Stunden täglich herabgesetzt. Es dauerte bis zum 23.November 1918, bis der Rat der Volksbeauftragen den Achtstundentag verkündete.

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