Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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PDF Version Artikellink per Mail  | Soz Nr. 03/2024

Das Weltsozialforum in Kathmandu kommt mit einer Erklärung und einem Aktionsplan
von Leo Gabriel

Als das seit 2001 bestehende Weltsozialforum am 19.Februar zu Ende ging, waren viele der an die 25000 Teilnehmenden erleichtert: die einen, weil ihnen fünf Tage hindurch bei über 400 Veranstaltungen der Eindruck vermittelt wurde, dass sie in ihrer schwierigen Lebenssituation im südasiatischen Raum nicht allein sind; die anderen, weil sich die Aktivist:innen in ihrem Glauben bestätigt sahen, dass »eine andere Welt möglich« ist.

Überhaupt scheint der Glaube an das übersinnlich Wahrnehmbare in Nepal die Grundlage politischen Denkens zu sein. Auf Schritt und Tritt begegnet man auf den Straßen von Kathmandu den Bildern des lachenden Buddha oder des mehrarmigen Shiva, wobei im Laufe der Jahrhunderte (im Unterschied zu Indien) anstelle des religiösen Fundamentalismus ein toleranter, oft auch selbstironischer Synkretismus getreten ist. Im Unterschied zur Volksrepublik China sind hier die tibetischen Mönche ebenso staatlich anerkannt wie die kastenlosen Dalits. Das ist nicht zuletzt in einem Jahrzehnt langen Verfassungsprozess zum Ausdruck gekommen, der am Ende zur Abschaffung der Monarchie und der Einsetzung einer selbstbestimmten Parteiendemokratie führte. In diesem Prozess hatten die Maoisten wegen ihrer Zusammenarbeit mit den Dorfgemeinschaften die Oberhand gewonnen und stellen bis heute den Ministerpräsidenten und das Staatsoberhaupt.
All das spielte auch bei der Durchführung des Weltsozialforums eine große Rolle, das zum überwiegenden Teil aus Nepales:innen und Besucher:innen aus Indien (etwa 3000) und Bangladesh bestand. Aus Europa, Afrika und Lateinamerika waren vor allem Repräsentant:innen von NGOs zugegen, während die Nepales:innen die bereitgestellten Zelte mit Hunderten Angehörigen der sozialen Bewegungen füllten – allen voran die Via Campesina angehörenden All Nepalese Peasant Union, die Gewerkschaften und die Frauenbewegungen.

Konsens bei Palästina und Klimagerechtigkeit
Zwei internationale Themen spielten eine tragende Rolle: die Solidarität mit Palästina und die Klimagerechtigkeit. Den Aktivist:innen aus diesen beiden Themenbereichen war es zu verdanken, dass zum erstenmal in der Geschichte der Weltsozialforen am letzten Tag Schwerpunkte für die Mobilisierung auf weltweiter Ebene gesetzt werden konnten. So fand die Idee eines weltweiten Mobilisierungstags für den Frieden und gegen den Genozid in Gaza einhellige Zustimmung, das genaue Datum dafür steht noch aus.
Auch bei der Klimagerechtigkeit gab es weitgehende Übereinstimmung, nicht zuletzt deshalb, weil hunderttausende Bewohner:innen des Himalaya von der Gletscherschmelze in ihrer Existenz bedroht sind. »Das Problem dabei ist, dass die meisten europäischen und nordamerikanischen NGOs ihre Vorschläge aufgrund von wissenschaftlichen Erkenntnissen vorantreiben wollen, ohne die Interessen und Erfahrungen der lokalen Bevölkerung in Betracht zu ziehen«, erklärte der namhafte Soziologe Uddhab Pakurel, einer der ersten nepalesischen Promotoren des Weltsozialforums.
Nicht nur die nepalesischen Organisationen kritisierten, dass die NGOs im Weltsozialforum eine quantitativ wie auch politisch tragende Rolle einnehmen, die den Interessen großer Bewegungen wie Via Campesina, des Internationalen Gewerkschaftsbunds ITUC oder des Internationalen Friedensbüros (IPB) entgegenstehen.
Das war auch der Grund, warum sich viele von diesen im letzten Jahrzehnt vom WSF zurückgezogen hatten. Denn während erstere aufgrund ihrer finanziellen Abhängigkeiten eine Art Konkurrenzverhalten an den Tag legen, haben die sozialen Bewegungen eher ein Interesse daran, die innere Einheit zu stärken, um gegenüber ihrem Gegner geschlossen auftreten zu können.
Diese jahre-, vielleicht jahrzehntelange Diskussion im Internationalen Rat des Weltsozialforums, die in Mexiko 2022 beinahe zum Bruch geführt hätte, wurde auf einem Treffen im Dezember 2022 in Tunis insoweit geklärt, als dort beschlossen wurde, eine »Assembly of Struggles and Resistences« innerhalb des WSF zu gründen.
Diese Versammlung kann nun in ihrem eigenen Namen politische Erklärungen und Aktionspläne beschließen, was dem WSF als solchem wegen seines Gründungsdokuments, der Charta von Porto Alegre verwehrt war.

Erklärung und Aktionsplan
In Kathmandu wurde zum erstenmal eine solche Versammlung durchgeführt. In vier verschiedenen, zentral organisierten Paneldiskussionen zu den Themen Frieden, Klimagerechtigkeit, Demokratie und Gendergerechtigkeit gelang es, eine Diskussion voranzutreiben, die letztendlich zur Verabschiedung eines gemeinsamen Schlussdokuments und einem gemeinsamen Aktionsplan führte.
Wegen Terminkollisionen konnte allerdings nur eine relativ kleine Anzahl der Organisationen anwesend sein und der enorme Zeitunterschied zwischen Nepal, Europa und Lateinamerika machte die virtuelle Teilnahme der Daheimgebliebenen quasi unmöglich.
Ob es nun gelungen ist, das Weltsozialforum »wiederzubeleben«, muss sich allerdings noch zeigen. Die Erneuerung des WSF ist ein Prozess, bei dem das Ergebnis weitgehend von der Umsetzung des Vorhabens abhängt.

Der Autor ist Journalist und Sozialanthropologe, Friedensaktivist, seit 2001 Mitglied des Internationalen Rats des Weltsozialforums
https://wsf2024nepal.org/

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