Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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PDF Version Artikellink per Mail  | Soz Nr. 03/2024

Lexikon des deutschen Rätekommunismus
von Peter Nowak

Philippe Bourrinet: Biografisches Lexikon des deutschen Rätekommunismus 1920–1960. Berlin: Die Buch­macherei, 2023. 300 S., 18 Euro

»Europa den Räten«, lautete der Titel einer Tagung, zu der die Rosa-Luxemburg-Stiftung Anfang November 2023 in die Berliner Volksbühne eingeladen hatte. Dort ging es allerdings um die Wahl zum Europarat. Mit der historischen Strömung des Rätekommunismus hatte die Veranstaltung wenig zu tun.

Wer sich darüber genauer informieren will, sollte zum Biografischen Lexikon greifen, in dem über 600 Personen aufgeführt sind, die zumindest zeitweise mit der rätekommunistischen Bewegung in Kontakt standen.
Die Grundlage für das Buch bildete eine PDF-Datei von Philippe Bourrinet, die er bei lib.com veröffentlicht hatte. Das Team der Buchmacherei nahm Kontakt auf und machte es so möglich, dass das Buch erscheinen konnte. »Der vorliegenden Biographien sollen die politischen und durchaus widersprüchlichen Positionen der kommunistischen Linken (Kommunistische Arbeiterpartei, KAPD) sowie der Union-Bewegung (Allgemeine Arbeiterunion, AAU und Allgemeine Einheitsorganisation, AAU-E) in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg und in den folgenden Jahrzehnten zeigen und veranschaulichen«, grenzt der Herausgeber des Lexikons das Thema ein.
Es ist ein historisches Nachschlagewerk, das zum weiter Recherchieren einlädt. Das ist auch deshalb empfohlen, weil manche Einträge doch hinterfragt werde sollten. So wird bei der Biographie des Anarchisten Wilhelm Paul behauptet, er habe 1932 als Delegierter der Antifaschistischen Aktion verhindern können, »dass die stalinistische KPD einige Nationalsozialisten in den Vorstand der Erwerbslosenbewegung einschleuste«. Zu dieser Behauptung fehlt jeder Beleg und jede gesellschaftliche Kontextualisierung.

Lebenswege
Beim Stöbern erstaunt, dass für viele die rätekommunistische Phase eine kurze politische Episode war. Nicht wenige wurden später SED-Mitglieder, manche auch linientreue Funktionär:innen. Andere wurden schnell wieder aus der Partei ausgeschlossen und in der DDR verfolgt. Manche setzten ihre politische Arbeit auch in der SPD fort, wie der in den 70er Jahren sehr bekannte linkssozialdemokratische Kreuzberger Bezirksstadtrat für Jugend und Sport, Erwin Beck.
1984 schrieb er rückblickend über seine linken Jugendjahre: »Entscheidend im Sinne meiner weiteren politischen Entwicklung waren für mich die Einflüsse, die ich aus der linkssozialistischen Richtung erhielt.« Noch 1984 schrieb Beck, er sei »beeinflusst von Rosa Luxemburgs Kritik des leninistischen Parteimodells und geprägt vom Rätegedanken der direkten Demokratie«.
Das hat auch nicht mehr viel mit den rätekommunistischen Vorstellungen der 1920er Jahre zu tun. Doch Beck genoss als Kreuzberger Bezirksstadtrat für Jugend und Sport auch bei manchen der Haus- und Instandbesetzer:innen in den 1970er Jahren Vertrauen, wie noch heute Bewohner:innen des Georg-von-Rauch-Hauses betonen.
Im antifaschistischen Widerstand hielt Beck »auch Kontakte zu trotzkistischen Kreisen, etwa zu Hans Berger«. Zu ihm allerdings sucht man einen lexikalischen Eintrag vergeblich. Einige der aufgelisteten Personen starben in Gefängnissen und Konzentrationslagern des NS-Regimes wie der Publizist und Mitbegründer der KAPD, Alexander Schwab. Andere wurden Opfer der stalinistischen Repression in der Sowjetunion. So ist das Lexikon auch ein Stück Gedenk- und Erinnerungsarbeit.

Keine scharfen Grenzen
Etwas unklar bleiben die Kriterien für einen Eintrag in das Lexikon. Es ist auf jeden Fall ein sehr weiter Begriff von Rätekommunismus, der hier verwendet wird. Bei manchen der aufgeführten Personen reicht es aus, dass sie zeitweilig mit Rätekommunist:innen Kontakt hatten oder sich positiv auf rätekommunistische Postulate bezogen haben. Daher wäre es vielleicht präziser von einem biographischen Lexikon deutschsprachiger dissidenter Kommunist:innen und Linkssozialist:innen zu sprechen.
Bei vielen Biographien wird auch deutlich, dass die linken Strömungen nicht so hermetisch getrennt waren. So wechselte Arthur Bartels von der anarchosyndikalistischen FAU zur Gelsenkirchener Union der Hand- und Kopfarbeiter, die der KPD nahestand. Oft sind nur wenige Lebensdaten zu einer Person zu finden, manchmal nicht einmal der vollständige Name. So lesen wir von einem oder einer Conradi und den Zusatz »Husumer Straße 34, Ortsausschuss der AAU für Walle«. Bei der AAU handelte es sich um eine der syndikalistischen Gewerkschaften, die in den 1920er Jahren in Abgrenzung zum reformistischen Kurs des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes entstanden waren.
Das Lexikon ist eine wahre Fundgrube und regt zum Querlesen an. Es ist eine wichtige Quelle, wenn man sich über dissidente Linke jenseits von Sozialdemokratismus und autoritärem Staatssozialismus informieren will. Gerade, weil diese Strömung in der Regel auch bei linken Historiker:innen zu wenig beachtet wird, die Quellen oft nicht gut aufgearbeitet sind, ist es umso verdienstvoller, dass mit der Veröffentlichung dieses Buches historische Pionierarbeit geleistet wurde. Dafür ist der Verlag »Die Buchmacherei« seit langem ein gute Adresse.

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