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PDF Version Artikellink per Mail  | Soz Nr. 03/2024

Radikale Alternativen zum Patriarchat
von Gerhard Klas

Kristen R. Ghodsee: Utopien für den Alltag. Eine kurze Geschichte radikaler Alternativen zum Patriarchat. Berlin: Suhrkamp, 2024. 430 S., 28 Euro

Radikale Hoffnung statt dystopischer Verzweiflung – nach ihrer Erstveröffentlichung: Warum Frauen im Sozialismus besseren Sex haben, übersetzt in vierzehn Sprachen, hat sich die US-Autorin Kristen R. Ghodsee mit ihrem Buch Utopien für den Alltag. Eine kurze Geschichte radikaler Alternativen zum Patriarchat auf die Suche nach den Möglichkeiten grundlegender Veränderungen gemacht. Sie ist fündig geworden: in der griechischen Antike, bei den französischen Frühsozialisten und in zahlreichen nichtwestlichen Gesellschaften. Ihre Leitidee: Glück und Wohlstand für viele statt immer größere Vermögen und Macht für wenige.
Weltweit, so schreibt Kristin Ghodsee, werden Frauen in alte, überkommen geglaubte Rollenmuster zurück gedrängt. Die Coronakrise wirkte da wie ein Brandbeschleuniger: Es waren vor allem Frauen, die vom Arbeitsplatzverlust betroffen waren, die mehr unbezahlte Sorgearbeit verrichten mussten und vermehrt häuslicher Gewalt ausgesetzt waren.
Die US-Sachbuchautorin hat während der Pandemie ihr zweites Buch über neue Gesellschaftsentwürfe geschrieben: Sie sollen die Rolle der Frau stärken und von ihnen, so meint die Autorin, können auch Männer profitieren. Dies hatte sie auch schon in ihrem ersten Buch Warum Frauen im Sozialismus besseren Sex haben postuliert.

Parforceritt durch die Epochen
Ihr neues Buch ist wie ihr erstes keine Hommage an den ehemaligen Ostblock. Ghodsee blickt nicht nur auf staatliche Lösungen, sondern auch auf selbstorganisierte Gemeinschaftsexperimente. Die 400 Seiten ihres Buches führen Leserinnen und Leser in die unterschiedlichsten Regionen der Welt und quer durch sämtliche Epochen der Menschheitsgeschichte.
Ein wahrer Parforceritt vom antiken Griechenland über flandrische Beginenhöfe, französische Frühsozialisten, israelische Kibbuzim bis hin zu aktuellen Wohnprojekten. Wohnen, Arbeiten, Erziehung und Bildung stehen im Zentrum ihrer antipatriarchalischen Ansätze.
Gut gelungen ist beispielsweise Godhsees Kapitel über die verschiedenen Bildungssysteme. Hart geht sie mit dem US-Bildungssystem und seinem völlig individualistischen Ansatz ins Gericht.
Es gebe keine wertneutrale Bildung, schreibt sie, und bietet als Gegenmodelle etwa die ukrainischen Makarenko-Kommunen an. Sie sammelten Anfang des vergangenen Jahrhunderts jugendliche Strafttäter ein, die dort wohnten und arbeiteten. Die pädagogischen Erfolge der Makarenko-Kommunen gründeten auf gegenseitiger Achtung und Wertschätzung jedes Einzelnen und seiner Tätigkeit. Die Erfolge waren so durchschlagend, dass sie zum Vorbild für Ausbildungsysteme in vielen anderen Ländern wurden.

Gemeinschaftsaufgaben
Bei der frühkindlichen Erziehung kommt Godhsee sehr schnell zu einer grundsätzlichen Kritik am Kleinfamilienmodell. Als Entwicklungsland in Sachen Infrastruktur macht Ghodsee dabei Deutschland aus. In kaum einem anderen Land überwiegt so sehr die Vorstellung, dass Erziehung primär eine Aufgabe der Kleinfamilie sei. Die sei aber in der Regel damit überfordert: Allein das Zeitmanagement erfordere höchste Disziplin, steige dann auch noch der ökonomische Druck, komme es häufig zu Verzweiflung und häuslicher Gewalt.
Noch schlimmer sei es in den USA, wo es eine regelrechte ideologische Verehrung der Kleinfamilie gebe. Eine erfolgreiche Kindererziehung erfordere hingegen – nach dem Motto »Es braucht ein ganzes Dorf« – gemeinschaftliche Ansätze und viel gesellschaftliche Unterstützung, die weit über die Kleinfamilie hinausgingen.

Zukunft ohne Patriarchat
Godhsees Buch ist interdisziplinär, es gründet auf soziologischen, anthropologischen, politologischen und philosophischen Arbeiten zahlreicher Wissenschaftler:innen. Wir brauchen mehr utopisches Denken, schreibt Ghodsee. Da ist ihr in einer Zeit der Agonie und rückwärtsgewandter rechter Gesellschaftsentwürfe ohne Frage zuzustimmen. Aber an manchen Stellen wirken ihre Vorschläge etwas schematisch und idealistisch, etwa wenn sie sexuellen Missbrauch und Gewalt an Schutzbefohlenen in gemeinschaftlichen Erziehungseinrichtungen nicht erwähnt.
Trotzdem: Das Buch ist ein inspirierender Beitrag in einer Zeit, in der das reaktionäre Frauenbild, die Queerfeindlichkeit und der engstirnige Nationalismus rechter Politik überall auf dem Vormarsch sind. Godhsee skizziert zahlreiche potenzielle und bereits reale Meilensteine auf dem Weg in eine nichtkapitalistische, solidarische Zukunft ohne Patriarchat.

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